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der böse und die böse Tat dagegen die Stelle verpeste, so dass den Tugendhaften dort ein Schauder, den Schwachen ein Gelüst zum Unerlaubten anwandle. Noch klingt dies barock und aberwitzig, nach hundert Jahren gehört es vielleicht zu den trivial gewordnen Sätzen.

Sie haben schon im zweiten buch des Volksglaubens erwähnt, welcher diese Dinge für wahr hält. Er spricht überall etwas Ähnliches aus. Wo ein Mord geschah, hat niemand sich gern angesiedelt, ist leicht wieder etwas Übles vorgefallen. Hebel singt vom dem platz, wo der Michel, der vom bösen Jäger den Karfunkel empfing, sich den Hals abschnitt:

's isch e Plätzli näumen, es goht nit Ege no Pflug

druf,

Hurst an Hurst scho hundert Johr und giftigi

Chrüter,

's singt kei Trostle drinn, kei Summervögeli

bsuecht sie,

breiti Dosche hüete dört e zeichnete Chörper.

Der Volksglaube ist aber für die Erkenntnis der natürlichen Dinge eine sehr wichtige Quelle, denn er ist das Unisono derjenigen Menschen, welche Augen und Ohren für sie haben, und nicht mit Reflexionen ihnen beikommen wollen. Es tut mir leid, dass ich bei einem mann, der ausser den fünf Sinnen noch einen sechsten hatte, den alten Heim meine ich, unterlassen habe, nachzufragen, ob er in den Zimmern der verschiednen Menschen, welche er behandelte, nicht schon durch den Geruch ihre Individualitäten und Charaktere gewittert hat? In den Tagen, da die Herzogin noch immer heftig, wenngleich mit der Aussicht der Herstellung, an ihren Krämpfen litt, kam Johanna auf das Schloss. Sie hatte, da sie von dem Siechtum der Schwägerin vernommen, es sich als eine besondere Gunst erbeten, ihr zur Pflege dienen zu dürfen, und deshalb das einsame, ihr vorläufig zur wohnung angewiesene Landhaus verlassen. Die Herzogin nahm das Anerbieten an, vielleicht mit von der religiösen Vorstellung bestimmt, dass es eine gottgefällige Schickung sei, so wider Willen und Gemüt eine ihr eigentlich unangenehme Frau täglich um sich zu sehen. Indessen wurde aus dieser künstlichen Empfindung bald eine wahre. Johanna, durch das Unglück um vieles sanfter geworden, schien wirklich zu fühlen, dass es nicht heilsam gewesen sei, sich so eigne Wege gesucht zu haben; auch sie büsste, aber auf ihre Weise, stolz und herrlich auch in der Demut. Ihr Benehmen gegen die kranke Schwägerin war musterhaft, nichts Feineres, Edleres, Leiseres konnte man sehen. Diese dagegen wurde hier zum ersten Male wieder von etwas schönem Menschlichen berührt, und unbewusst mag sie empfunden haben, dass die Segnungen des Gemüts doch tiefer und gründlicher heilen, als die Rezepte eines Priesters. Aus der Pflicht, Johannen bei sich zu haben, wurde nach und nach eine Freude, und da sie erfuhr, jene sei wirklich verheiratet gewesen, so fiel die letzte Scheidewand zwischen den beiden Frauen nieder. Ich aber sah, dass innerlich gute Menschen sich von dem Boden des Hauses und der Familie nie für immer entfernen, sondern nach den schwersten Irrungen auf demselben wieder zusammentreffen.

Leider hatte ich an Johannen bald eine zweite Kranke. Kräftige Naturen täuschen sich über sich selbst; die ersten zeiten nach einem grossen Schlage können selbst den Schein erhöhter Gesundheit tragen, aber die Wirkungen bleiben dennoch nicht aus. Sobald das Übel der Herzogin gelinder wurde und die Tätigkeit der Pflegerin nicht mehr unausgesetzt in Anspruch nahm, sank diese zusammen, ihre Gestalt verfiel, nur ihre Augen bekamen ein noch durchsichtigeres Feuer, was mich aber freilich um so ängstlicher machte. Ein tiefer Harm zehrte an ihr, dass sie um ihre Jugendblüte, um die Krone und das Herz ihrer heiligsten Empfindungen nichtswürdig hatte betrogen werden können.

Die folgenden Geschichten will ich Ihnen ohne Vorrede und Kommentar übersenden.

XI. geschichte des Herzogs

Der deutsche Adel war, seitdem die mittleren Stände einen Drang verspürten, sich durch Geist und Tüchtigkeit hervorzutun, in eine gefährliche Stellung geraten. Der entwicklung männlicher Energie sind Hindernisse förderlich; das Verdienst kann nur auf rauhen Bahnen sich seine Pfade suchen. In dieser Hinsicht steht nun der Bürger, wenn er nur einigermassen erträgliche Verhältnisse für sich hat, bevorzugt da, während es in den höchsten Ständen schon einer ausserordentlichen Kraft bedarf, um nicht in dem schwächenden Elemente gar zu leichter und geebneter Tage unterzugehen.

Der deutsche Adel empfand weit mehr, als dass er sich dessen bewusst geworden wäre, die Schwierigkeit seiner Lage, geraume Zeit vor der Revolution, welche zuletzt die tiefe Verderbnis aller gesellschaftlichen Einrichtungen an den Tag legte. Es entstand daher in denjenigen seiner Glieder, welche nicht fähig waren, durch Talent und hervorstechende Begabung die verhängnisvolle Last einer privilegierten Geburt gründlich auszugleichen, ein Streben, durch allerhand Scheinmittel die gefährdete Existenz für sich und die Nachkommen zu retten.

Hier boten sich nun zunächst die von den Ahnen ererbten Besitztümer nach einer Seite, und die Illusionen eines vornehm gleissenden Lebens nach der andern dar. So fest, wie in diesem stand, hatte sich nirgendwo der Begriff unveräusserlichen Eigentums ausgebildet, gleich eisernen Klammern hielten es fideikommissarische Bestimmungen, Familienstatute, Lebensnexus umwunden; die Scholle um jeden Preis zu erhalten, wo möglich zu mehren, war also das Dichten und Trachten vieler Edelleute, was nun freilich in seinem Gefolge Geiz, Habsucht, selbst Unredlichkeit haben konnte.

Die Leichteren und Lebhafteren gingen dagegen einen entgegengesetzten Weg. Sie wussten oder fühlten, dass der Bürger ihnen noch lange nicht zu den Spieltischen der Fürsten, in das Boudoir hochgeborner Schönheiten, in alle Konvenienzen eines dem Vergnügen und dem persönlichen Selbstgenusse gewidmeten Lebens werde folgen können, dass auch solche flitternde