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den Verfügungen des Herzogs ständen. Darüber zur Rede gestellt, sei nicht einmal eine Entschuldigung erfolgt, vielmehr das freche Erwidern, dass es so besser sei, worauf der Herzog ihm den Dienst gekündigt habe.

Auch mir war das gemeine Wesen dieses Menschen, welches sich in der letzteren Zeit, und besonders, seitdem der Rechtsstreit über die herrschaft anhängig war, immer mehr gesteigert hatte, sehr auffallend gewesen. Er tadelte laut seine Gebieter, hielt sich über sie auf, klatschte und verklatschte, benahm sich überhaupt so, als könne er hier schalten und walten, wie er wolle.

"Das ist die Frucht davon, wenn die Leute zu sehr sich einnisten", sagte der Herzog. – "Dieser Reinhard war schon bei meinem Grossvater, und dessen rechte Hand. Nun muss ich zu einem Schritte gegen ihn übergehen, der mir leid tut, aber nicht abzuwenden ist. Der alte Erich wurde in seiner Heftigkeit beinahe zum Mörder und irrt vielleicht unter Räubern umher, und was soll der Amtmann beginnen, wenn ich ihn, wie ich muss, forttreibe? Man wechsle auch mit den Menschen, wie mit den Kleidern, es wird viele Unbequemlichkeit dadurch erspart."

Er sah das Diplom an und fuhr mit einem trüben Lächeln fort: "Auf welchem schwachen grund die Pfeiler unsres Daseins stehen! Dieses schlechte und dünne Pergament wäre denn nun die letzte Bürgschaft eines erträglichen Lebens, nachdem so manches sich in meiner Häuslichkeit verändert hat, und dieses Schloss zum Siechenhofe geworden ist."

Einige Wochen vergingen, und des Vorfalls, der uns unbedeutend schien, wurde nicht weiter gedacht.

Mein Schreck war gross, als eines Abends spät der Herzog auf mein Zimmer geeilt kam, blass, mit verwandeltem Antlitz, bebenden Gliedern. Sprachlos reichte er mir einen geöffneten Brief hin, und sank, sich in seinen Mantel hüllend, auf einen

Sessel.

Der Brief war von Hermanns Oheim und entielt eine Nachricht, die allerdings den Festesten erschüttern konnte. Der Gegner schrieb, der Amtmann sei bei ihm gewesen, und habe ihm in betreff der Adelsurkunde, von welcher das Schicksal der zwischen ihnen schwebenden Sache abhange, eine unerwartete Nachricht gegeben. Jene Urkunde sei nämlich verfälscht und vom Amtmann selbst auf unablässiges Bitten, Dringen und Befehlen des Grossvaters, welcher sich den Prätendenten der jüngeren Linie gegenüber in grosser Verlegenheit gefühlt, unter genauer Beobachtung der Kurialien und mit treuer Nachmalung der Kanzeleischrift angefertigt worden. Künstlich vergilbte Dinte sei von einem Chemiker leicht zu beschaffen gewesen, auch habe es nicht schwergehalten, dem Pergamente selbst die Farbe des Alters zu leihen. Man habe einen geschickten Stempelschneider für eine grosse Summe gewonnen, das kaiserliche Insiegel vorhandnen Mustern in Metall nachzustechen.

Zu solchem Frevel habe der Amtmann sich nur erst dann verstehen wollen, als ihm vom Grossvater ein eigenhändiges untersiegeltes Bekenntnis über den ganzen Einhergang ausgestellt und überliefert worden sei. Mit diesem Reverse sei ihm das Schicksal des Hauses in die hände gegeben worden, und er habe in der Stunde, da er dem Herrn zuliebe so schwer sein Gewissen belastet, geschworen, dies nicht umsonst tun, vielmehr, wenn man ihm einmal nur im entferntesten Sinne schnöde begegne, alsobald das Amt der Rache ausüben zu wollen.

Der Oheim schrieb, dass der Amtmann alle diese Entdeckungen ihm in einem äusserst gereizten Zustande getan habe, und dass von ihm keine Rücksicht auf diese Aussage eines entlaufnen Dieners genommen worden wäre, wenn nicht der ihm gleichfalls überreichte Revers des Grossvaters den schlagenden Beweis der Wahrheit geliefert hätte.

Dieser Revers lag in beglaubigter Abschrift bei, und entielt leider die Bestätigung des schmachvollen Ereignisses.

Wer hätte dies ahnen können? Ich starrte den Herzog an, er mich, wir fanden beide keinen Rat in uns. Der Oheim hatte seinem Schreiben die Bemerkung hinzugefügt, dass er aus Schonung diese Mitteilung zuvor privatim gemacht habe, und vor Gericht dieselbe nur dann benutzen werde, wenn der Herzog auch jetzt einen gütlichen Ausweg in der Sache verschmähe.

Der Herzog lag stumm und wie ein Toter im Sessel. Da mich sein Schweigen ängstigte, fragte ich ihn, was er auf die letzte Andeutung beschliessen wolle? Er erwiderte mit tonloser stimme: "Nichts! Wir sind verloren und haben keine Beschlüsse mehr zu fassen. Nur für die Herzogin muss gesorgt werden, das ist das einzige, was noch geschehen kann."

Da ich ihn in den folgenden Tagen ganz zerschmettert und fassungslos sah, (von der Echteit des Reverses hatten wir uns inzwischen durch die Vorlegung des Originals notgedrungen überzeugen müssen) suchte ich ihn mit allerhand Trostgründen aufzurichten, und stellte ihm vor, dass, wenn auch aus den zutage gekommnen Umständen der nicht adliche Stand der Ahnin beinahe zur Gewissheit erhelle, doch es noch immer sehr zweifelhaft bleibe, ob der Richter die Rechtsbeständigkeit des Übertrags reiner Familienanrechte auf einen Fremden, Bürgerlichen aussprechen werde.

Er versetzte, dass mein Zuspruch den Punkt nicht treffe. Scheinbar habe das Schicksal die Lösung des Knotens vorbereitet, um unter der Hülle dieser Anstalten einen viel festeren und härteren zu schürzen.

Ich merkte, dass die Gefahr, seine Besitzungen einzubüssen, ihn weniger drücke, als ein andres, nagendes Gefühl. Er war im innersten Mittelpunkte seiner Empfindungen geknickt, zerbrochen. Das Falsum des Vorfahren hatte den Begriff, den er von sich hatte, vernichtet. Die reine Abstammung, auf welche er, wie das Hermelin auf die unbefleckte Weisse seines Pelzes, gehalten, war besudelt durch den Fehltritt, wozu die Angst zu verlieren, einen geizigen Alten fortgerissen hatte. Seine Tage schienen ihm