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ihres früheren Verhältnisses eintrete, denn zu öffentlichen Schritten gegen Medon könne sie sich nicht verstehen. Vor allen Dingen aber habe er zu bleiben und zu haften am Herde seiner Väter und Fürsten.

Der alte Held war überglücklich durch diese Zeilen. Er eilte zu ihr, versicherte ihr, dass sie ihm sein Dasein zurückgegeben habe, und dass er nicht mehr an seinen VagabundenEinfall denke. Sie habe über die Gestaltung der Zukunft allein zu bestimmen.

Hierauf haben beide die Entwicklung der Dinge ruhig abgewartet. Medons Tod machte endlich Johannen frei, und nachdem die Erschüttrung, welche dieses Begebnis in ihr erregen musste, überstanden war, reichte sie dem Generale ihre Hand.

Ihre Seele wurde dadurch völlig hergestellt, ihr Schicksal gesichert. Kein schönerer Anblick, als die beiden hohen Gestalten, die eine unter dem Schnee des Alters blühend, die andre in reifer Fülle prangend, nebeneinander zu sehen. Die liebenswürdige Patriotin hat als Frau ihre Lebensaufgabe gelöst; indem sie einem verdienten Feldherrn häusliches Behagen gab, erhielt sie ihn bei seiner Pflicht, und leistete dadurch dem Gemeinwesen selbst einen Dienst. Er, sobald er nur wieder fröhlicher und mitteilender wurde, auch von neuem bemerkt, erlebte es, dass man ihn bei einigen Gelegenheiten, die dem Kriege ähnlich sahen, und wo "die hohlen Namen und die Figuranten" es nicht tun wollten, hervorsuchen musste. Die Scham, welche zuweilen die Menschen ergreift, wenn sie ihrer Verschuldungen sich bewusst werden, brachte es hierauf dahin, dass seine Stellung in der ehrenvollsten Weise geordnet wurde. An seiner Gemahlin hängt er mit der eifersüchtigen Zärtlichkeit eines Liebhabers, und dass an der Seite einer schönen vielumworbnen Frau seine Empfindung etwas von der des Danville hat gibt dem Bündnisse nur noch einen Reiz mehr. Nun aber möchte ich von Ihnen wieder allerhand wissen. Ich müsste mich sehr täuschen, oder Sie denken über den Geistlichen und dessen Verfahren etwas anders, als die gute, fromme Herzogin. Wie erklären Sie ihre Phantasmen, besonders das auf dem Hügel? Was vermochte sie, an Hermann den harten Brief zu schreiben?

Liessen Sie sich zugleich bewegen, in die geschichte des Herzogs und Hermanns einzugehen, auch über sich das Nötige beizubringen, so rundeten sich diese Mitteilungen allgemach aus. Die Flut der Offenherzigkeit ist einmal hereingebrochen, das Dämmen hilft doch nichts mehr, lassen Sie sie ungehindert und ganz strömen.

X. Der Arzt an den Herausgeber

Ja freilich habe ich eine von der Verehrung unsrer lieben Kränklichen verschiedne Meinung über den saubern Heiligen und Priester, der die arme Frau beinahe in das Erbbegräbnis geliefert hätte. Zuvörderst muss ich über ihn anführen, dass der lose Vogel keinesweges so frisch, wie ein neugebornes Kind nach Rom gelangte, was man aus seiner Erzählung von dem hölzernen Hergottswunder, erlebt im Kloster, man weiss selbst nicht recht, wo? heraushören soll. Vielmehr hatte derselbe zu seiner Zeit, wie man zu sagen pflegt, nichts verbrennen lassen, und die Ehemänner wussten von ihm zu erzählen. Dazwischen war denn allerhand Ästetik getrieben worden, so dass der ganze Kerl nicht viel über fünfundsiebenzig Pfund wog, als er durch die Porta del Popolo seinen Einzug hielt. Dort über den Sieben Hügeln vollendete der Katolizismus, was die Liederlichkeit angefangen hatte, und brachte ihn einer Nervenschwindsucht nahe, vor welcher ihn ein wackrer deutscher Arzt nur mit Mühe durch die sorgfältigste Kur bewahrte. Sein Geist aber ging unrettbar unter in leistenartigen und sozusagen klebrigen Begriffen. Ob er ein elfenbeinernes Christusbild in einem groben hölzernen Futterale entdeckt, oder dies dem Hermann nur vorgelogen hat, um seine sogenannte Bekehrung nazarenisch aufzustutzen, weiss ich nicht; ich würde mich aber jedenfalls schämen, von einer solchen groben Handgreiflichkeit meine Wiedergeburt zu datieren.

Mir ist alle bewusste und sich vortragende Religiösität in der Gegenwart ein Greuel, denn sie tritt, wo sie sich zeigt, aus dem Rahmen der Kirche, welcher sie angehören will. Sie entbehrt sonach des einzigen Zusammenhangs, durch welchen sie sich als echt beglaubigen könnte. Es gab oder es gibt wenigstens jetzt durchaus keine andre aufrichtigfromme Menschen, als die es unwillkürlich, und ohne viel Wesen davon zu machen, sind. Wie mich der Anblick des Siechlings, der sich denn auch, um die Sache bis zur Spitze zu treiben, die Tonsur hatte scheren lassen, anwiderte, da ich das Schloss betrat! – Ich erwartete gleich wenig Gutes von ihm.

Dieser unglückselige Mensch hatte sich nach und nach gewöhnt, alles in der Welt unter der Verknüpfung von Schuld und Busse anzusehen, und sich so die grosse, grenzenlose Mannigfaltigkeit, welche durchaus verlangt, dass man vieles mit leichtem Blicke als gleichgültig und lässlich betrachte, in einen grauen, ekelhaften Brei zusammengerührt, von dem zu dieser Stunde eine Kelle voll als Schuld, und zu der nächsten eine zweite als Busse einzunehmen sei. Die natürlichen Folgen, die zufälligen Ereignisse waren für ihn nicht mehr vorhanden, in jedem Zahn- und Kopfschmerz sah er ein göttliches Strafgericht.

Dass ein solcher devoter Taugenichts bei gelegenheit, wenn es eben an Sünde gebricht, auch wohl darauf ausgehen kann, selbige künstlich zu verfertigen, um wieder Stoff für die Pönitenzmühle zu liefern, haben Sie in seinem Verhalten gegen Hermann, was ziemlich nach Kuppelei schmeckt, richtig geschildert, obgleich Sie sonst den Patron viel zu milde behandeln.

Ihm fiel die arme Schwache in die Krallen, als sie sich mit ihren erträumten Gewissenslasten im stillen plagte. Bei Durchlesung und Vergleichung der beiden Bekenntnisse habe ich gefühlt, dass eine, um mich des