, dessen treuer Wandel nach den Geboten Gottes und nach dem Beispiele der Heiligen allgemein bekannt war, liess mich kaum zu Ende reden, warf seine kurze Pfeife auf den Boden, dass der Kopf zerbrach, und rief in Selbstvergessenheit: "Den soll ja der Teufel holen!" Darauf sich kreuzigend und den verpönten Fluch mit üblichem Spruche bereuend, fügte er hinzu: "Zu solcher Sünde hat mich der Zorneifer fortgerissen. Doch nur Geduld, es ist gerade eine Stelle in der wilden Eifel offen, wo er unter den Haferbauern seine Künste versuchen mag. Ihr Herzog hat ihn zwar zu seinem Hauskaplane gemacht, da er aber zugleich die Pfarrei des Orts versieht, so ist er unsrer Gewalt unterworfen. Er soll in Bälde versetzt werden."
Nach einigen Gesprächen wurde ich mit dem derben Alten ganz vertraut. "Diese neumodischen, aufgespreizten Überläufer geben uns viel zu tun", sagte er. "Sie wollen uns Alten vorbeirennen, es immer besser machen, als gut, damit nur ja niemand an der Aufrichtigkeit ihrer Gesinnung zweifle, und bringen solchergestalt manche Unruhe zuwege. Sie laufen umher, stänkern, rühren den Dreck, mengen allerhand Subtilitäten in das Dogma, verfälschen dadurch selbiges, und verführen eine Quälerei und Deutelei, davon unsre Kirche gar nichts weiss, noch wissen will. Wir müssen jetzt dahin streben. Geistliche zu bekommen, die alert, aufgeweckt, sich helfen können, und nicht, wie leider Gottes bis jetzt der Fall war, als Dummerjahne neben den protestantischen Predigern stehen."
Ich konnte mein Erstaunen über diese Freimütigkeit nicht bergen und er fuhr fort: "Das ist auch so ein alter abgenutzter geistlicher Kniff, über alles hinter dem Berge zu halten, was vor jedermanns Augen offen daliegt. Ich für meine person habe ihn in den Winkel geworfen, weil ich festiglich an den ewigen Bestand meiner Kirche glaube, ohne diese Gaukeleien."
Schon nach acht Tagen kam der Versetzungsbefehl aus dem Offizialate, der zwar grosse Bestürzung erregte, dem aber nach dem Grundsatze der Obedienz nicht widerstrebt werden mochte.
Die Herzogin konnte dem Gewissensschärfer doch nicht auf sein Dörflein folgen, er musste sich also damit begnügen, eine ausgearbeitete Heilsordnung zu hinterlassen, und wir sahen dem abziehenden Sykophanten mit stillem jubel nach.
Bei diesem Siege hätte ich mich beruhigen, ich hätte der Kraft der Zeit vertrauen und erwarten sollen, dass, wenn auch unsre Freundin nach der Entfernung des Priesters fortfuhr, zu beten und sich zu kasteien, diese Exaltation ohne einen immer gegenwärtigen Schürer und Anbläser allgemach erlöschen würde, zumal da der Nachfolger des Geistlichen ein durchaus mässiger heiter denkender Mann war.
Allein auch mich riss die Ungeduld, die uns allen jetzt so eigen ist, fort. Ich wollte das Übel mit Stumpf und Stiel ausrotten, und muss mich nun leider selbst eines recht törichten Streichs anklagen. Wie man Sturzbäder anwendet, um durch Erschütterung des ganzen Organismus eine Hauptkrisis zu bewirken, so wollte ich in diesem Falle von einem moralischen Sturzbade Gebrauch machen, durch welches ich zugleich das Luftbild, welches die Phantasie meiner Herrin quälte, auszulöschen, und der entnervenden Irrwirkung des Priesters entgegenzutreten hoffte.
Ich liess also – um kurz zu sein, denn warum soll ich etwas Schlimmes weitläuftig hin und her wenden? – die Herzogin durch dritte glaubwürdige Hand wissen, dass der junge Mann, den wir auf dem schloss beherbergt, eigentlich ein ziemlich lockrer Gesell gewesen sei, der ein verkleidetes Mädchen, mit welchem er schon eine Zeitlang gelebt, hier unter uns bei sich gehabt habe.
So weit kann man, in Missstimmungen und Willkürlichkeiten verloren, von der graden Bahn abkommen.
Der Erfolg meiner Torheit war keinesweges der beabsichtigte, sondern ein sehr trauriger. Ich wurde zur Herzogin berufen, welche, ausgestreckt auf dem Sofa, im furchtbarsten Krampfe lag. Nachdem die verzweifeltsten Mittel diesen gebrochen, entwickelten sich intermittierende Zufälle, welche monatelang anhielten, und das zarte Gebilde zu vernichten drohten. Mein Zustand war schrecklich. Ich rannte wie rasend durch Felder und Wälder, verweinte meine Nächte, verfluchte mich und meinen Unsinn. Die Schlaflosigkeiten, woran ich noch jetzt periodenweise leide, sind Nachwehen jener trauervollen Zeit. In einem freien Zwischenraume schrieb die Herzogin den Brief an Hermann und sandte ihm die Brieftasche zurück. Über das Phantasma auf dem Hügel habe ich selbst meine eignen Gedanken gehabt. Soviel ist gewiss, es war der Hügel und die Stelle auf demselben, wo der Pfaff sich bestrebt hatte, in Hermann den Gedanken an einen Übertritt zur katolischen Kirche mit listigen Entzückungen zu erregen, und wo nachmals der Mordanfall auf den Oheim geschehen war.
Empfängt die Erde einen Eindruck vom Frevel, dass der Ort, wo ein solcher geschah, vergiftet wird, und in einem dazu disponierten Gemüte Gedanken, die vom Rechten abirren, hervorzurufen vermag? Seelisches und Körperliches stehen im engsten ununterscheidbarsten Zusammenhange, Körper und Aussenwelt wirken auf die Seele, trübe Luft, Steinkohlendämpfe erzeugen Niedergeschlagenheit und Missmut, Sonnenschein, Gebirgsatmosphäre, Heiterkeit und Energie des Geistes.
Ist es nun so ungereimt, anzunehmen, dass jene wirkung, wie jede vollkommne, eine Wechselwirkung sei, dass auch die Seele ihrerseits, als höchst durchdringendes Fluidum, auf die Aussenwelt Einfluss übe, und in ihren stärksten Äusserungen den Boden, diesen analog, zu imprägnieren vermöge? Ja, wenn man konsequent denken, nicht bei Halbheiten stehnbleiben will, so kann man eigentlich nichts andres annehmen. Freilich dürfte man jetzt nur erst als Hypotese hinwerfen, dass der gute Mensch die Luft und den Boden gesund mache,