der natur unbefangnen Sinnes anschaun. Freilich wurde mir dabei ihre Ironie klar, welche nirgends ausbleibt, und hier durch ein eheähnliches Verhältnis für Übertreibungen der Sitte und Sittlichkeit das Gleichgewicht herzustellen gesucht hat. Denn jenes Verhältnis war nach so vielen Gewissenszweifeln, Büssungen und Gebeten dennoch schon bei Lebzeiten des Herzogs eingeschritten. Der Arzt hat eine grosse Aufgabe in der Gegenwart zu lösen. Krankheiten, besonders die Nervenübel, wozu seit einer Reihe von Jahren das Menschengeschlecht vorzugsweise disponiert ist, sind das moderne Fatum. Was in frischeren, kürzer angebundnen zeiten sich mit einem Dolchstosse, mit andern raschen Taten der leidenschaft Luft machte, oder hinter die Mauern des Klosters flüchtete, das nagt jetzt inmitten scheinbar – erträglicher Zustände langsam an sich, untergräbt sich von innen aus, zehrt unbemerkt an seinen edelsten Lebenskräften, bis denn jene Leiden fertig und ausgebildet dastehn.
Zwischen diese verlarvten Schicksale ist nun der Arzt gestellt. Er muss, will er seinen Beruf mit Weisheit erfüllen, ein Eingeweihter sein, Gott und die Welt im Busen tragen, er muss gewissermassen das Amt eines Priesters und Hierophanten üben. Mittel und Wege hat er aufzufinden, wozu ihm die materia medica keine Anleitung gibt.
unsrer Wissenschaft steht überhaupt eine Umbildung bevor, und wenn es erlaubt ist, der Entwicklung der Dinge vorzugreifen, so möchte ich sagen: Wir werden uns der antiken Richtung wieder näher anschliessen. Lange genug haben wir mit Pulvern und Pillen die natur zu zwingen gewähnt, oder den lebendigen Leib an das Kreuz des Systems geschlagen, in Zukunft werden wir mehr beobachten. Selbst der Auswuchs der jetzigen Heilkunde, die Homöopatie, deutet schon diesen richtigeren Weg an, wenn sie verschmäht, die sogenannten inneren Ursachen analysierend sich zur Anschauung zu bringen, in welcher isolierten Analysis auch eigentlich nichts mehr vorhanden ist, was dem arzt einen Fingerzeig geben könnte.
XIII. Hermann
So bewegte sich die Welt, worin unser Freund eine Zeitlang einheimisch und tätig gewesen war, gänzlich umgestaltet, in Erbaun und Verfall, Trost und Verzweiflung auf und ab, ohne dass er selbst von diesen Ereignissen etwas verstanden, oder an ihnen teilgenommen hätte. Mit schwerem Finger hatte ihn das Schicksal berührt, an ihm ein Zeichen gesetzt, welche Gefahren unsre Zeit den Jünglingen bereitet, die mit Empfindung und Geist ausgerüstet, ungebunden dahinleben zu können meinen.
Nach der Rückkehr von meiner Reise war mein erster gang zu Wilhelmi, den ich, durchaus verwandelt, das zweite Kind auf dem Schosse haltend, neben seiner muntern, artigen Frau antraf. Von den Gemälden und sonstigen Seltenheiten, als deren eifrige Sammlerin die nunmehrige Madame Wilhelmi bekannt gewesen war, erblickte ich nichts, vielmehr sah ich nur eine gewöhnliche elegante Einrichtung. Da meine Augen die verschwundnen Schätze suchten, erriet mich Wilhelmi, und ich wurde als alter Freund gleich in einen Ehekrieg eingeweiht. Die Kunstkennerin hatte seit ihrer Vermählung allen Geschmack an den Antiquitäten verloren, sie, Wilhelmis Einreden ungeachtet, nach entlegnen Kammern verwiesen, und wollte dieses ganze Besitztum gern losschlagen, wozu aber der Gatte seine Zustimmung beharrlich versagte. Seine Neigung war die nämliche geblieben. Er suchte die verwiesenen Lieblinge in den engen Räumen so gut als möglich unterzubringen.
Alles dieses erfuhr ich in der ersten halben Stunde durch halb ernste, halb scherzhafte gespräche, welche jedoch von vollkommner gegenseitiger Zufriedenheit zeugten.
Bald wurde aber die häusliche Szene durch eine Figur gestört, bei deren Erscheinung die Gatten mitleidig und betrübt ihre Blicke niederschlugen. Der Eintretende wollte sich, da er einen Fremden sah, alsobald entfernen, Wilhelmi hielt ihn indessen zurück, führte ihn mir entgegen, und sagte:
"Erkenne ihn nur, Hermann, es ist unser alter Freund, der Doktor."
Hermann gab mir die Hand, lächelte mich wie ein Kind an, und sagte: "Hippokrates war der berühmteste griechische Arzt, von der Insel Kos gebürtig, und brachte zuerst die Lehre von den kritischen Tagen auf." – Dann setzte er sich neben Wilhelmis Frau, und warf von Zeit zu Zeit historische oder philosophische Bemerkungen hin, welche alle richtig waren, nur freilich nicht die mindeste Beziehung zu der Umgebung hatten.
Es ist schrecklich, unvorbereitet den Tod eines Bekannten zu erfahren, aber es erschüttert Mark und Bein, ihn plötzlich lebendig, so wiederzusehn.
Niemand hatte mir noch etwas von dieser traurigen Veränderung gesagt. Ich war meiner ganzen ärztlichen Fassung benötigt, um nicht in Tränen bei dem Anblikke des Unglücklichen auszubrechen, der mit blassem Antlitze, erloschnen Augen und einem steten Lächeln, sonst aber unentstellt, dasass.
Unter einem Vorwande nahm ich Wilhelmi beiseite und begehrte draussen Aufschluss von ihm. Ich hörte darauf die begebenheiten, welche nun, da ich Ihre Bücher gelesen, mir nicht mehr dunkel sind, damals aber mir völlig rätselhaft vorkommen mussten.
Wilhelmi erzählte mir, dass Hermann mit den Gebärden eines Verzweifelnden von Flämmchens Landhause fortgestürmt sei. Die Landleute hätten ihn in der Gegend mit zerrissnen Kleidern, scheu wie das wild ihnen ausweichend, umherirren gesehen.
"Wir Zurückgebliebnen", sagte er, "die wir erfuhren, dass Johanna nach dem schloss abgereiset war, wurden über das Ausbleiben Hermanns sehr bestürzt. Ich schrieb an ihn, und da der Brief unbestellt wieder in meine hände gelangte, so reiste ich selbst nach der Gegend, wo ich denn jene Vorfälle hörte.
Er war verschwunden, trat jedoch nach mehreren Monaten, während welcher Korrespondenz, Nachfrage, öffentliche Bekanntmachungen vergeblich angewendet worden waren, seinen Aufentaltsort zu ermitteln, eines Abends, da es dämmerte, in mein Zimmer, fiel