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die Erde im Tanze, schlürfe das Öl und Feuer der Traube, bette dich auf den Hüften des Mädchens, denn wenn du im Sarge dich streckst, so wird es anders, greulich und fürchterlich. Die einen sagen, es sei aus mit dem letzten Hauche, das ist nicht wahr, die andern glauben, frei und ledig fliege die Seele auf vom Kote zum Himmel, das ist auch nicht wahr, die einen lügen, wie die andern, ich weiss es besser; Leben und Tod sind nicht geschieden, wie Schwarz und Weiss; ein entsetzliches Grau steht dazwischen, die Verwesung. Da fühlt sich das modernde Fleisch noch als Fleisch, da möchte das Blut, das in Klumpen und wasser auseinanderrannte, noch beisammenbleiben und vermag es nicht, da brennt in schaudervollem Schmerze das Auge, dem die Säfte vertrocknen. O welches Wort nennte diese Pein! Welcher Jammer reichte an solche Verwüstung! Warum soll ich allein diese Furcht tragen, an welcher das Menschengeschlecht umkäme, wenn sie die Wahrheit erführen? Einer wenigstens muss mit mir zittern und beben, und der eine sei du!"

"Wahnwitzige, schweige!" rief Hermann, dem bei diesen Reden das Zimmer sich umdrehte.

"Wahnwitzig? – Ich bin die Prophetin, du höre mir zu! Ich weiss es, denn ich habe es erfahren. Schon hatten sie mich ins Leichentuch gelegt, die Kerzen brannten zu meinem haupt, die schwarzen Männer wurden bestellt, und ich konnte mich nicht regen und rühren. Alles begann in meinem leib vorzugehn, buchstäblich, wie ich es Euch gemeldet, und die Würmer rüsteten ihre Zähne zum Nagen. Ich war nicht lebendig und ich war nicht tot, ich war zwischen beiden. So wäre es dann fortgegangen, Schritt vor Schritt, bis dahin, wo die arme in eins gefügte Kreatur, zerrissen, zersplissen, in der Luft stürmet und weht, als Erde friert, klebt und starrt, auf den feurigen Zungen der Flammen hüpft und lodert, und immer noch von sich weiss, und wieder zu sich kommen möchte, aber nicht kann. Hast du das klägliche Ächzen nicht gehört in der natur? Es ist der Hülferuf der verwesten Seelen, die so umherflattern. Und mit andern Worten haben das die Priester schon gesagt, wenn sie vom Fegfeuer sprachen. Mich aber gelüstete nicht nach diesem; in der letzten Angst rief ich den Starken zum Beistande, und der erhörte mich. Er fachte das Lebenslicht in mir an, dass es Herr wurde über das Elend und die faulen Düfte; da konnte ich die Finger regen und bald darauf die Hand. Die Leute sahen es, sprengten mir flüssige Geister in das Antlitz, und sagten darnach: 'Diese ist von den Toten erstanden."'

Sie strich ihre schwarzen Haare und hing sie sich wie Schlangen um das Haupt. "Sage mir, wer bist du. Unheimliche, und woher stammst du?" fragte Hermann, dem die wilden Reden durch Mark und Bein dröhnten.

"Ich bin eine Nonne aus Spanien", versetzte die Alte, gierig trinkend. "Ich betete öfter als die andern alle zur Jungfrau Maria und den Heiligen, war über die massen fromm. Keine Übung konnte mir streng genug sein, die erste war ich auf und die letzte von dem Chore. Sie nannten mich die Begnadigte, und ich stand in hohen Ehren weit und breit umher. Da brach der Krieg herein, unser Kloster wurde von den fremden Scharen erstürmt. Durch Rauch und Flammen, bei dem Zetergeschrei der Schwestern, welche mit zerrissnem Schleier die Gänge hinabirrten, drang der schöne Pole zu mir, ergriff mich und schleppte mich in die Kirche. Dort auf dem Altare, unter dem Bilde derer, welche wir die Mutter Gottes hiessen, bezwang er mich, ungerührt von meinem Weinen und Flehen. Ich schickte die jammervollsten Bitten in den Schmerzen der Wollust empor zu dem Bilde, mir zu helfen, und meinen himmlischen Brautkranz zu schützen; aber es war umsonst, und ich lag da, vernichtet und mir selbst ein Ekel. Da erkannte ich, dass die Heiligen von Holz seien, und der Himmel ein Rauch und verfluchte Gott noch an der nämlichen Stätte. Folgte nach diesem dem Polen, und lebte mit ihm in verschiednen Landen in grosser brünstiger Herrlichkeit. Das Kind aber, so ich von ihm empfangen, trug ich aus in der Verachtung Gottes, immer in mich hineinsprechend: 'Wachse du Frucht meines Schosses ohne ihn, der da ist das uralte Nichts.' Und da es zur Welt kam, hatte es sich nicht, wie die andern Kinder, welche weinen, wenn sie geboren werden, nein, es hat gelacht und der Wehmutter ein Gesicht geschnitten, als sie es in ihren Händen auffing.

Aber ich war unselig ohne Gott, denn der Mensch muss einen Herrn haben. Wie ich diesen gefunden in den Ketten der Zerstörung, sagte ich schon; Er, der Starke, Dunkle, ist mein König und Gebieter worden, der mich in alle Wege leitet. Ihr seht mich zweifelnd an, und schüttelt das Haupt, weil ich im wald vom Kreuz zu Euch gesprochen, und von Himmel und Hölle, weil ich mich nach wie vor eine gute Christin nenne. Das ist eben seine Güte und Grossmut; er erlaubt es uns, damit uns die Menschen nicht steinigen, er rät uns selbst, die Larve zu tragen, und ist zufrieden mit unsres Herzens stillem verschwiegnem Dienste. Und