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Sie mich Ihnen bekennen, dass mich nicht der Anteil an Ihrem Institute, und nicht Ihr öffentlicher Ruf mich zu Ihnen trieb, sondern dass ich aus einem mehr persönlichen Beweggrunde kam. Nahe hatten Sie einem Teile der Personen aus den höchsten Ständen und der mittleren Schicht der Gesellschaft gestanden, deren Schicksale sich eine Zeitlang auf eigne Weise berührten und durchkreuzten. Sie waren in der Verkettung der Leidenschaften und Umstände durch Rat und Tat, in Liebe und Widerwillen selbst handelnd gewesen.

Durch Zufall auf die Betrachtung jener aristokratischbürgerlichen, politischsentimentalen Hausund Herzensereignisse geführt, durch Neigung bei der Betrachtung festgehalten, wünschte ich den Mann kennenzulernen, welcher in diesen Dingenverzeihen Sie mir den Ausdruckhin und wieder den Mephistopheles gespielt hatte.

Nun war aber Ihre Erscheinung ganz verschieden von meinen Gedanken. Ich bemerkte nach den ersten Reden, welche wir wechselten, dass Ihre Seele eine philosophischreligiöse Färbung erhalten hatte, die zu meinem Bilde von Ihnen nicht passte. Überrascht durch diese Entdeckung vermochte ich daher auch nicht, das Gespräch auf jene begebenheiten zu lenken, die mich so sehr beschäftigten, und es entspann sich die Unterredung allgemeinen Inhalts, welche, so anziehend sie auch für mich war, dennoch meinen Wünschen widerstritt.

Denn zwölf Jahre bin ich den Lebensvorfällen der Menschen, welche, wie wir alle, als duldende Epigonen den von einer früheren Zeit uns hinterlassnen Kelch auskosten mussten, aufmerksam gefolgt, ich habe niedergeschrieben, was ich von ihnen erkundete, und mich bestrebt, die verborgnen Fäden nach den bekannten Tatsachen ergänzend darzulegen. Wie weit mir dieses Werk gelungen, vermag ich zwar nicht zu entscheiden, gewiss aber ist es, dass die Bücher dieser Geschichten, teils im Plane bedacht, teils in der Anlage entworfen, und teils in der Ausführung vollendet, einen grossen Abschnitt meines eignen Lebens hindurch mir unausgesetzttreue Begleiter waren.

Jetzt sind die Entwicklungen nach tiefem Dunkel tröstlich erfolgt. Fröhliche Kinder umspielen die Knie derer, welche einst unrettbar verzweifeln zu müssen schienen, leidende Seelen haben sich in edler Tätigkeit erholt, nur die starren, eigentlich schon im Leben toten Naturen, nur einige lieblichwilde Auswürflinge geheimer Sünde oder gottschändender Vermischung umhüllt das Schweigen des Gewölbes, oder deckt die grüne Erde, welche alles zuletzt mütterlich verhüllt.

Aber eine düstre Zwischenzeit trat diesen heitern Ausgängen vor. Am Schlusse meines Werks fühle ich mich unfähig, jenen wesentlichen teil desselben zu liefern. Alles war damals verdeckt, entweder von den Vorhängen des Krankenbettes, oder von dem Siegel der beichte, oder von der Scham der sich selbst zerwühlenden Brust. Die Geretteten bewahren ihre Erinnerungen zu heilsamer Scheue vor den Ungeheuern, welche unser Dasein umlagern, aber sie reden nicht davon, sie entziehn sich der Mitteilung über diese Gemütsund Geistesnächte, wenigstens gegen mich.

Das neunte und letzte Buch, das Buch der Entwicklungen, ist geschrieben, und ich würde allenfalls auch das achte zusammenphantasieren können. Aber etwas Halbrichtiges würde mir selbst am wenigsten genügen. Gerade für diese Zwischenzeit wäre mir diplomatische Treue höchst erwünscht. Ich habe oft die Feder schon angesetzt, aber sie unwillig immer wieder weggelegt.

So müssten die "Epigonen" vielleicht ein im Wichtigsten verstümmeltes Bruchstück bleiben, wenn Sie, mein Herr, sich nicht helfend in das Mittel schlagen wollen. Sie waren in jener Zeit den Leidenden nahe; es ist unmöglich, dass Ihnen verborgen blieb, was mir zu entziffern nicht gelingen will. Ich weiss nicht, ob ich recht tue, es gibt vielleicht eine leidenschaft für die Wahrheit, die wir gleich den andern bezwingen sollten. Wenn dem so ist, so kann ich wenigstens ihrer nicht Meister werden, und ich bitte, ja ich beschwöre Sie, meinem Drange nachzugeben, mir Ihre Kunde von dem Verlaufe der beiden Jahre, welche ich meine, und die Sie kennen, nicht vorzuentalten.

Schreiben Sie mir, was das Gewissen der Herzogin bedrückte? welches Unglück auf der Ehe Johannens gelastet? was beide Frauen nervensiech machte? welche Antriebe den Herzog so unvermutet dahin brachten, alle seine Güter dem Widersacher abzutreten?

Mit einem Worte: Lösen Sie mich auf einige Zeit in der Autorschaft ab, und übernehmen Sie die Redaktion des vorletzten buches, es sei, in welcher Form Sie wollen.

II. Der Arzt an den Herausgeber

drei Briefe, jeder spätere immer noch dringender, als sein Vorgänger, liegen auf meinem Pulte. Dass mich Ihr Ansinnen überraschen musste, haben Sie selbst wohl vorausgesehen, dass ich mir Zeit nehmen würde, Ihnen zu antworten, war natürlich. Geschäfte und Pflichten mancher Art haben das Ihrige dazu beigetragen, diesen Brief länger zu verzögern, als ich wollte.

Ich soll zum Memoiristen werden, ich, der Arzt, der alle hände voll zu tun hat, seine Patienten wahrzunehmen, die Aufsicht über die Anstalt zu üben, Ministerialberichte zu verfassen, Doktoranden und Pharmazeuten zu prüfen? Zum Memoiristen über Personen, die mir so nahestehn, ja zum teil über mich selbst und über eine Zeit, an die ich nicht gern zurückdenke? Dilettieren soll ich in einem Fache, während ich allenfalls in dem andern mein Zeichen aufweisen kann? Es müsste sonderbar zugehn, wenn Sie mich überredeten, aber verschwören will ich es nicht, denn der Anblick eines Feldes, welches uns versagt worden ist, wie Sie ihn mir öffnen, hat etwas Lockendes, und reizt uns, wie der Rachen der Klapperschlange den Vogel anzieht.

Vor allen Dingen, ehe ich mich entschliesse, muss ich die Bücher in Händen haben