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hin um Nichtiges!"

"Enden wir", sagte Johanna, "auch mich verlässt die Kraft. Gehen Sie aus Europa; meine Briefe, welche ich Ihnen nach Ihrem verborgnen Aufentalte senden werde, öffnen Ihnen durch Freunde die Mittel und die Wege. Hier nehmen Sie die Hälfte dessen, was ich besitze. Sie dürfen nicht Mangel leiden. Und nun gehen Sie, dass Sie kein Späher ausforscht. Fassen Sie sich. Die Verzweiflung ist für schwache Seelen."

Er bedeckte ihre Hand mit inbrünstigen Küssen, dann verschwand er zwischen den Bäumen. Johanna wandte sich zu Hermann und sagte zu ihm mit der himmlischen Ruhe und klarheit, welche ihre Worte an Medon durchleuchtet hatte: "Auch wir scheiden. Die Herzogin schreibt mir, dass sie bei ihrem Anerbieten, mich wieder aufnehmen zu wollen, beharre. Mein Wagen ist bestellt. Dieses Paket sendet sie für Sie. Leben Sie wohl. Ich fühle keine Reue, dass sich mein Wesen Ihnen in schrankenloser Zärtlichkeit ergab. Vielleicht löset das Leben, gewiss der Tod dieses schöne Rätsel des Gemüts; die selige Nacht, in der es aufblühte, gehört uns beiden zu unveräusserlichem Eigentume."

Hermann war unvermögend, zu antworten. Er sank auf eine Steinbank, als sie ging. Die Welt wankte vor seinem geist in ihren Grundfesten. "Erhalte mir das Licht im haupt, du heilige Macht da droben!" rief er, und rang die hände. "Diese war Johanna, die Reine, die Unbefleckte! Sie lächelte und redete auch noch ganz so, wie mein lieber hoher Engel von ehedem."

Er erbrach das Paket. Die der Herzogin einst anvertraute Brieftasche, das geheimnisvolle Vermächtnis seines Vaters, war in demselben. Folgende Zeilen hatte die Herzogin in französischer Sprache dazu geschrieben: "Mir ist hinterbracht worden, welche Unsittlichkeit Sie auf unsrem schloss sich erlauben zu dürfen meinten. In dem durch Ihr Verhalten mir aufgeregten Gefühle bin ich ausserstande, länger, was Ihnen gehört, zu bewahren, und entlaste mich durch die Rücksendung der bisher geübten Pflicht." "Recht so!" rief Hermann und lachte ingrimmig. "Unsre Sünden werden uns zu Tugenden, und um das Unschuldige verwerfen uns die Menschen. Es ist nur eine kleine Zugabe zu grossem Elend. Venus Urania ist bei Nacht nichts als die Hetäre Kallipygos, aber wenn die Sonne wieder scheint, stellt sich die Göttin in Worten und Mienen unverletzt her. Schein und Schaum die Welt und die Wahrheit, oder umgekehrt: Schein und Schaum das allein Wahre! Nun wäre ich ja wohl auf dieser hohen Schule der Folterkünste, aus welchen böse Geister das Leben wirken, genugsam vorbereitet, zu erfahren, was die Lippen meines alten Vaters mit in das Grab genommen haben."

Er öffnete das Portefeuille und las den Inhalt.

*

Wenn es erlaubt ist, bei einem Werke des Orts und der Stunde, welche ihm das Dasein gaben, zu gedenken, so sei dem Verfasser gegönnt, ein solches Taufzeugnis hier niederzuschreiben. wunderbar übereinstimmend war der Boden aller Verhältnisse, auf welchem das gegenwärtige Buch dieser Denkwürdigkeiten wuchs, mit dem Inhalte desselben. Denn seltsame Ereignisse mussten beschrieben, die unvereinbarsten Gegensätze in den Schicksalen der Personen, welche uns beschäftigen, dargelegt werden. Und heimatlos war der Verfasser zu der Zeit, zwischen zwei Städten flüchtig hin und her geschleudert, in ein labyrintisches Geschäft mit Menschen und Dingen verstrickt, an welchen selbst die Götter ihre Meister finden könnten. Was Wunder, dass diese grause Harmonie der Äusserlichkeiten und Stimmungen mit seiner Aufgabe ihn oft fürchten machte, letztere werde ungelöst in jenen Knäuel der Umgebung sich verlieren.

Da tat ihm ein ehrwürdiger, geistlicher Freund die stille Arbeitszelle in dem aufgehobnen Kloster hinter ruhigsäuselnden Bäumen und friedlichdunkeln Bachwellen auf. Für diese Freistatt sei dem guten Abte Beda der Dank auch hier bezeugt, dessen ihn mein Mund schon oft versichert hat. Der Liebesdienst wurde zur rechten Zeit erwiesen, und war daher wie alles, was zur rechten Zeit kommt, ein unschätzbarer.

Achtes Buch

Korrespondenz mit dem arzt1835

Between te acting of a dreadful ting,

And te first motion, all te interim is

Like a phantasma, or a hideous dream.

Brutus in "Julius Cäsar"

I. Der Herausgeber an den Arzt

Sie erinnern sich vielleicht kaum noch unsrer Zusammenkunft in *, wo ich Sie inmitten der damals Ihnen kurz zuvor untergebnen Anstalten und im Feuer einer frischen, mannigfaltig wirkenden Tätigkeit traf. Der Umfang dieser Geschäfte, welche Ihnen neu waren, der Lebensatem, den die grosse Stadt dem wissenschaftlichen mann zuhauchte, und dessen Macht sich noch nicht durch Gewöhnung abgeschwächt hatte, mochte in Ihnen eine erhöhte Stimmung hervorgerufen haben. Unsre Unterhaltung war die inhaltreichste. Mit schlagenden Worten gaben Sie mir in der Kürze den deutlichsten Begriff von dem stand Ihrer Wissenschaft in der Gegenwart.

Ich würde mich, wie ich schon andeutete, vermutlich sehr irren, wenn ich glauben wollte, dass meine person und Erscheinung in Ihnen einen Eindruck zurückgelassen hätte, nur von fern demjenigen gleichkommend, welchen ich mit mir fortnehmen durfte. Es ist mir so angeboren, bedeutenden Menschen gegenren Vorteil erachte, ihnen zuzuhören, als mich selbst vorzutragen.

Dennoch wage ich, als seien wir einander Freunde und Vertraute geworden, Sie um eine gefälligkeit anzusprechen und zwar um eine grosse. Es gibt Dienste, welche so sehr in einem allgemeinen Interesse erbeten werden dürfen, dass deren Leistung auch gegen den ganz Fremden vielleicht kaum mit Recht zu versagen ist.

Lassen