wirft ihn zu den Tieren hinab. So hatte ich früh beim Abdämpfen und Präzipitieren, bei dem Öffnen und Zerschneiden der Leichen gefühlt, dass ein Etwas vorhanden sei, welches im Feuer des Schmelzofens sich nicht fangen lasse, vor keinem Agens niederfalle, dem Messer und der Sonde immerdar entfliehe. Dieses Etwas trieb doch nun aber unleugbar Gestein und Metall, Blatt und Blume hervor, und figurierte "das kleine Königreich, Mensch genannt". Wer durfte mir verwehren, es Gott zu nennen?
Aber dem arzt wird es schwer, über dieses Eine und Einfache zur Wärme zu gelangen. Er ist seiner ganzen Stellung nach auf Betrachtung der Mannigfaltigkeit verwiesen, er darf darin nicht nachlassen, wenn er nicht sehr bald zurückgehn will, und so pflegt es denn zu kommen, dass der Mehrzahl meiner Standesgenossen der den Erscheinungen untergebreitete Urgrund, das Heilige, das Imponderabelste, etwas Teoretisches wird, an dessen Vorhandensein zwar keiner zweifelt, mit welchem aber gleichwohl wenige eine Beziehung anzuknüpfen vermögen.
An dieser Beziehung mangelte es auch mir. Mein Gott war der des Amsterdamer Philosophen, der mit einer intellektualen Liebe von Anfang an sich selbst, aber sonst nichts andres Liebende. Er liess mich gehen, ich liess ihn meinerseits wieder seine unendlichen Kreise in sich beschreiben. Zuweilen stieg wohl eine Ahnung in mir auf, dass wir einander noch einmal begegnen würden, aber sie hatte weder Form noch Farbe, und war mir gleichgültig. Gegen alle Vermittlung durch die Kirche verspürte ich aber den entschiedensten Widerwillen.
Was mich auf das Schloss des Herzogs brachte, mich dort einige Jahre festielt, wird man aus Ihren Geschichten herauslesen können. Es gibt Dinge, über welche der Mann, auch wenn sie abgetan sind, gegen den Mann sich auszusprechen, immer Scheu empfindet. Der Gemahlin des Herzogs an einem fremden Orte, durch welchen sie reiste, in einer leichten Unpässlichkeit genaht, entschied sich mein Lebensgang zur Nachfolge in die einsame Gegend, wobei ich mir vorsagte, dass Beweggründe des Interesses meinen Entschluss rechtfertigten.
Leidenschaften, besonders unerwidert – verzehrende, löschen immer auf eine Zeitlang Gott und Himmel in uns aus. Der Ferne schwebte nur noch wie ein leichtes blasses Wölkchen an meinem Horizonte, und verbarg sich wohl auch ganz hinter den schwarzen Dunstschichten, welche die Luft oft genug trübten. Byron ward mein Prophet, mein Evangelium. Ein glühendgeistiges Verlangen in mir blieb ungestillt, die Folge davon war, dass, wenn ich auch dem da droben nichts anhaben konnte, ich doch gegen seine irdischen Gefässe, die Seelen, eine Nichtachtung fasste.
Doch ich sehe, dass ich schon in das hineingeraten bin, wovor ich mich hüten wollte, nämlich in das Erzählen. Noch zwar betrifft alles nur mich, nun aber verschlingen sich meine begebenheiten in die andrer Personen, und die erste Bedingung wäre, deren Einwilligung zu weiteren Berichten zu erhalten.
Ich will Ihnen nur gestehen, dass ich schon an die Herzogin und an Johannen geschrieben, den Damen Ihr Werk übersandt, und die Entschliessung auf die Bitte des Autors anheimgestellt habe.
Warten wir denn ab, wie weibliches Gefühl sich in diesem Falle benehmen wird. Darauf müssen wir wohl beide submittieren.
VIII. Derselbe an Denselben
Hier die Antwort der Herzogin und Johannens. Ihr Wunsch ist erfüllt, freilich mit Widerstreben, indessen haben Sie Ihren Willen, den die Schriftsteller überhaupt in der Regel durchzusetzen wissen. Schon bin ich selbst mitten in den Kreis dieser Memoiren gerückt, und werde Ihnen wohl nicht widerstehen können, wenn Sie fernere Berichte verlangen.
Bekenntnisse der Herzogin
Sind wir Frauen denn nur auf der Welt, um zu leiden? Im stillen, frommen Kreise meiner Zöglinge, durch den Sarg des Gemahls von einer früheren unruhigen Zeit geschieden, ausgesöhnt mit der Schwägerin, wird mein Auge in Regionen zurückgenötigt, worin alles schwankte, gärte und schien. Mit Erschrecken sehe ich, dass ein Fremder, in welchem ich zuletzt diese Fähigkeit vermutet hätte, meinen Schritten unbemerkt folgte, meine Gesinnungen erriet, und Schwächen auffand, wo ich nur Tugenden zu haben glaubte.
Ich kann nicht umkehren auf einen andern Ausgangspunkt, muss des Weges wandern, der mir allein gerecht ist. Möglich, dass ich zu manchen Zielen auf demselben nicht gelange, aber soll ich das Erreichbare aus dem Auge verlieren, und mich abmühn, das, was mir doch versagt bleiben wird, mir scheinbar anzueignen?
Die Orientalen halten es für Sünde, das Bild einer person zu malen. Es ist gewiss auch unrecht, das geheime Leben andrer so schwarz auf weiss zu töten, denn was bleibt davon auf dem Wege vom kopf durch den Arm in die Feder übrig? Nur in einem liebevollen geist können die Buchstaben wieder Leben gewinnen, und das Beste wird immer sein, was er zwischen den Zeilen liest.
Eins tröstet mich: meine Grundempfindung, dass wir nicht oft genug an uns erinnert werden können. Und eine solche Erinnrung war mir das Buch. Zugleich lehrte es mich, wie seltsam unerwartet oft das im Leben eintritt, was kurz zuvor als eine Täuschung sich hingestellt hatte.
Ich verzeihe dem Verfasser. Er ist offenbar zu dieser Arbeit genötigt worden, nicht leichtsinnig, nicht willkürlich hat er sie unternommen. Wenn er von seiner leidenschaft für die Wahrheit gegen Sie redet, so hat er gewiss recht. Dieser Affekt bemächtigte sich vieler Menschen, leider, dass er mit Schonung und Rücksichtnehmen selten zu vereinigen ist.
Lassen Sie mir nur einige Tage Zeit. Ich muss den unerwarteten Fall erst überdenken. Als der Autor an mich