an ihrer Quelle vergiftet zu sein, und seine Vorstellungen nahmen die krankhafte Verderbnis an, zu welcher es in der körperlichen Sphäre ein Gegenbild in dem scheusslichen Übel gibt, welches ich nicht nennen mag.
Ich versuchte, den irregehenden Gedanken die natürlichen Wege zu eröffnen, und sagte, dass ja ein jeder der Sohn seiner Taten sei, nur sein Bündel zu tragen, nur seine Schuld zu verantworten habe. Allein diese geistige Krankheitsform, welche man Aristokratismus nennt, nimmt solche Mittel nicht an, man kann sie nur aus sich selbst durch Illusionen heilen, welche mir nicht zur Hand waren.
Nach und nach rang sich der Herzog zu einer kalten Fassung empor. Er verlangte von mir die Entfernung der Frauen, wenn deren Umstände diese tunlich machten, da er allein zu sein wünsche, und die geschäftlichen Anordnungen, welche nun bevorständen, auch nur in der Einsamkeit treffen könne. Sein Wunsch stimmte mit meinen Ansichten überein. Welche üble wirkung musste die Verwicklung der Hausgeschicke auf die langsam genesende Herzogin machen, wenn sie davon, wie doch bei ihrer Anwesenheit kaum zu vermeiden war, Kunde bekam! Ich brauchte daher den Vorwand, dass zu ihrer völligen Herstellung nichts kräftiger wirken werde, als eine magnetische Behandlung, und sandte beide Damen, diese scheinbar einzuleiten, nach der Hauptstadt. Mancher Widerstand war zu besiegen gewesen, insbesondre bei Johanna, welche ich zuletzt nur dadurch zur Abreise bestimmte, dass sie einsehen musste, wie die Schwägerin ohne sie in der grossen Stadt ganz verlassen sein werde. Mein Ernst war es nicht mit dem Magnetismus, gegen welchen ich vielmehr von jeher gewesen bin, da er den Organismus nur noch tiefer zerrüttet. Ich empfahl die beiden Leidenden in die Obhut eines dortigen Freundes, auf welchen ich mich, wie auf mein zweites ärztliches Ich verlassen konnte. Diesem band ich ein, dass er meine Heilmetode, als Vorbereitung zu jener mystischen, verfolgen, und so ohne Streichen und Manipulieren den Zweck zu erreichen sich bestreben solle.
Nun waren wir Männer allein, verkümmert, auf dem schloss, welches sonst von freundlicher Geselligkeit eine so angenehme Belebung empfangen hatte. Der Herzog schien ruhig zu sein, er erklärte verschiedentlich, dass ich recht gehabt, dass jeder nur für sich und seine Handlungen einzustehen verpflichtet sei, dass die Vergehungen dritter Personen in den Augen der Vernünftigen unsrer Ehre nicht schaden könnten, und was dergleichen mehr war. Allein mir wurde nicht wohl bei diesem Gleichmute, der offenbar sich als erkünstelt zeigte.
Der Kaufmann hatte seine Anträge gemacht, welche dahin gingen, dass der Herzog die Güter auf den Todesfall abtreten, bei seinen Lebzeiten aber den Niessbrauch behalten solle. Letztres und ein bedeutendes Wittum für die Herzogin sollten den Kaufpreis bilden. Unter diesen Bedingungen war die Zurücknahme der Klage, die Ausantwortung des Reverses und die Geheimhaltung der ganzen Sache andrerseits versprochen worden.
Der Herzog hatte sich nicht einen Augenblick bedacht, den entscheidenden Federzug unter die ihm vorgelegte Abtretungsurkunde, welche die gedachten Punkte entielt, zu setzen. Als ich ihm über diesen eiligen Schritt Vorstellungen machte, sagte er: "Wollten Sie, dass der Krämer den Namen derer von * an den Pranger schlage? Wäre ich nicht gebrandmarkt? Besteht die Welt aus Vernünftigen? Zudem, ich habe keine Leibeserben, und so möge denn unser altes Geschlecht in diesen gepriesenen jüngsten Tagen erlöschen."
Ich sah ihn ernst und nachdenklich, oft in später Nachtstunde, durch die Gänge des Schlosses wandern. Er stand vor den Türen, den Geräten, den Wappenschildern still, und musterte sie mit zerstörten Blikken. Am längsten pflegte er im Ahnensaale zu verweilen, wo er manches an den Familienbildern ausbessern, die durch Staub und Alter verdunkelten reinigen liess. Das Bild des Grossvaters wurde herabgenommen und beiseite geschafft, das seinige an die leer gewordne Stelle befördert.
Wo es nur irgend geschehn konnte, brachte er das Gespräch auf den Selbstmord, gegen den er sich mit der grössten Lebhaftigkeit erklärte.
Alles, was über diesen Gegenstand Verwerfendes von jeher gesagt worden ist, trug er in den mannigfaltigsten Wendungen vor, und hob bei diesen Gelegenheiten besonders das Unanständige eines solchen Lebensabschlusses heraus, welcher in den meisten Fällen eine Menge von verletzenden Nachforschungen und das widerwärtigste Getümmel errege.
Er sprach leider zu oft davon, als dass ich nicht die Absicht hätte durchschimmern sehen, und nicht um so besorgter werden sollen. Das Leben musste ihm, wie er nun einmal war, unter den jetzigen Umständen eine Last sein, das erkannte ich wohl. Dennoch sträubt sich unser modernes Gefühl hartnäckig gegen den Entschluss, sie freiwillig abzulegen.
In meinen trüben Ahnungen wurde ich nur noch mehr befestigt, als ich eines Tages bei einem Gange durch die Bibliotek ein toxikologisches Werk aufgeschlagen fand. Der Leser hatte gerade bei der Seite innegehalten, welche von jenem mit grauenvoller Raschheit spurlos wirkenden Gifte, von der Blausäure, handelte.
Da der Herzog nun fast gleichzeitig über plötzliche Anwandlungen von Schwindel zu klagen begann, und seine Ahnung aussprach, dass er vielleicht einmal plötzlich am Schlagfluss sterben werde, (zu dem seine Konstitution sich durchaus nicht hinneigte); so wusste ich, dass er zu enden entschlossen sei, wie er gelebt hatte, nämlich ohne Verstoss gegen die äussere Sitte, in der Weise, die ihm für einen vornehmen Mann die schickliche bedünkte. Mich erschreckte, mich bekümmerte diese finstre Absicht, und dennoch war bei seinem Charakter keine Hoffnung vorhanden, sie zu wenden.
XII. Auch eine Bekehrungsgeschichte
Mich machten alle diese Vorfälle, Missgeschicke, Krankheiten sehr unglücklich.