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besah Hermann, der hier viel müssige Stunden hatte, um die Zeit hinzubringen, die Naturalien, welche in einem kleinen Kämmerchen aufbewahrt wurden. Ausgestopfte Tiere, neuseeländische Waffen, Walfischrippen, Erze, Konchylien waren über-, unter, nebeneinander gestopft; man konnte sich zwischen dem Gerülle kaum durchwinden. Grosse chinesische Figuren standen in den Ecken, und wiegten wie Denker, bedächtig die Porzellanhäupter. Hermann öffnete eine tür, und betrat ein angrenzendes dunkles Gemach, in dem seine Fusstritte widerhallten. Hier die eigentlichen Schätze vermutend, liess er sich Licht bringen, und erstaunte nicht wenig, als er sich in einem ganz leeren, blau angestrichnen, grossen, saalartigen Zimmer sah, in welches kein Tagesstrahl dringen konnte, weil demselben die Fenster fehlten. Er erkundigte sich bei dem Bedienten, wozu dieser leere Raum diene, und weshalb man nicht hier, wo Platz genug vorhanden sei, die Sammlung aufgestellt habe? Der Bediente versetzte, dass die beiden Gemächer eine Allegorie darstellen sollten, das kleine mit seinem Inhalte bedeute die Mannigfaltigkeit der natur, und das grosse, leere, blaue, die Ewigkeit, zu welcher die natur hinführe; so habe es der selige Herr erfunden und ausgedacht. Ein Vorhang an der Hinterwand reizte Hermanns Neugier. "Dahinter", sagte der Bediente auf seine Frage, "sollte der liebe Gott angebracht werden, aber der selige Herr ist darüber gestorben, und nun haben wir ihn selbst dort als Mumie vorderhand beigesetzt, weil kein andres Gelass dafür übrig war." – Er zog an einer Schnur, der Vorhang flog zurück, und Hermann erblickte auf einem Stufengerüste in der Nische einen Sarkophag in ägyptischem Geschmack. Ohne sich durch seinen Ruf, dass er nach dem Anblicke nicht verlange, irremachen zu lassen, hob der Bediente in seinem Eifer, dem Fremden die grösste Seltenheit des Hauses zu zeigen, den Deckel ab, und Hermann musste mit Widerwillen eine eingetrocknete menschliche Gestalt, von weissem Faltengewande bekleidet, wahrnehmen, welcher die Kunst diesen kümmerlichen Scheinbestand gesichert hatte. Er wandte sich nach kurzem Hinblick ab, zur Verwundrung des Bedienten, welcher diesen Abscheu nicht begreifen konnte, und seinerseits die grösste Zufriedenheit über den so wohl erhaltnen seligen Herrn aussprach.

Der Gedanke, mit einem Leichname unter Dach zu sein, war nicht angenehm. Die albernen Einrichtungen und Zusammenstellungen des Hauses verwundeten Sinn und Auge. Das Getöse, welches die jungen Leute machten, war oft unleidlich. Eine grosse Menge hinterlassner Kanarienvögel, für welche Tierart der Domherr eine besondre Vorliebe gehabt hatte, warf in dieses Wirrsal die schmetternden, ohrzerreissenden Töne. Wollte er dem Schwindel draussen entgehn, so schreckte ihn der vernachlässigte Garten, in welchem allerorten wilde Ranken und Sprossen überwucherten, wieder in das Haus zurück.

Flämmchen sah er wenig. Sie fuhr in der Nachbarschaft umher, eine grosse Ballgesellschaft zusammenzubitten. "Gebt acht", hatte sie beim Einsteigen gesagt, "wenn ich nur selbst komme und ihnen das Wort gönne, so fliegen alle alten und jungen Gänse in meinen Stall."

Die braune Zigeunerin umschlich ihn mit sonderbaren Blicken. Noch immer sah er sie Kräuter sammeln, welche sie aber jetzt zu eignen Heilzwecken verwendete. Sie machte nun selbst den Arzt, täglich kamen Leute aus der Gegend zu ihr; man hielt sie für eine Wundertäterin, und ihr Ruf stieg um so höher, als sie nie Bezahlung nahm. Sie schien unsrem Freunde etwas vertrauen zu wollen, denn sie machte sich oft ein Gewerbe bei ihm, und sah ihn dann so eigen an, dass ihm in ihrer Nähe wunderbar zumute ward. Er wünschte sehnlich die Rückkehr des Boten herbei, denn er wollte nur Johannen zum Wagen führen, um dann sogleich in die selbstgewählten Beschränkungen einzutreten, da er doch wohl einsah, dass er keinen Einfluss auf Flämmchen habe.

Dreizehntes Kapitel

Nur wenn er sich bewusst ward, dass er Johannas Wandnachbar sei, oder wenn er bei ihr verweilen durfte, empfand er eine Beruhigung in diesem Treiben. Er war viel bei ihr, aber doch nicht so oft, als er wünschte. Eine Zärtlichkeit ohne leidenschaft trieb ihn gegen sie, er begriff nicht, wie er nach ihrer Abreise sich werde zu fassen imstande sein, und doch konnte er Corneliens zu gleicher Zeit gedenken, lebhaft und schmerzlich nach ihrem, ihm für immer entzognen Besitze verlangen. Er wollte sich Vorwürfe über diese Doppelempfindung machen, die seinem verstand zweideutig erschien, aber es stellte sich keine Reue ein, sein Gefühl blieb unversehrt. Er war ein Fremdling in seinem eignen Herzen geworden.

Es gibt nicht Erquickenderes, als den Anblick einer grossen vornehmen Seele, welche das Unglück als etwas ihr Gehöriges, als das heilige ihr von den obern Mächten verliehene Eigentum nimmt und hinnimmt, während kleine Gemüter sich gegen dieses Erbteil unsres Lebens unter Winseln und Wehklagen fruchtlos sperren. Johanna war ruhig, selbst heiter. Sie verhehlte gegen Hermann nicht, dass ihr Los ihr für immer zerstört zu sein scheine, "aber", setzte sie hinzu, "wie unendlich wohler ist mir jetzt, wo ich die Brandstätte überschaue, als damals, wo ich noch mit Rauch und Flammen unselig kämpfte!"

Über die Geheimnisse ihrer unglücklichen Ehe, über Medons Charakter, und die plötzliche Wendung seines Schicksals beobachtete sie ein strenges Stillschweigen. Einmal hatte Hermann versucht, von weitem und in der bescheidensten Weise ihre Lippen über diese Dinge aufzuschliessen, war aber mit den Worten, dass man von unheilbaren Schäden nicht reden müsse, zurückgewiesen worden. Alle diese sonderbaren Verwicklungen blieben ihm also