Vorstellung vertraut gemacht, dass der eigentliche Atem des Lebens doch nur die Pflicht sei, welche man mit Überwindung übe, und dass der Mensch gegen nichts vorsichtiger sein müsse, als gegen das Glück. Hatte ich nun früher mir oft im stillen gesagt, dass mir das Dasein ohne den Gemahl zur Einöde werden, dass ich seinen Verlust nicht überstehn, dass ein Ersatz für ihn mir undenkbar sein würde, so musste die jetzige etwas kältere Empfindung mir als offenbarer Gewinn erscheinen. Nun fühlte ich, dass ein stilles Zurückziehn mich nicht zerstöre, dass er, eingeordnet in den ganzen Zusammenhang meines Lebens, zwar darin eine hohe, vorzügliche Stelle einnehme, aber doch nicht Grundfläche und Spitze der Pyramide ausmache. Über diese Entdekkung jauchzte ich, und glaubte, durch sie eine Bürgschaft unantastbaren Seelenfriedens erhalten zu haben.
Wie täuschte ich mich, wie fern war ich vom Ziele, da ich es schon mit den Händen zu fassen meinte!
Ich litt, obgleich ich sonst gesund war, seit einiger Zeit an einer erhöhten Reizbarkeit der Nerven, welche sich besonders dadurch äusserte, dass mir unwillkürlich Phantasmen vor die Augen traten. Diese blieben zwar nur einen Moment sichtbar, während der kurzen Dauer desselben hatten sie aber die ganze sinnliche Deutlichkeit wirklicher Gegenstände. So sah ich nicht selten ferne Gegenden, in welchen ich einst gewesen war; abwesende Personen, besonders Verstorbne zeigten sich mir in schnell vorüberschwebenden Schattenbildern. Ein eigentümlicher Zug dieser Wahngesichte war, dass keine Neigung sie hervorrief. Nur Gleichgültiges erschien, oft das, woran ich seit Jahren nicht gedacht hatte. Der Arzt verordnete mir allerhand Mittel, welche aber nichts halfen, im Gegenteil meine Konstitution noch mehr aufregten. Ach, leider wird es nur zu sehr verkannt, dass die Krankheiten, wenigstens ein teil derselben, weit mehr sittlicher als sinnlicher natur sind, und dass daher in vielen Fällen Tränke und Pulver wenig nützen können!
Eines Abends kam ich aus einem benachbarten dorf zurück, wohin ich zu Fuss gegangen war, um Kranke zu besuchen. Ich wollte das Schloss noch bei guter Zeit erreichen, in welches andre Hülfsbedürftige bestellt worden waren. Nur ein Bedienter folgte mir. Ich ging etwas rasch, und wählte, um früher nach haus zu kommen, den Weg über den dem schloss gegenüberliegenden Hügel, obgleich derselbe an der einen Seite durch Dornen und Steilheit etwas beschwerlich war. Vom frühen Morgen an war ich tätig gewesen, es hatten sich gerade recht viele Pflichten und Geschäfte an diesem Tage zusammengedrängt, und ich dachte nicht ohne Selbstzufriedenheit daran, wie mancherlei ich werde zu buch tragen können.
Auf einmal war es mir oben auf dem Hügel, als wenn sich um meine Füsse unsichtbare Schlingen legten, oder als ob ich an einen Stein stiesse, der zugleich meine Schritte gewaltsam hemmte. Ich kann diese Empfindung durchaus nicht genauer beschreiben; sie war zwischen Schmerz und Lähmung, und am nächsten komme ich ihr in Worten, wenn ich sage: Sie hatte Ähnlichkeit mit dem Gefühle des sogenannten Einschlafens der Gliedmassen. Ich war unfähig, weiterzugehn, meinte zu fallen, und wusste doch, dass ich mich werde aufrecht halten können. In dem nämlichen Augenblicke erhob sich die Gestalt des Abwesenden aus dem Boden, deutlich, dass mir die Knöpfe an seinem Kleide erkennbar wurden, neigte sich gegen mich, legte – mit welcher Scham schreibe ich dieses nieder! – seinen Arm um meinen Leib, und zog mich an seine Brust. Mich verliessen die Sinne, und als ich von einem ohnmachtähnlichen Zustande erwachte, fand ich mich auf einer Rasenbank sitzend wieder, von dem zitternden Bedienten gestützt, der mir stotternd und totenbleich erzählte, dass ich plötzlich wie vor einem entsetzlichen Schrecknisse gestarrt, dann gewankt und einen angstvollen Schrei ausgestossen habe.
Meine Verfassung war fürchterlich. Messer durchschnitten mir die Brust. Die Sünde hatte sich mir unversehens in nackter Abscheulichkeit gezeigt.
Da war nun keine Zeit zu verlieren, um zu retten, was sich noch retten liess. Ich blickte umher, und sah, dass mich nichts vor dem Gedankenfrevel geschirmt hatte, weder die Ehe, noch die guten Werke. Die Kirche allein war der Felsen, an welchen ich mein irrschwankendes Schifflein noch knüpfen konnte. Nach einer qualenvollen Nacht, nach einem durchweinten Tage entdeckte ich mich in später Abendstunde unsrem Geistlichen, und soll ich es gestehen? das verzweifelnde Herz trug sich mit der verstohlnen Erwartung, er werde mich nicht so strafbar finden, als ich mich selbst. Aber ich hatte mich getäuscht. Ein strenges Gericht liess er über mich ergehn. In schrecklichen Zügen, in drohenden Beispielen machte er mir anschaulich, dass die Kluft von der Tugend zu der ersten Abweichung von ihr sehr gross, der Raum zwischen dieser und den letzten Tiefen des Lasters aber unendlich klein sei. Er führte mir die Wahrheit, dass der Körper nie, sondern immer nur die Seele sündige, in ihrer ganzen Strenge vor das Gemüt, und nannte zur Bezeichnung meines Zustandes ein Wort, welches meine Ohren nie zu hören geglaubt hatten.
Düstre, aber heilsame Tage folgten. Ich ergab mich ganz seiner Führung. Der Arzt, so mancher Freund, der Herzog selbst wollten hemmend dazwischentreten; Gott schenkte mir die Standhaftigkeit, ihre Angriffe zurückzuweisen. Hier galt es das Ewige, da durfte keine Menschenfurcht zu Rate gezogen werden.
Das erste, was der Geistliche vornahm, war, dass er meine moralischen Rechenbücher zerriss. Er untersagte mir die guten Werke, mit denen ich mich gegen Gott auszulösen gewähnt hatte. Dergleichen, erklärte er mir