sie zu fesseln, dadurch entsteht in feurigen Geistern eine Art von Verzweiflung ohne Gegenstand, welche manchen hinrafft, ohne dass sich eine äussere Ursache entdecken lässt. So viel ist gewiss, die eigentlichen Helden einer denkwürdigen Periode überleben sie selten lange.
Zu den Opfern des Krieges im Frieden gehörte unser alter würdiger Freund, der General. Auf seinem Rosse, kühner Reiter, verwegner Reiterführer, war ihm das Leben in jenen unruhigen zeiten ein tägliches Glücksspiel gewesen. Wo sich ein Widerstand gegen den Unterdrücker auftat, hatte sein Degen geblitzt, so gingen ihm zehn Jahre in der beständigen Abwechselung der Schlachten und Belagerungen, der Nachtund Tagemärsche hin. Seine Locken waren sparsam geworden und erbleicht, aber seine Augen scharf geblieben, als die letzten Donner des grossen Völkergewitters in Paris verhallten.
Nun kehrte er zurück, Lorbeeren auf dem haupt, Orden auf der Brust, im mund des volkes als einer der unermüdlichsten Streiter hoch emporgetragen. Aber wie es zu gehen pflegt, die Menge vergisst sehr bald ihre Begeisterung und erinnert sich derselben erst wieder bei dem Leichenbegängnisse, und die Machtaber werden von grossen Verdiensten, die nicht ganz in der Stille geblieben sind, immer nur belästigt. Man lobte ihn, liess es an leeren Auszeichnungen nicht fehlen, in den wesentlichen Dingen aber fing man binnen kurzem an, ihn zu vernachlässigen. Er wurde so umhergestossen, wo es eigentlich nichts zu tun gab, endlich schob man ihn sacht beiseite.
Der alte feurige Mann wurde nicht sobald dieser gesetzlichen Unbilden inne, als ihn ein tiefer Verdruss ergriff. Zu stolz, sich zu beschweren, schlang er den Ingrimm hinunter, und zehrte dadurch nur noch mehr an seiner Seele. Von Stufe zu Stufe im Missmute versinkend, hatte er zuletzt weder Hoffnung, noch Aussicht vor sich, und fühlte diesen trostlosen Zustand um so herber, als ein beschäftigtes, zerstreutes Leben ihm die allgemeinen Hülfsmittel, wodurch sich sonst der geschlagne Mensch aufrichtet, nicht zugänglich gemacht hatte.
Er verzagte an sich und an dem vaterland, und war in dieser trüben Stimmung im Begriff, seinen Abschied zu fordern, und die reinerhaltne, tapfre Kraft als Mietling irgendwo zu vergeuden.
Damals kamen Johanna und die Herzogin nach der Hauptstadt, von Ihnen zur Heilung bedenklicher Nervenleiden dortin gesendet. Nur mit Widerstreben hatte Johanna Ihrem Befehle gehorcht, sie scheute sich, den Ort aufs neue zu betreten, der so manche traurige Erinnerung in ihr weckte. Sie mied Gesellschaften, und konnte selbst von dem Anblicke ehemaliger Freunde schmerzlich berührt werden. Die Herzogin hielt sich ebenso zurückgezogen, man sah beide Frauen nur auf einsamen Spaziergängen, doch auch dort von dem Auge der Neugier beobachtet.
Eines Tages konnte ihnen der General, der auch fern von den Menschen zu wandern liebte, einen Dienst leisten. Er empfing den artigen Dank der Damen und versetzte, Johanna scharf ins Auge fassend, dass, wenn ihm Dank für die unbedeutende gefälligkeit werden solle, er ihn nur darin zu finden wünsche, dass er sie nicht zum letzten Male gesehen habe. Er sprach dies mit der Galanterie eines alten Manns, aber kurz, trocken, soldatisch. Sie, der alle solche Töne zum Herzen dringen, antwortete ebenso entschieden, er möge nur kommen, sie werde sich nicht vor ihm verleugnen lassen.
Dem ersten Besuche folgte der zweite, diesem der dritte usw. Aus kurzen Zusammenkünften wurden lange, aus Gesprächen allgemeinen Inhalts vertrauliche Unterredungen. Sie kam dem feurigen Greise mit der Unbefangenheit einer Tochter entgegen, er lebte in ihr, in ihrem adlichen, glänzenden Wesen ein neues Leben. Dennoch blieb er seinem Vorsatze getreu, und entdeckte ihr in einer hingebungsvollen Stunde, dass er entschlossen sei, dem vaterland den rücken zu wenden.
Als sie das Nähere von ihm erfahren, und gehört hat, wie dieser edle Charakter mit sich, seiner Jugend und seinen Erinnerungen uneins zu werden im Begriff stehe, ist sie in eine grosse Bestürzung verfallen, und weder Bitten, noch Tränen sind gespart worden, den verehrten Helden von seinem Vorsatze abzubringen.
Er bleibt indessen fest, und fragt bitter, was ihn denn eigentlich in diesem staat halten solle, wo man seiner nicht mehr bedürfe? – "Ihre Taten, Ihre Ehre, Sie selbst", versetzte Johanna.
"Die Taten sind getan, meine Ehre nehme ich überall mit hin, und was mich selbst betrifft, so weiss ich kaum, wenn ich die jetzigen Emporkömmlinge betrachte, ob ich der nämliche noch bin, von dem man einmal geredet hat." –
Er geht bis zur tür, dann wendet er sich, und sagt mit niedergeschlagnen Augen, aber festem Tone: "Es gibt ein einziges, was mich an diesen undankbaren Boden fesseln könnte, und das wäre, wenn Sie, Johanna, sich entschliessen möchten, die Tage eines alten Soldaten zu teilen. Meine Seele würde dann eine Beruhigung finden, und die Ungerechtigkeiten zu ertragen vermögen, unter welchen sie jetzt daniedersinkt." – Ohne eine Antwort abzuwarten, verlässt er rasch das Zimmer.
Am andern Morgen empfängt er einen Brief von ihr, worin sie ihm sagt, dass sie keine leidenschaft für ihn empfinde, aber ihm herzlich ergeben sei, dass sie überhaupt vielleicht nicht mehr in dem Sinne zu lieben imstande sei, wie die Welt dieses Wort nehme, am wenigsten einen Jüngling, dass ihr ganzes Wesen vielmehr seine Erfüllung nur in einem zweiten, reichen, gehaltvollen, durchgeprüften Leben finden könne. Wenn ihm diese Geständnisse genügten, so sei sie die Seine, sobald eine natürliche Lösung