durcheinanderschwankten.
Zwölftes Kapitel
Am folgenden Morgen wurde er zu Johannen berufen. Sie machte ihm ihren Entschluss bekannt, das Verlangen der Herzogin erfüllen, und den einsamen Aufentalt, welchen ihr diese in ihrem Briefe bezeichnet hatte, annehmen zu wollen. Hermann wurde ersucht, dies dem Bruder und der Schwägerin zu melden. "Also werden Sie doch noch Ihren Auftrag ausrichten", sagte Johanna schmerzlich lächelnd. "Sie vermitteln meine Rückkehr, nachdem jeder Gedanke daran Ihnen und mir verschwunden war. So geht es oft im Leben. Wir glauben uns von manchen Anfordrungen, von diesem und jenem Verhältnisse weit, weit entfernt zu haben, und unerwartet fühlen wir uns in längst abgeschüttelten Banden gefesselt."
Hermann erlaubte sich, manches gegen diesen Plan einzuwenden, der ihm durchaus unheilsam zu sein schien. Er sprach den Wunsch der Meier aus, und fügte hinzu, dass wenn sie auch diesem sich abgeneigt zeigen möchte, ein Leben und Wohnen unter gleichgültigen, fremden Menschen in ihrer Lage gewiss doch noch dem Drucke widerstrebender Umgebungen vorzuziehn sei.
Johanna versetzte: "Zu meiner Freundin kann ich mich nicht begeben. Bei manchen Schicksalen ist Entfernung, Verändrung von Luft und Boden unerlasslich. Wie sollte ich es ertragen, da, wo ich unaussprechlich gelitten, noch einmal in der Erinnrung alle Qualen nachzuleben? Was mich bei dem Herzoge und seiner Gemahlin erwartet, weiss ich recht wohl. Waren wir doch schon in jenen früheren Tagen einander unverständlich! Er ist mehr ein Begriff, als ein Mensch, und sie hat, ungeachtet aller Güte, etwas unendlich Peinliches in ihrem Wesen. Ich mochte tun, was ich wollte, für mich sein, oder in Gesellschaft, lesen oder frische Luft schöpfen, so hatte ich beziehungsvolle Reden über weibliche Genialität, Gelehrsamkeit und dergleichen anzuhören. Daneben glaubte sie denn, und glaubt es noch in ihrem Briefe, mich zu lieben, während sie doch immer nur mit dem ganzen Dünkel solcher wohlwollenden Quälgeister eine anmassliche Vormundschaft über mich hat ausüben wollen."
"Und dennoch? ..."
"Und dennoch. – Ich sehe voraus, wie man mich beobachten, bemitleiden, und auf die beste Manier von der Welt nach und nach einzwängen wird, und dennoch wähle ich diesen Kerker. Soll uns das Bittre süss schmecken? Ist eine Eigenschaft des Jochs nicht die Schwere? Ich habe gefehlt, nicht wie meine Verwandten meinen, aber ich irrte, indem ich wähnte, uns Frauen der neueren Zeit sei die Begeistrung erlaubt, sei es erlaubt, auf den Schwingen der Begeistrung dem mann entgegenzuschweben, der unsrer wert ist. Wir sind Geschöpfe der Familie, auf sie sind wir gepflanzt, und so ist es nur ein gerechter gang meines Lebens, wenn ich nun dem mich demütig ergebe, was mir die Familie bedeutet, wenn ich alles geruhig erdulde, was auf diesem Boden drückend und feindlich für mich emporsteigt."
Da er sie fest bestimmt sah, so liess er von weiterem Zureden ab und entwarf den Brief an die Herzogin. Johanna überlas ihn und strich daraus alles weg, was ein Lob ihrer person entielt. Nachdem die von ihr gebilligte Abfassung zustande gekommen war, wurde ein reitender Bote damit nach dem schloss des Herzogs gesendet, der die Antwort zurückbringen sollte. Diese wollte Johanna auf dem Landhause erwarten.
In diesem wurde es nun sehr lebendig. Johanna hatte ausdrücklich befohlen, dass um ihretwillen kein Zwang eintreten solle, indem sie sich schon zurückzuziehen wissen werde, wenn das Getöse ihr beschwerlich falle. Es waren daher auch die jungen Leute in Freiheit gesetzt worden, die es nun an Lärmen und Unruhe nicht fehlen liessen. Von den Beschäftigungen, womit sie ihren Tag hinbrachten, führen wir nur beispielsweise an, dass einer derselben auf nichts bedacht war, als vom Morgen bis zum Abend seinen Backenbart in Ordnung zu halten, und dass ein andrer in einem mitgebrachten blechernen Reisekomfort fortwährend Beefsteaks briet, welche er dann zum Fenster hinauswarf.
Hermann konnte daher Flämmchen eigentlich nicht unrecht geben, als sie auf seine wiederholte Ermahnung, sich dieser Umgebung zu entäussern, versetzte: "Warum schiltst du mich? Andre halten sich zur Gesellschaft Hündchen und Äffchen, wogegen ich einen Widerwillen habe; ich halte mir diese, die aus guter Familie und nicht so unreinlich sind, wie jene Geschöpfe."
Zu den possenhaften Bewohnern passte die Örtlichkeit vollkommen. Die Villa war der treue Abdruck des Sinns, wodurch der Domherr sein Leben zersplittert hatte. Dass nichts an seiner Stelle stand, die Stühle fast überall in ungerader Zahl vorhanden waren, Schränke und Sofas häufig schief gerichtet mitten in den Zimmern angetroffen wurden, konnte auf Flämmchens Rechnung kommen, welche behauptete, das Geräte sei da, sich umherstossen zu lassen. Allein so manches andre bezeichnete das Gehäuse, welches der verstorbne Besitzer selbst um sich geschaffen hatte. So war die Bibliotek, wenn man einen Haufen willkürlich zusammengeraffter Bücher mit diesem Namen belegen will, unmittelbar an der Küche, ja fast in derselben angebracht, weil der Domherr sich eine Zeitlang eingebildet hatte, der Dampf der Speise stärke, als eine Art leichter olympischer Nahrung den Geist beim Studieren. Rosenkreuzerische Symbole fanden sich neben schlüpfrigen Bade- und Toilettenszenen, ein astronomisches Kabinett wies bei näherer Untersuchung nur pappene Fernröhre und Quadranten auf. Der Verstorbne war nämlich, gerade als Maler und Schnitzler die entsprechende Verzierung des Raums vollendet hatten, seiner schnell entstandnen Liebhaberei zu den Sternen wieder überdrüssig geworden, und hatte sich nun begnügt, die Instrumente und Vorrichtungen selbst nur als teatralische Requisiten hinzuzufügen.
Einmal