Streben der Faktionen, durch künstliche Hervorbringung eines allerschlechtesten Zustandes die Menschen in eine Wut zu stürzen, welche sie blindlings den Planen der Bösen zutreibt. Die Mittel, deren man sich bei diesem furchtbaren Verfahren bedient, sind mannigfaltig, jedoch laufen die meisten darauf hinaus, dass man entweder die Gegner zu unbedachten Schritten zu bringen weiss, oder selbst den Schein feindlicher Operationen erzeugt, oder durch gemachten Mangel der ersten Lebensbedürfnisse Kummer und Not unter die Menschen wirft.
Ich weiss nicht anders mich auszudrücken, als: Medon hatte sich vorgesetzt, ein Pessimist in deutschem Sinne zu sein. Voll von dem ätzenden Gefühle, dass die öffentlichen Einrichtungen Deutschlands im Widerspruche mit einer schönen, freien, grossen Entwicklung seien, hielt er dafür, dass der Weg zu einer Erneuung unsres Lebens durch das Labyrint einer vollkommnen Anarchie gehe, und dass dahin nur eine Zersetzung aller moralischen Bande, welche uns zusammenhalten, die er aber für morsch ansah, führen könne. Ob er allein, von jeder Verbindung mit andern gesondert, in dieser entsetzlichen Täuschung einen abenteuerlichen Plan ausgesonnen hat, ob mehrere Teilnehmer einer solchen Verkehrteit gewesen sind, ich weiss es nicht. So viel ist mir aber klar geworden, dass seine Ratschläge, seine Einwirkungen auf hochstehende Personen verwendet wurden, um unheilvolle Massregeln hervorzubringen, welche unsre allerdings zweideutigen Verhältnisse in eine nur noch tiefere Zweideutigkeit und Halbheit senken sollten, Massregeln, welche er mit grossem Geschicke und vielem Scheine als nützliche, kluge, billige, darzustellen wusste. Und in dieser Absicht regte er auch besonders junge Leute auf, sich zu überheben, die ihnen gezognen Schranken zu verkennen, natürliche, ihnen gemässe Lebenslose misszuschätzen, so sich innerlich zugrunde zu richten, und sich zu einem gärenden Stoffe der Zeit zuzubereiten. Das war endlich der Grund, warum er Hermann in so törichte Pfade verlockte. Auch er sollte ein Opfer dieser Künste werden, die Herde der Missvergnügten, Zerstörten mehren.
Ach, mir entsinkt die Feder! Ich habe das dunkle Bild entworfen, erlasst mir, es auszumalen! Nur so viel noch. Seine eignen Andeutungen und einige Blätter, welche er mir in ausforschender Absicht, wie ein Spiel des Witzes, übergab, liehen mir die Züge dar. Die Schrift war nach Art und in der Form des "Fürsten" abgefasst, und hiess: "Das Volk". Er hatte, wie Machiavell, darin eine finstre Teorie nach allen Richtungen kapitelweise behandelt. Genug! Genug! – O, und doch ist das Schlimmste noch zurück! – Wirst du es denn glauben, junge arglose Seele, die du diese Bekenntnisse liesest, dass wir unsre Brust, heisser Liebe voll, an die Brust eines Mannes legen, und dass er, kalt berechnend, während der Umarmung uns zu einem Hebel in dem Getriebe seiner Entwürfe, zu einem Werkzeuge ausersehen kann? Es ist fürchterlich, sich an dem Gefühle einer Frau zu versündigen, denn der Frevler tötet darin ihren Gott! – Tausendmal ist es gesagt worden: Wir haben nichts als die Liebe, aber es geht damit, wie mit allen uralten Wahrheiten; niemand achtet ihrer.
Zwar merkte ich an Medon, als es ihm gelungen war, mein Herz zu überwältigen, oft eine gewisse Unruhe, ein Zerstreutsein, was wie Kälte aussah, aber ich schob diese Dinge auf Verwicklungen, aus früherer Zeit herrührend, auf das Unbehagen, welches auch ihm das Haus des Herzogs erregte, auf momentane Stimmungen, auf das Gefühl des Nichtbefriedigtseins endlich, wovon ausgezeichnete Menschen immer von Zeit zu Zeit heimgesucht werden. Wie hätte ich in meiner Hingebung und bräutlichen Trunkenheit die Wahrheit ahnen können? Aber als wir die Ringe gewechselt hatten, als ich sein Haus teilte, und nun Einrichtungen getroffen wurden, welche auf die Absicht einer Sonderung aller Lebensverhältnisse schliessen machten, als er sein Zutraun still und höflich zurückzog, die Zeichen und Beweise freundlicher Neigung immer sparsamer und erzwungner wurden, überhaupt unsre Ehe nach und nach die Gestalt eines gewöhnlichen Konvenienzbündnisses unter abgeflachten Personen der höchsten Stände annahm, ohne dass von meiner Seite diese Wandlung durch etwas andres verschuldet war, als durch wachsende Innigkeit, und steigende sehnsucht, im haus mein Alles zu finden, da befiel mich ein Grauen, ich fing an zu argwöhnen, dass ich schwer hintergangen sei, und fühlte die notwendigkeit, einem schlimmen Geheimnisse auf die Spur zu kommen.
Was mich am meisten erschreckte, war die Art, wie Medon sich gegen mich vor andern benahm. Unsre Zimmer hatten sich nach und nach mit den bekanntesten Personen der Hauptstadt gefüllt, ein glänzender Kreis umgab uns, der mir wohlwollend und achtungsvoll begegnete. Medon erschöpfte sich vor diesen Zeugen in Aufmerksamkeiten gegen mich. Aber sobald die Menschen uns verliessen, sobald die Kerzen ausgelöscht wurden, verschwand auch er, und barg sich in seinen Gemächern.
Ich hatte mir anfangs vorgenommen, ihn zu beobachten, insgeheim zu forschen und den Falten seiner Seele nachzuspüren.
Bald aber verwarf ich diese kleinlichen Mittel als meiner unwürdig, und erkannte, auf welche Weise es sich einzig und allein für mich zieme, in dieser Sache zu verfahren. Eines Tages, da ich mich ruhig genug glaubte, erklärte ich Medon zwar mit zitternder stimme, aber durchaus fest und gesammelt in mir, dass mich sein Wesen befremde, dass es nicht das eines Gatten sei, und dass er mir die Wahrheit zu sagen habe, welche ich sofort, ganz, im unumwundensten Geständnisse von ihm verlange.
Die Kraft der Unschuld und des Rechts muss wohl sehr gross sein, da sie