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selbst das schwache Weib zur Meisterin des starken Mannes macht. Medon, der sonst jeglichem standhalten konnte, ward durch meine Anrede überwunden. Zwar versuchte er, mir in ausweichenden Antworten zu entgehn, als ich ihm aber erklärte, dass ich diese verwerfe, vielmehr fordre, er solle seine Pflicht erfüllen, und als meine Augen, welchen die himmlischen Helfer in dieser schweren Stunde weichliche Tränen fernhielten, nicht abliessen, ihm, der unruhig hin und her ging, zu folgen, so brach seine Fassung zusammen. Er stürzte mir zu Füssen, barg die errötenden Wangen in meinen Händen, und stammelte, so demütig niedergebeugt, seine Bekenntnisse. Er gestand mir, dass er mich nie geliebt habe, dass er überhaupt keine Frau werde lieben können, weil sein Haupt gänzlich von dem öffentlichen Interesse eingenommen sei, dass er allerhand Plane mit den Menschen verfolge, dass er aber eingesehen habe, wie niemand selbständig auf viele wirken könne, der nicht ein Haus mache, weil jeder ledige Mann über kurz oder lang aus dem Mittelpunkte der Beziehungen an die Peripherie gerate, zum Anhange fremder Verhältnisse werde.

"Unglücklicher!" rief ich vorahnend aus, "und deshalb bedurftest du einer Frau, um deren Sofa sich die Gäste versammeln sollten, die ihnen den Tee einzuschenken bestimmt war, du musstest eine Wirtin für dein Intrigenstück haben. Und so hast du kalt und lauernd mit meinem Herzen gespielt, betrügerischen Glimmer für mein reines Gold gezahlt, welches ich dir aus überströmender Fülle verschwenderisch hinschüttete! Hast mich mir selbst entfremdet, nicht aus leidenschaft, nein, wie der Vogelsteller mit süssgiftigem Tone die Nachtigall aus ihrer grünen Laubzelle in seine Netze lockt!"

Er konnte nichts erwidern und nickte nur seine schweigende Bejahung, dann ging er still und gebückt, ohne die Augen vor mir aufzuschlagen. Bald erhielt ich einige Zeilen von ihm, worin er mir sagte, dass, nach dem, was ich nun wisse, er keine Macht mehr über mich haben wolle, und dass es von mir abhange, unser Verhältnis aufzulösen.

Ich antwortete ihm darauf, dass man die Frauen in Europa nicht so von Tag zu Tage nehme und entlasse, dass ich überlegen und zu seiner Zeit das Nötige beschliessen werde, dass aber vorderhand unsre Scheinehe fortdauern müsse.

Diese Entdeckungen waren kurz vor Hermanns Ankunft geschehen. Es hatte sich eine dunkle Nacht über mich und mein Leben ausgebreitet. Seine Erscheinung war der erste Lichtstrahl in dieser Finsternis, sie gab mir wieder die Möglichkeit einer Hoffnung, einer Zukunft. Ich glaube, dass ich nur durch ihn die Stärke zu dem Entschlusse gewonnen habe, den ich nachmals ausführte, als Medon bei der herannahenden Gefahr mich in seine Irrbahn wieder mit fortreissen wollte; mein Geschick nämlich von dem seinigen durch rasche Flucht für immer abzusondern.

Hier schliesse ich. So kann eine Frau für die edelsten Regungen büssen. Und von solchem Falle kann sie wieder erstehn.

In der freudigen Rührung, die mich immer ergreift, wenn ich meines gewendeten Schicksals denke, werde auch dem Verirrten ein entschuldigendes Wort nachgerufen. Er schläft fern in dem fremden land, jenseits des Weltmeeres. Klima und Kummer zehrten ihn dort auf, nachdem seine phantastischen Verbrechen hier gescheitert waren. Er hat schwer gefehlt, es ist wahr. So übel stehen unsre Angelegenheiten nicht, wie er sich einbildete, und seine Denkungsweise war übler, als das Übelste. Aber man erwäge, dass vieles bei uns zusammentrifft, gerade die lebendigen, strebsamen Geister in unheilbaren Trübsinn zu versenken, aus welchem denn auch wohl Frevel der seltensten Art hervorgehen können.

IX. Der Herausgeber an den Arzt

Sie haben mir durch die Mitteilung der beiden Bekenntnisse grosse Freude bereitet. Diese Frauen stellen gewissermassen die Pole der weiblichen natur dar. Die eine zieht sich keusch in ihr Innerliches zurück und steigert sich bis zu einer krankhaften Zarteit, welche freilich die nächsten Verhältnisse zerstört, ihre Umgebungen unglücklich macht. Die andre, mit heitern Sinnen gegen die Welt gewendet, wird Patriotin aus Lebhaftigkeit. Besonders anmutig erscheint mir Johanna, und es ist gar lieb und schön, wie sie das scheinbar der Frau ganz Widerstrebende in ihrer weichen Brust verarbeitet. Amor, mit den Waffen des Mars spielend, ist ein reizendes Bild, und ähnlich dem Eindrucke, den diese Zusammenstellung erregt, ist die Empfindung, die man hat, wenn man ihre weissen, feinen, schmalen hände (bekanntlich die schönsten, welche Gott je in seiner besten Laune einer Frau gegeben) mit den strengen, geschichtlichen, politischen Begriffen gebaren sieht. Dass sie eine Zeitlang ein Opfer ihrer geistigen Weite und Freiheit werden konnte, ist ebenso tragisch, als anziehend.

Der Briefwechsel, wenn er ein wahrer ist, vertritt die Stelle des Gesprächs, und dieses besteht aus Rede und Gegenrede. Lassen Sie mich Ihnen also erzählen, was Sie, damals von * entfernt, nicht so genau wissen können; wie nämlich Johanna sich herstellte.

Der Krieg ist nicht so schlimm, als seine Folgen es sind. Man könnte, wenn man Lust an auffallenden Reden hat, sagen: der Krieg mordet erst im Frieden. Ausserordentliche Kräfte ruft er hervor, und in denen, welche die Kugel des Feindes nicht trifft, regt er unendliche Erwartungen an. Wie sollten diese auch geringer sein, da jeder ein Unendliches, das Leben, auf das Spiel zu setzen gewohnt war? Nun können aber jene Erwartungen auch nicht im entferntesten befriedigt werden; der schleppende gang der wieder eintretenden Gewöhnlichkeit hemmt die Seelen und ist doch nicht imstande,