tief zugehüllt, und er brachte von denselben nur in Erfahrung, was die Gerüchte aus der Hauptstadt meldeten, aus welcher ihm während dieser Tage mehrere Briefe zukamen. Sie sprachen von einer grossen Verschwörung, welche auf den Umsturz des Trones und auf Fürstenmord berechnet gewesen sei. Die bedeutendsten Männer seien in das Komplott verflochten, selbst Staatsminister bezeichne die öffentliche stimme wenigstens als entfernte Teilnehmer.
Einen dieser Briefe, den ihm Madame Meier geschrieben, musste er Johannen, wiewohl er es ungern tat, zum Lesen geben, da er mehreres für sie insbesondre entielt. Nachdem sie ihn durchgelesen, sagte sie: "Es steht besser und schlimmer, als diese Zeilen berichten."
Sehr wohltuend war das Verhältnis, in welches sie sich zu den Umgebungen gesetzt hatte. Zuvörderst war in den Zimmern, welche sie innehatte, unter ihren und Hermanns Händen Ordnung und Ebenmass entstanden, alles Anstössige hatte sich aus denselben still verloren, manches würdige Kunstwerk, welches der Domherr denn doch auch mit vielem Tande zufällig hin und wieder erworben, war ihr von Flämmchen und der Dienerschaft, als müsse dieses so sein, zugebracht worden. So hatten ihre Gemächer bald das Ansehen einer schönen Insel inmitten eines wüsten Meeres von Unsinn.
Von dem Getöse, welches unsrem Freunde so beschwerlich fiel, schien sie nichts zu vernehmen. Als ihr Hermann seine Bewundrung über dieses gleichmütige Erdulden aussprach, erwiderte sie: "Ich habe mir vorgenommen, nicht danach hinzuhören, und so gelingt es mir auch. Man sagt, dass die Bewohner einer Mühle sich an deren Klappern gewöhnen können, dass sie sogar aus dem Schlummer erwachen, wenn die lärmenden Räder gehemmt werden, und die hiesigen Töne sind doch noch nicht so laut und schlimm, als Mühlengeräusch."
Trat sie aus ihren Zimmern, so verwandelte sich vor ihrer Erscheinung alles, was der Verwandlung fähig war. Die jungen Leute liessen von den Albernheiten ab, nahten ihr bescheiden und waren auf eine Zeitlang anständig und gesittet. Die Diener und Mägde, welche sich in dieser aufgelösten Wirtschaft ein gemeines lautes Wesen angenommen hatten, gingen, still, mit niedergeschlagnen Augen, ihre Wege, und widersprachen, wie sie sonst pflegten, den erteilten Befehlen nicht; Flämmchen endlich trocknete Tränen, welche ein ihr ewig Versagtes beweinten.
Zum zweiten Male in kurzer Zeit erblickte Hermann die Wirkungen der Weiblichkeit über eine rohe Welt. Wie Cornelie dort über die Hirten, so herrschte hier Johanna über die Barbaren, welche die Verfeinerung unsrer zeiten wieder erzeugt hat. Auch sie wusste, wie Cornelie, nichts von ihrer Macht. Sie ordnete selbst kleine gemeinschaftliche Vergnügungen an, nahm an Spazierfahrten und Wasserpartien teil, und schien sich einfach und natürlich zu dieser Gesellschaft zu rechnen, von welcher sie ein unermesslicher Abstand trennte.
Das ist die heilige Gewalt der Frauen, welche sie zu Priesterinnen, Heerführerinnen und Königinnen kraftvoll aufstrebender Völker macht, und der sich zu keiner Zeit jemand ohne seinen Schaden entzieht.
Vierzehntes Kapitel
Flöten, Geigen und Bässe ertönten im Ballsaale, welchen Flämmchen so hell hatte beleuchten lassen, dass der Glanz den Augen fast empfindlich ward. Eine zahlreiche Gesellschaft war versammelt, deren Kommen die Vorhersagung des wilden Kindes bestätigte. Man war nur stark genug gewesen, früheren geschriebnen Einladungen zu widerstehn, sobald die mutwillige Festgeberin sich in person zeigte, und einige schmeichelnde Worte verwendete, schwanden die Bedenken; alle Väter und Mütter sagten sich und ihre Töchter zu, vielleicht zum teil auch aus Neugier, die berühmte unglückliche Frau kennenzulernen, deren Anwesenheit auf dem Landhause schnell in der Nachbarschaft kund geworden war.
Johanna hatte von Hermann ausdrücklich verlangt, dass er am Feste teilnehmen solle. Auch sie erschien, geschmückt und strahlend, und versagte sich den ruhigeren Tänzen nicht. Als Hermann sie in der Polonaise führte, flüsterte sie ihm zu: "Alles in diesem Landhause ist zu ertragen, nur die empfindsame Zudringlichkeit des Kurators nicht. Er hat mich mit seinen Anträgen, mir helfen und beistehn zu wollen, diese Tage her sehr gepeinigt, wenn er mir nur heute fernbleibt!"
Wirklich hatte Hermann bemerkt, dass der Kurator Johannen, sobald sie sich öffentlich zeigte, nicht aus den Augen liess, und allen ihren Schritten folgte. Flämmchen schien bei ihm ausser Gunst gekommen zu sein.
Auch an diesem Abende zeigte sich die Beeifrung des Verehrers. Er nahm während einer Pause des Tanzes Hermann beiseite und sagte: "Welche Erscheinung! Wie wert, dass man sich der Frau annehme! O Freund, lassen Sie uns für die herrliche sorgen, stehen wir nicht ab, bis wir sie vermögen, in ihre Verhältnisse zurückzukehren! Ganz gewiss beruht Medons Schicksal auf einem Irrtume, bald wird er seine Freiheit wiedererlangen, welche Schmach dann für die Gattin, den Gatten zur Zeit der Not verlassen zu haben! Nein, helfen Sie mir, eine gestörte Ehe herzustellen, leiten wir die verirrte Frau in die arme des Mannes zurück!"
"Ich dächte, man überliesse den Personen, gegen welche man Verehrung fühlt, selbst ihr Los zu bestimmen", sagte Hermann mit Empfindlichkeit. Der Gedanke, Johannen und Medon wieder beisammen zu wissen, den der Kurator in ihm angeregt hatte, war ihm äusserst unangenehm. Dieser machte sich an Johannen, und es verdross Hermann, dass sie ihm freundlicher, als er es wünschte, und wollte, zu begegnen schien. Er trank mehr Wein, als er sonst pflegte, und suchte seine Aufregung in raschen Walzern mit muntern, schönen Mädchen zu vergessen.
Mitternacht war vorüber. Er setzte