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Indispositionen, welche meistens durch Regime zu meiden wären! Wie hindern oder zerstören Krankheiten das Glück ganzer Familien! Was begünstigt überhaupt mehr die Entwicklung eines harmonischen Lebensgangs, als das leichte, reine Gefühl, welches nur die Blüte vollkommner körperlicher Wohlfahrt sein kann?

In jenen Stimmungen und Verstimmungen lernte ich nun Medon kennen, welcher auf das Schloss kam, mir die erste Nachricht von dem Auffinden der teuren Reste des erschlagnen Freundes zu überbringen. Es wird nicht von mir erwartet werden, dass ich die geschichte unsrer Herzen, oder vielmehr des meinigen, denn das seine hatte leider keinen Anteil daran, novellistisch erzähle. Nur das muss ich sagen, dass die Herzogin unrecht hatte, wenn sie in ihrem Briefe behauptete, die Sympatie des Missvergnügens habe uns zusammengeführt.

Nein, es war etwas andres, etwas Höheres von meiner Seite. Medon gehörte zu den geistigen Ruinen, aber zu den mit aller Pracht üppiger Vegetation bewachsnen. Soll es denn einer arglosen Frau ewig verdacht werden, wenn sie der Duft und Glanz solcher Stauden und Blumen anzieht, wenn sie in ihrer Gutmütigkeit nicht zu ahnen vermag, dass unter diesen Reichtümern und Schönheiten der Abgrund laure? Sein Name war mit Auszeichnung im Kriege genannt worden, das musste ihm wohl zur Empfehlung bei mir gereichen, er brachte mir eine Nachricht, worin für mich ein trüber Trost über einen ungeheuren Verlust lag, wie konnte mein Herz noch einen Rückhalt gegen ihn haben? Endlich, ich fand nach langem Darben jemand wieder, mit dem ich meine Sprache reden durfte.

Ich habe beinahe zwei Jahre hindurch den Namen

dieses Mannes getragen, und wer wird mir daher glauben, dass ich über seine frühere geschichte, über seinen Charakter und seine Grundsätze nur Vermutungen zu geben weiss? Das allein ist mir bekannt, dass ich durch ihn eine Zeitlang sehr elend geworden bin.

Er war aus Franken gebürtig und von einem ehe

maligen Jesuiten erzogen worden. Dieser Lehrer hatte ihm die ganze verschlagne Festigkeit seines Ordens zu eigen gemacht, und ihm in jungen Jahren schon den Grundsatz eingeimpft, dass der Zweck die Mittel heilige. Als Jüngling muss ihm etwas Schreckliches begegnet sein; ich ahne, dass er eine Geliebte aus Unvorsichtigkeit getötet hat. Ein solches Missgeschick mag auf den Menschen die zerstörendste wirkung äussern. Denn ein Verbrechen lässt sich durch Reue und Busse sühnen, aber wo findet der Beruhigung, welcher als blindes Werkzeug geheimer, grässlicher Mächte sein Teuerstes vernichtete? Die Sonne geht einer so belasteten Seele unter, und Frostnacht breitet über sie erstarrende Schatten aus.

Er hat mehrere Monate in Wäldern und Felsklüften, dem Wilde gleich, verlebt, wie er mir selbst gestand. Welche Gedanken da sich seiner bemächtigt, weiss nur der finstre Geist des Felsens und des Waldes. Als der grosse Ruf der Freiheit durch Deutschland erscholl, klammerte er sich an die Hoffnung eines einigen Vaterlandes an, und diese ward nun der Gott seines Busens. Seine tollkühne Tapferkeit im Kriege entsprang wohl aus dem Wunsche, zu sterben. Der Tod ward ihm nicht und auch das einige Vaterland blieb nach dem Frieden aus. Ein tiefer Hass gegen alles Bestehende, worin er nur das Hemmnis einer besseren Ordnung der Dinge erblickte, bemächtigte sich seiner, um so gefährlicher und hartnäckiger, als dieser Gesinnung jede Leidenschaftlichkeit abging. Viele sind in jenen Tagen gegen Fürsten und Machtaber stürmisch und drangvoll zu feld gezogen, sie trugen das Panier ihrer Vorsätze im Antlitz; Medon schien dagegen mit allen Einrichtungen der Gewalt zufrieden zu sein. Er gehörte zu den kalten Fanatikern. Diese vermögen, wenn die Umstände sie begünstigen, etwas auszurichten. Denn die Dinge, welche auf solchen Gefilden erstrebt werden, entstehen nicht durch die Begeistrung, sondern durch den Kalkül.

Eine kurze Zeit hat er sich in dem damals aufkommenden geheimen Bundeswesen versucht. Wie diese unzulänglichen Intrigen nach Jahren entdeckt wurden und zum Schreck vieler, dem im öffentlichen Ansehen fest wurzelnden mann das Gebäude seines künstlicherrungenen Zustandes zertrümmerten, ist in den Büchern unsrer Geschichten erzählt. Lange wirkte dieser Sturz im gesellschaftlichen Leben der grossen Stadt nach; niemand hielt sich im Verkehr mit andern mehr sicher.

Ein Geist, wie Medon, musste aber sehr bald einsehen, dass sich mit Studenten nichts durchsetzen lässt, und dass überhaupt Verschwörungen nie die Beschaffenheit der Dinge, sondern immer nur ihre Oberfläche, und auch diese meistens nur vorübergehend ändern. Er gab daher alles derartige Tun und Treiben auf, sagte sich von den Häuptern und Gliedern los, und folgte dem Strome, mit welchem zu schiffen jeder gute ruhige Bürger verpflichtet ist. Sein Name, seine Kenntnisse, seine Persönlichkeit führten ihn in vorteilhafter Art bei den Machtabern ein; es dauerte nicht lange, so war der Grund zu der glänzenden Existenz gelegt, welche unser Autor beschrieben hat.

Indem ich nun darangehen soll, die Fäden, welche das Gewebe seiner Handlungsweise zusammensetzen halfen, aufzudrehen, fehlen mir fast die Worte, um das Verhältnis von Kette und Einschlag richtig darzustellen. Ein Wahn, ein Irrstreben der schlimmsten Art entbehrt vielleicht schon seiner natur nach der eigentlichen Gestalt, des dichten Zusammenhangs, welchen ihm die schildernde Feder gibt. Nur in Träumen und abgerissenflatternden Momenten mag der so arg Fehlende sich seines Systems bewusst werden. Ich bitte daher den Schatten des Dahingegangenen zum voraus um Verzeihung, wenn die Armut der Sprache mich zu bestimmteren Ausdrücken zwingt, als wie sie der Sache eigentlich gemäss sind.

In den Geschichten der Revolutionen, namentlich in denen der französischen wird zuweilen das Wort: Pessimismus, gebraucht. Es bedeutet das