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auch, und wenn uns das Jahrhundert, dessen Gehalt du gegen deine Überzeugung leugnest, irgend etwas gelehrt hat, so ist es das Gebot, nicht unsrem beschränkten Selbst, sondern den allgemeinen Interessen der Menschheit zu leben. Doch, von etwas andrem zu reden, bis ich nach Marseille komme, wo ich den ersten Sold vom Vereine beziehe, reiche ich wohl schwerlich aus. Könntest du mir vielleicht –"

Hermann liess den Philhellenen nicht vollenden, griff in seine tasche, und reichte ihm eine Note. Der andre steckte, ohne sich zu bedanken, das Papier ein, schüttelte seinem Freunde herzhaft die Hand, und sprach: "Auf Wiedersehn in Napoli. Du kommst uns nach, ich weiss das schon. Du bist besser und wärmer, als du dich stellst."

Statt einer Antwort fasste Hermann in den Busen, zog ein versiegeltes Päckchen hervor, wandte sich ab, und drückte, wie er meinte, unbemerkt vom Freunde, einen Kuss auf das Papier. "Du gehst über München", sagte er zum Philhellenen, "gib das an Fränzchen ab, du kennst sie ja."

"Das sieht wie eine Trennung aus. Seid ihr auseinander?"

"Man tut am besten, fallen zu lassen, was sich nicht länger halten kann. Sie ist sonderbar mit mir umgegangen. Und doch war sie allein aufrichtig. Ich habe mich um ein Dutzend Weiber gedreht, und die Schwüre ewiger Treue von ihnen empfangen, die dann in den Armen eines neuen Freundes vergessen wurden. Franziska sagte: 'Wir wollen ein paar vergnügte Tage zusammen haben und weiter nichts.' Wenn ich auf eine ernstere Verbindung drang, so lachte sie mich aus, und meinte, sähe ich sie einmal verheiratet, so wüsste ich, wen sie für den grössten Gimpel auf der Welt gehalten habe. Sage ihr, ich hätte anfangs diese lieben Briefchen als Unterpfand, dass unser Bündnis nicht ganz zerrissen sei, behalten wollen, aber die Freiheit sei das höchste Gut, sie solle mich vergessen und glücklich sein."

"Dass du die Weiber verachtest", sprach der Freund, "ist recht und gut. Kein frauenhaft-gesinnter Mensch kann höheren Ideen leben. Du bist auf gutem Wege, ich gehe beruhigt von dir. Ich weiss, dass wir uns nicht zum letzten Male gesehen haben. Tanze nur nicht, hörst du? Gottlob! Die Neigung zu diesem entnervenden Vergnügen nimmt doch immer mehr ab."

Er umarmte Hermann feierlich-herzlich, und ging mit grossen Schritten, sein kleines Ränzel tragend, quer durch den Wald. Der jugendliche Philosoph blieb auf dem Stamme sitzen.

Zweites Kapitel

Zufällig hatten sie einander in dem dorf, wo beide tages zuvor eingetroffen waren, gefunden. Manche Erinnerungen verknüpften sie, der Abend und ein teil der Nacht war unter Gesprächen hingegangen. Als Hermann die Gestalt des Freundes hinter den Stämmen verschwinden sah, schlich eine unangenehme Empfindung über sein Herz. Ihm war, als gehe seine Vergangenheit von ihm, er kam sich wie ein ausgesetzter Findling vor. Beinahe wäre er aufgesprungen, jenen zurückzurufen, und sich Fränzchens Liebespfänder wiederzuerbitten, hätte ihn nicht die Scheu vor dem Ausbruche einer solchen Weichlichkeit an seinen Sitz gefesselt.

"Ihr grünen Kräuter, ihr schlanken Stauden, ihr kräftigen Bäume, wie beneide ich euch!" rief er aus. "Ihr steht so gesund da, so selbstvergnügt, dass euch die kränklichen Menschen, die ihr unter euch umherschleichen seht, recht zum Hohn und Spott dienen mögen. Der Frühling ruft eure Knospen hervor, der Sommer schenkt euch Laub und Blüten, der Herbst bringt euch, wie Wiegenkinder, zur Ruhe. Die Knospenzeit denkt nicht an die Blütenmonde, und wenn eure vollen Kronen in den warmen Lüften schaukeln, sie erschrecken nicht vor der Ahnung winterkahler Zweige! Wir armen Menschen! Wir Frühgereiften! Wir haben keine Knospen mehr, keine Blüten;

mit dem Schnee auf dem haupt werden wir schon geboren. Wahrlich, unser Los ist ein recht lächerlicher Jammer! Dass man heutzutage so früh gescheit wird, gescheit werden muss, dass es gar nicht möglich ist, die törichten Streiche bis in die Dreissig mit hinüberzunehmen! O gäbe mir ein Gott die glückliche Dunkelheit, die hoffnungsreiche Nacht, statt des kalten Lichtes, welches Verstand und Erfahrung uns Spätlingen unwiderstehlich anzünden."

Zwei arme strickten sich um seinen Nacken, zwei weiche, warme Händchen hielten ihm die Augen zu. Erschrocken wollte er sich losmachen, das Ding hinter ihm vereitelte durch aalartiges Drehen und Wenden seine Bestrebungen. "Nun hast du ja, was du wolltest, die Finsternis vor den Augen!" rief eine zarte Mädchenstimme. Endlich bekam er das Gesicht frei. Er sah sich um. Ein wunderhübscher Kopf stak, wie das Haupt der Dryas, zwischen den Aststumpfen des Baums, unter welchem er gesessen hatte. Er zog das Wesen hinter dem Stamme hervor. Es war ein schönes geschöpf zwischen Kind und Jungfrau.

"Wer bist du? Woher kommst du? Was willst du von mir?" fragte Hermann, der sich von seinem Erstaunen kaum erholen konnte.

"Ich bin Fiametta oder Flämmchen, ich komme aus meiner Grotte hier nebenan, wo ich hörte, was ihr miteinander spracht, du und dein dummer Freund. Was ich von dir will, weisst du, denn die Alte hat es gesagt, und es steht in den Sternen geschrieben."

Sie schmiegte sich bei diesen Worten an Hermann, und sah ihm zärtlich in