, schimmernde Bestandteile ihnen ein eigentümliches, und wie es ihnen schien, den Plebejern unantastbares Dasein zu erschaffen vermöchten. Sie schritten daher von ihren Gütern zu den Hoflagern, Bädern, Sammelpunkten der eleganten Welt, schwebten wie beflügelte Götter oder Halbgötter durch die Reihen der niedern Menschen, traten auch wohl auf deren Köpfe.
Beide irrten, denn weder kann der Schein ein Leben erbauen, noch soll derjenige sparen und geizen, der ohne sein Zutun schon mehr überkommen hat, als andre.
Oft wechselten jene krankhaften Richtungen in den Geschlechtsfolgen ab; nach dem harten, ängstlichen Vater kam wohl der weiche, alles durchkostende Sohn.
Gegenwärtig hat der Adel eigentlich gar kein Prinzip. Die Standesvorrechte in Masse wirklich noch einmal aufbieten zu wollen, ist eine Hoffnung, die kaum dem Kühnsten schmeicheln möchte, das Eigentum geht von Hand zu Hand; die Flatterien des hohen Tons sind aber meistens auch verwischt. In manchen Edelleuten, deren Sinne diese Prosa nicht genügen will, hat sich daher ein mytisch – poetisches Gefühl abgelagert, welches, über die nächste Vergangenheit zurückgreifend, entlegne zeiten mit ihrer Treue, Frömmigkeit, mit ihrem Rittermute wiedergebären möchte, der Seele eine gewisse Erhebung gibt, freilich aber ohne allen Gegenstand ist.
In der Familie des Herzogs hatten sich während eines Zeitraums von fünfzig Jahren alle drei Stimmungen und Gesinnungen erzeugt. Der Grossvater war ein Mann gewesen, welcher im Notfall auf Feldern und Wiesen selbst mit Hand anlegte, wenn es eben fehlte; er trug das gröbste Tuch, und sass am liebsten mit Verwaltern und Bauern in Wirtschaftsgesprächen zusammen. Die Grundstücke zu verbessern, durch Ankäufe abzurunden, und ausser dem Liegenden noch ein beträchtliches Geldkapital zu hinterlassen, dies waren seine einzigen Lebenszwecke. Um sie zu erreichen, speiste er von Zinn, und versagte sich jeden Genuss. Noch zeigte man im schloss den Hut, den er dreissig Jahre lang getragen hatte. Er war zwar nicht, wie der in der Fabel, siebenmal verändert worden, aber durch Stutzen und Beschneiden von der ansehnlichen Grösse eines dreieckigen bis zu der winzigen Gestalt einer sogenannten Lampe zusammengeschrumpft.
Der Sohn vereinigte nun das gerade Gegenteil aller dieser Eigenschaften in sich. Prachtliebend, empfindsam, phantasievoll, gereichte er seinem Vater, sobald diese Seiten sich zu entwickeln begannen, auch nicht einen Augenblick zur Freude. Gern hätte er ihn enterbt, wenn er nur gedurft, allein er musste ihn sogar seines eignen Weges gehen lassen, da Graf Heinrich mit der erlangten Mündigkeit Herr eines ansehnlichen mütterlichen Erbteils wurde. Er vermählte sich früh mit einem reizenden fräulein, welcher aber der Gatte wenig zustatten kam, denn dieser reiste auch nach seiner Heirat viel allein, und hielt sich durch die Bande der Ehe in seinen Freuden nicht gehemmt. Zärtliche, an Schwärmerei grenzende Freundschaften schmückten sein Leben, bei den Weibern hatte er ein fabelhaftes Glück, eine zahlreiche Nachkommenschaft war die Frucht so mannigfacher Begegnungen. Um diese kümmerte er sich nicht. Was ihn bewogen, Johannen nach dem tod seiner Gemahlin ausnahmsweise auf das Schloss bringen zu lassen, und sie halb und halb anzuerkennen, hat man nie erfahren.
In dem Ernste des Enkels glaubte der Grossvater eine Spur seines Charakters zu entdecken, und tröstete sich daran über den Leichtsinn des Sohns. Er hatte ihn beständig um sich, und man vermutete, dass er ihn besonders bedacht haben würde, wäre er nicht vom tod überrascht worden.
Wie dieser Enkel sich ausgebildet, erzählen Ihre Bücher. Das aber konnten sie nicht erzählen, und würden sie auch nie erzählen können, wie er ein Opfer der Schuld seiner Altvordern wurde. Nur ich weiss es. Ich habe keine Verpflichtung, ein Geheimnis daraus zu machen, und die Frauen, um derenwillen ich vielleicht schweigen müsste, werden, wenn ich mich irgendein wenig auf die weibliche natur verstehe, keinen blick in die gedruckten Memoiren werfen, nachdem sie schreibend dazu beigesteuert haben. Was aber über alles: Ich glaube, dass ich von Ihrer leidenschaft für die Wahrheit durch Sie etwas angesteckt worden bin.
In den Tagen, wo ich zwischen zwei Krankenbetten, dem der Herzogin und Johannas meine Sorgen zu teilen hatte, nahm der Prozess über die Standesherrschaft eine besonders lebhafte Wendung. Es sollte zur Vorlegung des Adelsbriefs geschritten werden, und ich sass im Archiv, davon eine Kopie für den Herzog zu fertigen, welche er zurückbehalten wollte.
Nach Wilhelmis Abgange und bei noch fortdauerndem Mangel eines tüchtigen Stellvertreters verrichtete ich manche Geschäfte, die ein Nichtjurist allenfalls besorgen konnte. Da hörte ich einen lebhaften Wortwechsel in einem Seitenkabinette, und sah nach einigen Sekunden den Herzog mit dem Amtmann vom Falkenstein heraustreten. Letzterer sah sehr erhitzt aus, und rief: "So wollen mich der gnädige Herr wirklich fortjagen?"
"Bedienen Sie sich anständigerer Ausdrücke, solange Sie noch in meinen Diensten sind", versetzte der Herzog, welcher seine Fassung ziemlich beibehielt. "übrigens sehen Sie selbst wohl ein, dass in einer wohlgeordneten Wirtschaft der Herr zu befehlen und der Untergeordnete zu gehorchen hat, und dass, wo sich die Sache umdrehen will, man schleunig Einhalt tun muss."
Der Amtmann warf einen höhnischen blick auf meine Arbeit, murmelte: "Ich werde dazu gezwungen" – und verliess das Gewölbe. Ich fragte den Herzog, was vorgefallen sei, und erfuhr, dass er den Trotz und die Willkür dieses bösen Alten nicht länger dulden könne. Er scheine es darauf anzulegen, die Autorität der herrschaft zu untergraben, und habe neuerdings in der Administration des Falkensteins Anordnungen getroffen, die im graden Widerspruche mit