schrieb, war sein Begehren so dunkel und unbestimmt gefasst, dass ich nicht wusste, was er meinte, und am allerwenigsten auf eine Produktion vorbereitet war, wie die ist, welche ich nun kenne. Dass jemand ein Werk, woran er jahrelang geschrieben, dem Feuer preisgeben werde, weil andre sich dadurch unangenehm berührt fühlen, wäre grausam, nur zu denken. Die "Epigonen" werden also unvernichtet bleiben, sie werden ihren gang über Strasse und Markt nehmen. Sollen nun die zeiten, welche freilich nur wir allein kennen, durch Erdichtungen entstellt werden? Soll unser Bild gerade in der wichtigsten Krisis unsres Lebens undeutlich und verworren der Menge entgegenschwanken, deren Bekanntschaft wir jetzt notgedrungen machen müssen?
Ich sehe schon, ich werde dem Zwange unterliegen, der meine stockende Feder bedrängt. Nun ja, auch ich habe gefehlt, auch mich bewahrte eine klösterliche Erziehung und das innigste Grausen vor dem Schlimmen, nicht ganz unverletzt. Eine Täuschung war es von Hermann, dass ich anders, als mit freundlichen Gedanken bei ihm geweilt, solange er unter uns auf dem schloss war, aber in den Dünsten solcher Einbildungen schreitet schon das Böse heran.
grosser Gott, wie soll es eine arme Frau anfangen, ihr Innres vor andern zu entüllen? Aber ich sehe diese gezwungne Konfession als die letzte mir vom Himmel auferlegte Busse an, dafür, dass ein Hauch sich über den Spiegel meiner Seele breiten durfte, und deshalb will ich mich ihr auch nicht entziehn.
Als Hermann uns verlassen hatte, glaubte ich, die frohsten Tage im Nachgenusse der letzten schönen Stunde erleben zu dürfen. Das Dokument, welches uns in unserm Eigentume schirmen sollte, war gefunden und durch ihn, der mir so manchen Beistand geleistet hatte. Immer stand er vor mir, wie er freudeleuchtend das Pergament emporhielt, meine Gedanken ruhten an ihm, wie an einer festen Säule.
Aber es war kaum eine Woche vergangen, als mich dieser Trost nicht mehr befriedigte. Eine Unruhe ergriff mich, von der ich mir keine Rechenschaft geben konnte, es fehlte mir, was ich nicht zu nennen wusste, mein Sinnen schweifte über Buch und Stickerei hinaus, wenn ich sie, um mich auf etwas zu heften, zur Hand nahm. Dem Gemahle, welchem ich doch vor allem Zutraun über jedes Begegnis meiner Seele schuldig war, verbarg ich diese peinigende Zerstreuteit, und zwang mich, in seiner Gegenwart so zu erscheinen, wie sonst. Wie tief wucherte schon das Unkraut in mir!
Am bedrücktesten fühlte ich mich des Abends – sonst meine liebste Tageszeit! Die Nacht, welche früher die Ruhe Gottes über mich gebracht hatte, schien mich nun in ein Unendliches, Wüstes zu führen, vor dessen hohlbrausenden Wogen meine Seele erzitterte. Ich schlummerte zwar auch jetzt nie ohne Gebet ein, aber die Worte desselben regten mich zu wehmütigen Tränen auf. Es gemahnte mich, als könne ich mir selbst während des Dunkels abhandenkommen, als könne der Mensch verwandelt, schlimm aufstehn, der sich gut und unschuldig niedergelegt habe.
Eines Tages sagte ich plötzlich unversehens laut für mich hin: "Es ist ja natürlich, dass ich ihn vermisse, war er doch beständig um uns! Warum soll man sich nicht an einen Freund gewöhnen können." Ich erschrak heftig, da ich diese Worte gesprochen hatte.
Mein Zustand war sehr schlimm. Nach und nach hatte sich aus dem Gefühle des Zwangs, welches mir die Gegenwart des Herzogs einflösste, eine stille Furcht, aus der Furcht eine Abneigung entwickelt. Ich rechtete, ich haderte mit ihm, ich meinte, er vernachlässige mich, und wenn er mich aufsuchte, so bestrebte ich mich eher, ihn zu vermeiden. Der Herzog war unglücklich, ohne dass es mich schmerzte, seine stillen Blicke fragten mich, was er mir getan habe? Ich schlug die meinigen nieder, um nur nicht aus der Verschanzung des Trotzes und der Hartnäckigkeit, in welcher ich nun schon eingewohnt war, gelockt zu werden.
Von Franklin hatte ich gelesen, dass er die ihm obliegenden Pflichten nicht auf das Geratewohl hin erfüllt, sondern über seine Sittlichkeit förmlich Buch gehalten habe. Ich beschloss, etwas Ähnliches bei mir einzurichten. Vielfach war ich angesprochen, als Hausfrau, als Erzieherin, als Armenpflegerin. Ich legte mir ein Heft mit verschiednen Rubriken an, in welchem ich abends vor dem Schlafengehn die Werke des folgenden Tages einzeln verzeichnete. Auf der Gegenseite sollten die Unterlassungen als Debet diesem Kredit gegenüber eingeschrieben werden. Eine Kolumne war den allgemeinen menschlichen und christlichen Tugenden, der Sanftmut, Bescheidenheit, Verträglichkeit usw. gewidmet.
Gewissenhaft besorgte ich eine Zeitlang diese moralische Rechnungsführung. Da es mir Ernst war, der Öde meines Zustandes zu entrinnen, da ich nicht feierte, und lieber zuviel als zuwenig mir auferlegte, auch seit meiner Jugend die höchste achtung vor allen ausdrücklichen Verpflichtungen hegte, so füllten sich die Spalten meines buches ziemlich an; immer geringer wurden die Rückstände, je weiter ich in der Übung der guten Werke vorrückte, und nach Verlauf eines Monats war ein beträchtlicher Überschuss aus der Bilanz ersichtlich.
Diese Beschäftigungen und die damit nicht selten verknüpfte körperliche Bewegung machten mich ruhiger. Mein Schlaf wurde wieder erquickend und ich hielt mich für hergestellt. Meine Gedanken an den Abwesenden waren, oder schienen in den Hintergrund gedrängt, das Behagen der Häuslichkeit war mir zwar noch nicht zurückgekehrt, die Stunden, welche ich mit dem Herzoge zubrachte, behielten etwas Formelles, indessen setzte mich dies nicht in Erstaunen. Schon früh hatte ich mich mit der