den Männern versetzen lassen müssen und Söhne für den Krieg gebären, so scheint uns weder das Recht noch die Veranlassung zu fehlen, an allen den öffentlichen Dingen teilzunehmen, durch welche auch uns Freude und Entsagung, das lachen und die Träne bereitet wird.
Diese Vorstellungen bewohnten wie in der Knospe den Kopf des jungen Mädchens, es sprach sich und andern dieselben nicht aus. Die Frau, welche Schritte in die Dreissig getan hat, wird wohl davon reden, und eingestehn dürfen, dass sie von jeher sie gehabt.
Nun aber ist es eine eigne Sache um dieses Vaterland. Wir sind und bleiben denn doch arme Gefühlswesen, bei welchen der Weg zum haupt immer und ewig durch das Herz geht. Wenn die Trommel gerührt wird, wenn sie dahinziehn in langen Reihen, und die Fahnen den Tüchern, und die Tücher den Fahnen Abschied zuwinken, und nun der Busen um Reich und Tron, und zugleich um das Schicksal der Lieben bangt, dann die herrlichen, freudigen Kampfes- und Siegesnachrichten erschallen, jeder in diesem Sturme sich zum Ausserordentlichen gehoben fühlt, ach und endlich bei dem Friedensheimzuge die Freunde uns die teuersten Güter erobert dahergetragen bringen – dann weiss eine Frau, dass auch sie in ihrer schwachen, furchtsamen Seele eine Empfindung beherbergt, welche über die Spindel und das Nähzeug hinausreicht, dann dürfen wir uns eines Geschlechts mit der Mutter der Gracchen, und den Weibern der Numantiner rühmen. Oder auch dann kann unser Geist bewegt und erregt sein, wenn kluge, weltgestaltende Männer im Schweigen des Kabinetts mit der stillen Feder, oder der feinen gewinnenden Rede Bündnisse stiften, Provinzen erwerben, die Entschlüsse so leise vorbereiten, welche nachher den Erdkreis erschüttern und die Menschen in Staunen und Verwundrung setzen. Da wissen wir wohl bei uns die Gegner zu friedlicher Annäherung zu versammeln, Geheimnisse zu empfangen und zu bewahren.
Aber wie wird es im Frieden, im gleichgültigen Gange des Alltags? Statt der Heldentaten Manoeuvres, statt des regsamen Spiels seltner Kräfte ein stockendes Schleichen im Geleise trockner herkömmlicher Tätigkeit. Was soll denn nun die Frau beginnen, welcher die Kleinigkeiten nicht genügen, auf die wir dann einzig und allein angewiesen sind? Da müsste sie etwa Dichterin, Schriftstellerin, Kunstkennerin werden. Aber wenn die arme Seele zu der Einsicht gelangt ist, dass die Lieder ihrer Schwestern am Parnass nüchtern und dünn erklingen, dass die Bücher der Weiber aus den abgetragnen Gedanken der Männer bestehn, dass sie vor den Bildern und Statuen doch auch nur diesen bevorzugten Geschöpfen nachsprechen, wenn sie also zu allen derartigen Zeitvertreiben weder Lust noch Belieben trägt, womit wird sie dann ihre verlangende, glühende Brust ausfüllen?
Ich hatte nach dem tod meines Vaters schlimme Tage auf dem schloss. Gute Menschen walteten dort, aber unsre Seelen waren zu verschieden. Der Herzog war früh gewissen Personen in die hände gefallen, welche ihm die grössten Vorstellungen von der Würde des Adels beigebracht und ihm die Heiligkeit der Pflicht, alles an die Herstellung dieses Standes zu setzen, eingeschärft hatten. Diese Begriffe regierten ihn mit unumschränkter Macht, er hatte für nichts andres Raum in sich. In den Militärdienst eines kleineren Staates eingetreten, war er rasch von Stufe zu Stufe gestiegen, hatte auch an einigen Vorfällen des grossen Kampfs auf der deutschen Seite teilgenommen, aber ohne Liebe und Wärme für die Sache, welche ihn nur insofern interessierte, als er von ihrem Siege den Triumph der Aristokratie hoffte. Meine gute Schwägerin war in Paris erzogen worden, und hatte Deutschland erst nach dem Untergange unsres grossen Feindes kennengelernt.
Ich, voll von den Eindrücken einer unbeschreiblichen Zeit, mochte meinen nächsten Umgebungen wohl wie eine Närrin vorkommen, welche sich abmühte, Schattenbilder der Wirklichkeit unterzuschieben. Der ganze Entusiasmus eines zwanzigjährigen Mädchens war eins geworden mit dem Entusiasmus eines volkes, diesen Gewinn festzuhalten, das herrliche Gedächtnis mir nicht zu einem Traume verdämmern zu lassen, war die Aufgabe meines Lebens. Ich baute mir ein kleines Museum aus Erinnerungszeichen und Bildnissen der Feldherrn zusammen, sang meine lieben Schlacht – und Kampflieder am Fortepiano, steuerte von meinen schmalen Mitteln, soviel ich nur entbehren konnte, an die Vereine, welche sich überall zur Unterstützung der Invaliden gebildet hatten.
Man stutzte, verstand mich nicht, lächelte über mich. Ich liess mich das nicht anfechten. Aber freilich fühlte ich nur zu bald, dass ich mit dem, was mir das liebste war, mich in einer völligen Einsamkeit befinde, und dieses Bewusstsein fiel mit um so grösserer Schwere auf mich, als es die nächsten waren, die es mir bereiteten, und als ich voraussah, dass bald mein ganzer Zustand in dem haus, welches doch auch als mein Vaterhaus gelten sollte, unterhöhlt sein würde. Ich versank in eine Schwermut, die mich auch wohl zuweilen ungerecht gegen das Gute machte, welches mich umgab. Wenigstens muss ich jetzt über manches lächeln, was mich damals gegen die liebenswürdige Frau einnahm, mit der ich nun so verträglich leben kann. Sie hatte z.B. eine ängstliche Sorgfalt für ihre Gesundheit, scheute den Zug, den Tau, und was dergleichen mehr ist. Als ich mich einst hierüber im entgegengesetzten Sinne vernehmen liess, stellte sie mir sehr beredt die Pflicht dar, welche jeder habe, auf solche Weise über sich zu wachen. Ich fand diese bewusste Ansicht von der Sache nur noch egoistischer und schwächlicher, und hatte doch unrecht. Denn wie verderben wir uns und andern durch üble Laune die Tage, und wie selten entspringt sie aus geistigen Ursachen, wie viel öfter aus kleinen