Verschwendung findet hier beständig statt", sagte der Kurator, "denn Flämmchen fürchtet sich vor dem Dunkel, und lässt daher, sobald der Abend einbricht, die Finsternis aus jedem Winkel jagen. Besonders empfindet sie ein Grauen vor den Hinterzimmern des Gebäudes, in deren einem noch die Leiche des seligen Domherrn einbalsamiert und unbedeckt 10 steht. Der Gute hatte im Testamente anbefohlen, ihn in Spiritus zu setzen, um sich physisch bis in die spätesten zeiten erhalten zu wissen. Da nun diese ungereimte Verfügung nicht wohl auszuführen war, so wählte man jene annähernde Art der Bewahrung, und wird die Leiche beisetzen, sobald in dem dazu bestimmten Gartentempel die nötigen Vorkehrungen getroffen sein werden."
"In der Tat", rief Hermann, "es kommt mir hier so vor, als ob ich mich in einem Irrenhause befände."
"Ja", versetzte der Kurator, "es weht in dieser Luft etwas Ansteckendes, ich bin oft für meinen Verstand hier besorgt, um so mehr, als ich das gefährliche Beispiel vor mir habe, dass Menschen auch ohne denselben fertig zu werden wissen."
Flämmchen zog beide hüpfend nach einem strahlend hellen Zimmer, in welchem ein runder Tisch gedeckt stand. Gute speisen waren aufgetragen, feine Weine fehlten nicht. "Nun esst, was euch beliebt", rief sie, "es ist mir nichts Langweiligeres, als die Reihenfolge der Gerichte zu halten, das kommt mir vor, als wenn man nach einer Karte spazierengehn wollte." Mit diesen Worten verzehrte sie einige Früchte und Konfekte, die zum Nachtische gehörten, und liess diesem Genusse Fische und Fleischspeisen folgen.
Der Kurator, welcher keinen blick von ihr verwandte, suchte sich dennoch im Gleichgewichte zu erhalten, und begann, allerhand Geschäftsverhältnisse zu erzählen, welche sämtlich seine rechtschaffne und edle Gesinnung bewahrheiten sollten. Die Erinnrung an seine Tugend rührte ihn so, dass er häufige Tränen vergoss. Flämmchen, welche ihn beständig auslachte, versicherte ihn zu öfterem, er sei dennoch ein abgefeimter Vogel, und flüsterte Hermann zu: "Jetzt will ich den Hanswurst fortschaffen." Mit einem Sprunge war sie auf seinem Schosse, küsste ihn, und rief schmeichelnd: "Sprich, mein Liebster, wie hast du es angefangen, so brav und gut zu werden?" – Der Kurator war unfähig, etwas zu erwidern, seine Augen starrten das schöne Kind an, sein Mund war durch die Küsse in den Zustand versetzt worden, welchen man die Sperre nennt; so gewährte er einen überaus lächerlichen Anblick. Flämmchen stiess, wie von ungefähr an das Glas, welches er, mit Burgunder gefüllt, in der Hand hielt; es entsank ihm, und die rote Flut strömte über den Tisch. "O weh!" rief Flämmchen, "da verdirbt er mir das feine Gedeck, hurtig in die Küche, und Salz geholt!" – Verlegen, ohne aufzusehn, schlich der bestürzte Geschäftsmann fort, und Flämmchen schloss hinter ihm die tür ab.
Hermann sagte, als er mit ihr allein war: "Wie magst du nur dieses wilde, leichtfertige Treiben rechtfertigen? Geh doch endlich in dich, und bedenke, dass du durch dein unschickliches Benehmen dich selbst aus den Kreisen vernünftiger Menschen bannst. Ich nehme herzlichen Anteil an dir, aber wie soll ich ihn betätigen, wenn solche Streiche beständig allem Rate, jeder Warnung entgegentreten? Zu spät, wenn ein aufgegebner Ruf, ein siecher Körper dich elend gemacht haben werden, wirst du Reue empfinden, dann bin ich vielleicht dir fern, und niemand steht bei dir, der auf deine Seufzer hört. Versprich mir, Flämmchen, deine Lebensweise zu ändern, entferne vor allen Dingen diese sittenlosen jungen Leute, welche sich wenig für deine Gesellschaft ziemen, und schicke die böse Alte fort, von der ich nichts Gutes glaube."
Noch mehrere wohlgemeinte Ermahnungen fügte unser Freund hinzu, und hatte dessen nicht acht, dass Flämmchen während seiner Rede leise weg und hinter einen Ofenschirm geschlichen war. Er schmeichelte sich, dass er Eindruck auf sie gemacht habe, dass sie ihre Beschämung hinter dem Schirme verbergen wolle, als dieser umgeworfen wurde, und Flämmchen, ihr Tagesgewand über den Arm gehängt, im leichtesten Nachtröckchen sich zeigte, welches den Glanz der Achseln und des Busens unverhüllt liess, und kaum bis an die Knie hinabreichte.
"Ungezogenheit über Ungezogenheit!" rief er.
"Es ist Schlafenszeit", sagte sie gähnend, "und ich konnte deine Predigt nicht besser benutzen, als mich während derselben zu entkleiden. Ihr müsst die Flamme flackern lassen, wie sie mag. Gute Nacht."
Sie wandte sich, und wies ihm, durch eine Tapetentüre entschlüpfend, den gewölbten Nacken und die runde, zierliche Wade.
Draussen sang sie folgendes Lied:
Wer mir sagte, wo das Mädchen
Ihres Auges blick gewonnen!
O verkündet, wo das Fädchen
Ihres Leibes ward gesponnen?
Ach, zerging' ich in die Lüfte,
In die leichten, in die warmen!
Durch die Wälder, durch die Klüfte
Schwebt' ich dann mit freien Armen!
Er hob den Ofenschirm auf. Eine grosse tragische Maske war in demselben eingestickt. Sein Traum im Försterhause, welcher ihm das umfallende Medusenhaupt, und Flämmchen dahinter hervorspringend gezeigt hatte, trat ihm wieder vor die Erinnrung. Die Maske mit ihren starren, furchtbaren Zügen und toten Augenhöhlen konnte wenigstens für ein Analogon jenes erstarrten Antlitzes gelten. Noch näher aber dem Traume kam seine Stimmung, in welcher üppige und grauenhafte Bilder