Ausdrucks zu bedienen, robuste Sittlichkeit diejenige ist, welche uns zu unsrer und andrer Freude durch das Leben geleitet. Auch die Tugend kann kränkeln, scheinbar in ihrer höchsten Blüte vorhanden sein, gleichwohl aber das geschöpf von einem Irrtume in den andern jagen. Was ist es mehr, dass eine junge verheiratete Frau einige Augenblicke an einen jungen Mann mit grösserem Interesse denkt, als an den Gemahl, und wie bald heilen Entfernung, Pflicht und Verhältnisse solche leichte Seelenwunden aus! Sie zu einem gegenstand ängstlicher Betrachtung machen, heisst aber, nach und nach dahin arbeiten, unter lauter Pflichterfüllungen, guten Werken und Andachtsübungen Gatten und Haus aufzugeben.
Doch trägt die Hauptschuld an der ganzen Wendung der Dinge der neophytische Priester. Wäre er, wie ein unschuldiger Mann und Diener Gottes es getan hätte, tröstend und beruhigend zu der schönen Selbstquälerin getreten, so würde sie sich in seinem Zuspruche bald ausgeheilt haben. So aber stürzte er sich auf ihr wundes Gemüt, wie der Geier auf die Beute, und es ist nicht zu beschreiben, mit welcher kasuistischen Grausamkeit er ihr Inneres zerlegt, der fiebernden Einbildungskraft Schrecknisse aus dem ganzen Gebiete der Möglichkeit vorgeführt, und sie so völlig mit sich uneins, verworren und elend gemacht hat.
Unsre Bestürzung können Sie sich denken. Ohne dass irgend etwas vorgefallen war, floh uns, verbarg sich vor uns die geliebte Herrin, welche als belebende Sonne unsern Kreis erwärmt hatte. Das ganze Hauswesen des Schlosses neigte sich einer Auflösung entgegen, denn die Frau bleibt ja immer und ewig die innerste Seele aller der gemütlich – traulichen Beziehungen, welche verschiedne Menschen zwischen vier Mauern zusammenhalten. Der Jammer des Herzogs war gross. Die Liebe zu seiner Gemahlin war vielleicht der einzige recht menschliche Punkt an ihm, da er sonst freilich wohl nur aus Aristokratie und Repräsentation bestand. Nun behandelte ihn diese angebetete Frau mit Kälte, die zuletzt in einen unverhüllten finstern Widerwillen ausging. Nach und nach konnte ich mir aus einzelnen Symptomen wohl zusammensetzen, dass der junge Fremde an den Gewissensskrupeln der Herzogin schuld sein möge, und in einer unvorsichtigen Stunde, in der guten Absicht, mit dem Gemahle einen vernünftigen Heilplan festzusetzen, entdeckte ich ihm meine Vermutung, welcher ich jedoch die Beteurung hinzufügte, dass ich fest, wie von meinem Leben, von der völligen Vorwurfslosigkeit der Büssenden überzeugt sei, und das Ganze nur für eine Folge überstrenger Begriffe halte. Ich hatte aber diese Mitteilung zu bereuen.
Denn er, nach seiner Sinnesweise vermutlich unfähig, eine Pein um nichts zu begreifen, liess mich durch seine schwermütigen Blicke, seine verfallenden Züge, seine gebeugte Haltung schliessen, dass er mehr, dass er wahre Fehltritte argwöhnte.
Alle Versuche, die Schmarotzerpflanze von dem schönen, schlanken Stamme, an welchem sie sich festgesogen, abzureissen, wurden mit konvulsivischer Heftigkeit zurückgewiesen. Meine Mittel nahm die Kranke, aber was konnten die helfen? Das beste wäre gewesen, dem geschäftigen Seelsorger eine Dosis Bilsenkraut einzugeben, wozu ich nicht selten, Gott verzeihe mir die Sünde! bei mir die stille Anwandlung verspürte. Denn wer mir an das Heiligste und Wunderbarste, an den menschlichen Leib, die frevelnde Hand legt, der greift als Feind in des Arztes Gebiet, den hasse ich bis in den Tod.
Da nun aber eine Vergiftung sich doch für mich nicht wohl schickte, so ersann ich ein andres, nämlich ein Abführungsmittel. Es war mir bekannt, dass der Oberhirt der Diözese, seine und seiner Kirche Stellung mit klarheit überschauend, und wohl wissend, dass dem Katolizismus nur noch durch eine heitre Verständigkeit zu helfen ist, trübliche Fanatiker durchaus nicht liebte, und alle Versuche, eine gemachte Devotion und Rigorosität früherer zeiten wieder hervorzubringen, bei jeder gelegenheit streng zurückgewiesen hatte. Hierauf mich verlassend, und mit raschem Entschluss meinen Polacken besteigend, war ich nach einem tollen schweisstriefenden Ritte in der Metropole. Im Offizialate angelangt, liess ich mich zu einem der ehrwürdigen Herrn führen, von dessen derbem naturfrischem Wesen ich viel gehört hatte.
Ich fand ihn, seltsam genug, in einer kahlen Arbeitszelle, die kurze Pfeife im mund, hinter der Flasche und dem grünen Weinrömer, Akten lesend. "Wundern Sie sich nicht", rief er mir mit heisrem lachen entgegen, indem er eine dicke Rauchwolke von sich blies, und den Römer füllte, "mich unter solchem Rüstzeuge zu finden! Den Arbeitern im Weinberge des Herrn wird oft schwach zumute, und sie bedürfen dann leiblicher Erstärkung."
Ich versetzte, dass gerade diese Umgebung mir Mut mache, mein Anliegen vorzutragen, weil ich ihn für einen von denen halte, welche den Herrn in Freudigkeit suchten; eröffnete ihm darauf, ich sei Doktor und der Leibarzt der Herzogin von *. Die Dame kranke, meine Kur könne aber nicht anschlagen, weil ein andrer, ein Seelendoktor entgegenoperiere. Wie es nun ein Gesetz der Stereometrie sei, dass, wo ein Körper, sich kein zweiter befinden könne, so gelte ein Ähnliches auch in der Medizin, und deshalb wolle ich ihn, als Beisitzer der höchsten geistlichen Behörde, um abhülfliche Massnahmen angehen.
Das Sokratesgesicht verzog sich wieder zu einem faunischen lachen, er schürzte seine Nasenflügel empor und fragte ungefähr mit den Worten des Patriarchen im "Natan" (obgleich diesem im Gemüte ganz unähnlich): "Ist solches ein Problema, oder ein wirklicher Casus?"
Ich erzählte ihm darauf, was ich wusste, und wie ich nun aus dem Memoire ersehe, die Sache bis auf Nebenumstände ziemlich richtig und vollständig.
Der alte rechtschaffne Mann