öffnete sacht Johannas Zimmer. Es war dunkel, der Duft süssen Räucherwerks floss ihm entgegen. Er meinte, sich geirrt zu haben, trat einen Augenblick auf den gang zurück, und sah die tür an. Aber das war seine, das war Johannas tür! Er tastete im Zimmer nach einem stuhl, setzt sich auf denselben, und wollte erwarten, dass seine Freundin mit Licht komme.
Da hörte er leise die Vorhänge des Betts rauschen. Was er noch von Besinnung gehabt hatte, schwand. Er wankte der Gegend zu, von welcher das Rauschen vernommen worden war. "Johanna?" fragte er glühend, bebend. "Ja", antwortete es kaum hörbar unter innigem Weinen. Ein Busen und Leib, dessen Berührung die Glut des Fiebers in ihm entzündete, drängte sich aus den Kissen ihm entgegen. Weiche arme umschlangen ihn, er sank auf das Lager, welches ihn erwartete, und die Wogen des höchsten Genusses schlugen über ihm zusammen.
Fünfzehntes Kapitel
Man hat den Maler gelobt, welcher, die Grenzen seiner Kunst erwägend, auf dem "Opfer der Iphigenia" dem Vater Agamemnon das Haupt verhüllte. Zu diesem oft angeführten Beispiele müssen auch wir unsre Zuflucht nehmen, wenn wir bekennen, dass unsre Feder die Empfindungen nicht schildern mag, welche Hermanns Brust zerrissen, als der Tag in sein Gemach schien. Es gibt ein Bewusstsein, von welchem kein menschliches Wort das Genügende aussagen kann. Ach, und dennoch sind die Dinge möglich, die so wütende Schmerzen in uns hervorrufen, und werden uns Armen auferlegt! Im tiefsten Dunkel war er nach seinem Lager zurückgekehrt. Aus unerquicklichem Schlummer mit dem Morgenrote emporfahrend, wollte er sich überreden, das Erlebte sei nur ein lasterhafter Traum gewesen. Aber da brannten und schmerzten seine wunden Lippen noch von wilden Küssen, da fehlte seinem Finger der goldne Ring, den er zu tragen pflegte, und der ihm unter reizenden Liebesspielen entschmeichelt und abgestreift worden war. Er war unglücklich, ganz unglücklich. Ein Heiligtum war geschändet, ein Götterbild von seinem hohen stand schmählich in den Kot gestürzt worden. Er ging in den Garten, die Bäume schienen ihm falbe Asche statt des Laubes auf ihren Zweigen zu tragen, Luft und Sonne waren ihm zuwider. In die Laube, worin er sich niedergesetzt, flog ein Vögelchen und sah ihn unschuldig – neugierig an. "Willst du meiner spotten?" rief er und schlug nach dem Tiere.
Im Garten, wie im haus war alles still. Die jungen Leute, die Diener verschliefen ihre Anstrengungen. Flämmchen war nicht zu sehen.
Die Alte kam, ein dampfendes Getränk auf silbernem Teller tragend, und sagte feierlich – höhnisch: "Ich bringe Euch Stärkung, Ihr muntrer Ritter. Seht Ihr wohl? Nun habt Ihr doch getan, was der Starke, Dunkle mir versprochen hatte. Ihr lagt so recht der Tugend im Schosse, nicht wahr?"
"Fort, du Scheussliche!" rief Hermann, und schleuderte heftig die Alte zurück, dass die Tasse auf den Boden fiel und das Getränk verschüttet wurde. "Ei behüte und bewahre, lasst nur meine Knochen ganz!" murrte sie und schlich davon.
Ein Reiter sprengte an das Gittertor, in welchem Hermann den nach dem schloss des Herzogs gesendeten Boten erkannte. Er zog einen paketartigen Brief aus der tasche und sagte: "Ich bringe Antwort." – "Gebt sie an die gnädige Frau ab", versetzte Hermann.
Er zitterte, Johannen zu sehen. Er schauderte vor dem Gedanken, ihr Zimmer zu betreten, auf dessen Schwelle sich die Erinnerungen der Nacht mit Furienantlitzen lagerten. Die Vernichtung wäre ihm willkommen gewesen.
Ein Knabe kam und sagte: "Sie werden im Birkenholze erwartet." Bewusstlos schwankte er hin; Johanna trat ihm dort entgegen und rief: "Ich selbst in schlimmer Lage, soll noch andern helfen. Medon, seiner Haft entwichen, ist hier in unsrer Nähe, spricht mich um Rat an. Sie liess ich holen, um Schutz und Beistand bei diesem unseligen Wiedersehen zu haben, da ich doch schwächer bin, als ich meinte."
Eine Gestalt im Mantel näherte sich, schlug die Verhüllung zurück und Medons bleiches, verwildertes Antlitz wurde sichtbar. Er stürzte vor Johannen nieder. "Vergeben Sie mir alles, was ich an Ihnen getan!" war sein erstes Wort.
"Stehen Sie auf, Medon", versetzte Johanna. "Sie sind unglücklich; wie vermöchte ich, Ihnen zu zürnen? Wir Frauen haben die Eigenheit, selbst unsre Irrtümer zu lieben, in diesem Worte werden Sie eine Beruhigung über mich und mein Gefühl für Sie jetzt und künftig finden. Es war ein Irrtum, dass ich Sie liebte, aber ich habe Sie geliebt; vor dieser Wahrheit zerschmilzt alles Bittre und Zürnende."
Der Unglückliche brach in ein unendliches Weinen aus. "Ist keine Hoffnung, dass wir uns je wiedersehen?" fragte er leise.
"Keine", versetzte sie. "Ich habe abgeschlossen mit Ihnen und mir. Ich könnte noch für Sie dulden und leiden, aber nicht mehr mit Ihnen leben."
"So höre denn, dass in diesem Augenblicke, der mich auf ewig von dir scheidet, mein Herz sich für ewig an dich knüpft!" rief Medon mit aller Glut der heftigsten leidenschaft. "Ja, nun, da ich dich einbüsse, sehe ich, was ich verscherzt habe! Diese Anmut und Hoheit konnte mein sein und ich Sinnloser warf sie