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, deren Sie erwähnen. Mich verlangt, zu erfahren, wie Sie uns, die wir an keinen Beobachter dachten, abzuschildern vermochten, und darnach will ich sehen, was zu tun ist.

III. Derselbe an Denselben

Ihre Hefte haben die sonderbarste Nachwirkung in mir zurückgelassen. Soll ich mich eines Gleichnisses bedienen, so möchte ich sagen: Die Bienen arbeiten in ihrem Stocke, tragen Honig ein, halten in den Zellen ihre kleinen Kriege ab, und meinen, das alles für sich in völligster Abgeschiedenheit zu tun. Aber der Korb hat an der Rückseite ein Glasfenster und einen Schieber. Diesen öffnet dann und wann der Lauscher und lugt in das stille Getreibe. So haben Sie uns verstohlen betrachtet, freilich mit Vorsicht; sonst würden wir die Scheiben zu verkleben gewusst haben.

Die Tatsachen sind ziemlich richtig, soweit dies bei einer Erzählung, welche Rücksichten zu nehmen hatte, überhaupt möglich war. Die Psychologie ist so, so. Hin und wieder ging es wohl anders in uns zu, als Sie geahnet haben, wenigstens in mir.

Am wahrsten sind die Figuren, welche die Menge vermutlich für Erfindungen halten wird: Die Alte, der Domherr, Flämmchen. Es ist zu loben, dass Sie diesen Blasen der von Grund aus umgerüttelten Zeit nichts hinzugefügt, noch ihnen etwas abgenommen haben.

Sie klagen sich der leidenschaft für die Wahrheit an. Lassen Sie sich denn die Wahrheit gefallen, dass ich mich bei Empfang Ihres ersten briefes wirklich Ihrer und unsrer Unterredung nicht erinnerte. In meinem Zimmer drängen sich der Menschen viele. Auf mein Fach, und wenn ich sonst noch ein Buch zur Hand nehme, auf die Engländer mich beschränkend, kannte und kenne ich Ihre Schriften nicht. Es ist besser, dass ich als Fremder Ihnen gegenübertrete, und dass unsre Bekanntschaft auf eine solide Art vermittelt wird, als dass ich mich gegen Sie mit faden Komplimenten abfinde, die in der Regel nachmals sich auf die eine oder andre Art bestrafen.

Der Zeitabschnitt, in welchen unsre Entwicklungskrankheiten fielen, denn so möchte ich die Geschicke, welche uns betrafen, nennen, war vor vielen geeignet, ein deutsches Sitten- und Charakterbild hervorzubringen. Es war Friede im land geworden, die alten Verhältnisse schienen hergestellt, das Neue war auch in seinen Rechten anerkannt, alle Bestrebungen hatten eine feste, naive Färbung, während die neuesten Weltereignisse jegliche Richtung an sich selbst irre gemacht und in das Unsichre getrieben haben.

Die Gefühle und Stimmungen jener Periodeder letzten acht oder neun Jahre vor der Julirevolutionliegen fast schon als mytische Vergangenheit hinter uns. Der Adel suchte sich mittelalterlich zu restaurieren, das Geld glaubte treuherzig, wenn es nur den privilegierten Ständen den Garaus machte, so werde die Welt den harten Talern gehören, der Demagogismus wollte studentenhaft die Festung stürmen, die Staatsmänner meinten nach Ideen regieren zu können, es gab Schriftsteller, welche mit grosser Macht die Einbildungskraft beherrschten; ein Denker stand unter seiner weit sich breitenden Schule und katastrierte den Geist. Was ist von allem dem übriggeblieben? Die französische Tronverändrung hat abermals das Antlitz der Welt verändert, und sowenig ich in weichliche Klagen über dieses Ereignis und seine Folgen auszubrechen geneigt bin, so muss ich doch sagen, dass die Jahre, welche ihr vorangingen, an geistigem Gehalt und an einer gewissen Dichtigkeit des Daseins die Gegenwart übertrafen.

Man könnte Ihnen also Dank wissen, dass Sie es unternommen, ein Zeugnis jener verschwundnen Zeit aufzustellen. Aber zwei fragen möchte ich an Sie richten.

Wenn Sie die Neigung so unwiderstehlich zur Betrachtung der menschlichen Schicksale treibt, warum schreiben Sie nicht lieber geschichte selbst? Da hätten Sie die volle Traube am Stocke vor sich, und könnten uns einen gesunden reinen Wein zubereiten, während Sie in der Sphäre, welche Sie wählten, notwendig mischen müssen, und also auch nur einen Zwittertrank hervorbringen.

Die zweite Frage ist: Was soll das Publikum mit diesen Büchern anfangen? Die Hauptperson wird die Menschen schwerlich interessieren, da sie keine "Tendenzen" hat. Und was ist daran wichtig, dass ein Bürger mit einem Fürsten über dessen Güter prozessierte, dass wir ein Caroussel veranstalteten, dass es in den Häusern des Mittelstandes noch hin und wieder häuslich herging, dass an unsrem Sitze der Intelligenz allerhand Liebhabereien und Teoriewirtschaften getrieben wurden?

Meine Meinung über den Wert dieser Zustände habe ich oben angedeutet, aber sie ist nicht die Meinung der Menge. Sie wird auf solche Geringfügigkeiten missschätzend herabsehn. N.S. Auf einige Fehler:

... quas aut incuria fudit,

Aut humana parum cavit natura ...

muss ich Sie doch aufmerksam machen.

Hermann will als Neunjähriger die Einverleibung seiner Vaterstadt Bremen in das französische Kaiserreich erlebt, und als Siebenzehnjähriger in den Donnern von Lützen gestanden haben. Da aber jenes Ereignis im Jahre 1810 stattfand, und die Schlacht von Lützen nur drei Jahre später vorfiel, so widerspricht seine Rede aller Chronologie.

Der Jude aus Hameln, der falsche Demagoge, behauptet, von neununddreissig Tyrannen verfolgt zu werden, was nach der deutschen Verfassung völlig unmöglich ist.

Der Amtmann vom Falkenstein tritt schon im ersten Teile als Jagdgenosse Hermanns auf, und doch wird im zweiten so getan, als ob der Held erst bei dem Caroussel die Bekanntschaft dieses Mannes gemacht habe.

Die Interpunktion und Ortographie steht nicht recht fest.

Es sind mir sogar Grammaticalia aufgestossen, die freilich wohl mehr dem Abschreiber zur Last fallen; denn von Ihnen setze ich voraus, dass Sie ihren Schulkursus durchgemacht haben. Ob aber alle Leser, und