sich in ein Nebenzimmer und sah in die Nacht hinaus. Das ganze Gefühl seiner ersten Jugend, welches er immer gegen das Ende von Bällen gehabt, kam über ihn. Wie die Töne des Tanzes gegen die grosse stille Nacht draussen in buntem Gewimmel ankämpften, und doch ihren Tod schon in sich trugen, so erschien ihm das ganze Dasein im kurzen schönen Kriege gegen das Unendliche, Farben- und Formlose befangen.
Johanna hatte sich zurückgezogen. Er machte sich Vorwürfe, auch nur in Gedanken ihr gezürnt zu haben. Morgen musste der Bote vom schloss des Herzogs zurückkehren, wie nahe stand die traurige Trennung bevor! sehnsucht und tiefe unbezwingliche Liebe trieben ihn zur tür ihres Zimmers.
"Kann ich Sie noch sprechen, Johanna?" flüsterte er. Sie öffnete und sagte: "Welch ein später Besuch! Was führt Sie zu mir?"
"Schmerz, Wehmut, Johanna. Wir gehen morgen auseinander, und wann sehen wir uns wieder? Tief verbergen Sie Ihre Leiden, und gönnen dem Freunde nicht den Trost, sie mit Ihnen teilen zu dürfen."
Sie reichte ihm die Hand und sagte: "Keiner soll mir helfen, wenn ich der hülfe bedarf, als Sie. In aller Not und Trauer will ich ewig nach Ihnen schauen. Wir sind verbunden; was kann uns scheiden? Rollt die Liebe auf den Rädern des Wagens davon?"
Er hielt ihre Hand fest und fragte leise: "Lieben Sie mich, Johanna?"
"Von Herzen", versetzte sie. "Soll denn nur das Blut, und immer nur das Blut Geschwister schaffen? Darf nie das Gemüt in freier schöner Wahl das reinste Band knüpfen? Nein, ich werde den Glauben nicht aufgeben, dass solche Neigungen möglich sind. Vom ersten Augenblicke, da ich Sie sah, sind Sie mir wie ein Bruder erschienen; lassen Sie mich Ihre Schwester bedeuten! Und zum Angedenken dieser Stunde und meines Bekenntnisses empfangen Sie das beste, was eine Frau darbieten kann."
Sie schlang ihren Arm um seinen Nacken und die schönen unentweihten Lippen berührten die seinigen. Sanft sich emporrichtend, sagte sie: "Wer würde, das sehend, nicht rufen, es sei leidenschaft, Frevel! Und doch, wie fern bin ich von allem ungestümen Wesen! Wie ruhig könnte ich Sie in den Armen einer andern sehen! So wenig reichen unsre Begriffe an die Geheimnisse des Herzens."
Zitternd, sprachlos, ging er durch die erleuchteten Gänge. Noch klang die Musik in rauschenden Weisen. Wie hätte er zu schlummern vermocht! Über alles Hoffen hinaus war ihm sein Leben erhöht! An seiner Brust hatte die Königliche geruht; er erlag fast unter der Bürde eines fremden, unbegreiflichen Glücks.
Ohne Absicht klinkte er an einer tür. Sie tat sich auf, und da er in dem dunkeln raum an eine Tapete rührte, so sah er sich, da dieselbe gewichen war, unverhofft in dem grossen, blauen Zimmer, welches er schon kannte, und zu dem dieser zweite, verborgne Eingang führte.
Die Alte sass auf einem bunten Teppich am Fussboden und hatte zwei Flaschen neben sich stehen. Aus einer füllte sie sich ein grosses Kelchglas bei Hermanns Eintreten, und leerte es auf einen Zug aus. "Das ist schön", rief sie, "dass Ihr mich besucht! Ich liebe den Lärmen nicht, und habe mich hieher in die blaue Ewigkeit zurückgezogen, um meinen Genuss in der Stille zu finden, aber die Gesellschaft eines Mannes, wir Ihr seid, soll mir ein köstliches Zugemüse zum Weine sein."
In seiner Stimmung widerlich durch ihren Anblick gestört, wollte er das Zimmer verlassen. Sie trat ihm aber rasch in den Weg, und sagte: "Nein, mein Herr, so kommt Ihr nicht fort. Ist es recht, undankbar gegen gute Gesinnungen zu sein? Nicht wahr, Ihr habt Euch heute so hoch erhoben im Fluge mit dem Paradiesvogel, dass Ihr das, was unter Euch zappelt, gar nicht mehr wahrnehmt? Nun, nur Geduld, auch wir sinnen auf Euer Vergnügen, wir wissen nur noch nicht, wie es auszuführen."
Ihre Augen funkelten, ihre Lippen lallten, sie glich einer Hexe. Hermann, welcher den Zustand sah, in den sie der Genuss des Weins versetzt hatte, tat sich, um einen verdriesslichen Auftritt zu meiden, Zwang an, und sagte: "Ich kann recht gern bei dir verweilen, wenn dir das einen Gefallen erzeigt."
"So sprecht Ihr vernünftig", erwiderte die Alte, trug den Teppich zur Schwelle der tür, und setzte sich dort nieder, ihm den Ausgang versperrend.
"Es gibt gar kein grösseres Unglück", sagte sie, indem sie fortfuhr, zu trinken, "als eine Wissenschaft mit sich umherzuschleppen, die dann im grab mit einem verfault. Dem arzt sagte ich sie, der wollte sie nicht glauben und lachte mich aus, darnach verlor ich das Zutraun, und erst Ihr habt es wieder in mir erweckt. Warum? weiss ich selbst nicht; Ihr scheltet mich aus, und macht Euch aus dem Flämmchen nichts, eigentlich müsste ich Euch hassen, aber ich tue es nicht, der Teufel muss mir die Freundschaft für Euch angetan haben."
"Was soll das? Was hast du mir zu entdecken?" fragte Hermann verwirrt.
"Die Heimlichkeiten der Bahre!" kreischte die Alte, und leerte das Kelchglas. "Geniesse das Leben, junges Blut, stampfe