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tragische Königin; selbst die Marmorblässe ihrer Wangen erhöhte den Reiz, der von ihr ausging.

Vor dem haus entliess sie ihn, und wünschte ihm gute Nacht, da sie den Abend allein zuzubringen wünsche. Flämmchen stand in der tür, kniete vor ihr nieder, und fragte: "Darf ich dich bedienen?" – "Wenn es dir Freude macht, so tue es immerhin", versetzte Johanna.

Nachdem er seine Sachen auf dem ihm angewiesenen Zimmer hatte ablegen lassen, trieb es ihn wieder in das Freie. Nur durch eine Tür von Johannen geschieden, ohne bei ihr sein zu dürfen, war er von einer Unruhe überfallen worden, welche ihn zwischen den vier Wänden nicht litt.

Ein lauter fröhlicher Gesang zog ihn nach einem entlegneren Teile des Gartens. Das lustige Lied erscholl aus einem geräumigen Gewächshause, hinter dessen grossen Glasfenstern er bei dem ungewissen Lichte des Abends noch eben die Sänger erkennen konnte. Die jungen Leute waren es, Flämmchens Gefolge. Sie hüpften zwischen den Palmen, Pisangs und Geranien wie verrückt umher, und mancher Topf fiel von seinem Brette. Der beleibte Mann, welchen Flämmchen den Kurator genannt hatte, sass ärgerlich unter einem Kaktus, und schien sich dieser Gesellschaft zu schämen, besonders als er Hermanns ansichtig wurde. Er machte seine jungen Genossen auf den Fremden aufmerksam, worauf der ganze Schwarm an die Scheiben sprang, und Hermann mit possierlichen Gebärden anstarrte. Dieser hielt es der Höflichkeit angemessen, dem ältlichen mann einige Worte zu sagen, konnte aber seine Absicht nicht erfüllen, weil er die tür des Gewächshauses verschlossen fand.

Als er noch vergeblich klinkte, hörte er hinter sich gehen. Er wandte sich um, und sah die Alte mit einem grossen Korbe voll Esswaren herbeikommen. Ihre Züge waren noch schärfer geworden, ihre Farbe hatte sich tiefer gebräunt. Ein buntes wollnes Tuch, welches sie um das Haupt trug, gab ihr ein ausländisches Ansehen. "Seid mir gegrüsst", sagte sie mit der rauhen stimme, an welche er sich von dem westfälischen wald her erinnerte. "Ja, ja, was einmal sich getroffen hat, kommt immer wieder zusammen."

"Was tust du hier?" fragte Hermann.

"Ich will die Menagerie füttern", erwiderte die Alte, öffnete die tür des Gewächshauses und schob den Esskorb hinein, über dessen Inhalt die jungen Leute gierig herfielen. "Dürfen wir nicht heraus?" fragte einer. "Nein", antwortete die Alte, "bis auf weiteren Befehl bleiben die Tiere eingesperrt. Nur der Dicke soll in Freiheit gesetzt werden, und dem Herrn Gesellschaft leisten."

Auf diese Worte kam der Kurator heraus, und sagte zu Hermann mit anständiger Verbeugung: "Rechnen Sie mir es nicht zu, mein Herr, dass Sie mich unter so lächerlichen und fast unschicklichen Umständen kennenlernen. Ich bin wirklich ein ganz geachteter Geschäftsmann, und werde von vielen angesehenen Familien mit ihrem Vertrauen beehrt. Das junge eingesperrte Gesindel zwang mich, so sehr ich mich auch dagegen sträubte, mit in den Käficht zu gehen, worin ich denn bei ihren Possen, ohne Speise und Trank, diesen ganzen Tag habe versitzen müssen."

Auf nähere Erkundigung vernahm Hermann, dass Flämmchen sehr in Zorn geraten sei, als der Schwarm ihrer unreifen Verehrer ungeachtet des Gebots, mehrere Tage lang fernzubleiben, sich dennoch bei dem Landhause wieder gezeigt habe. Mit dem Rufe: "Ich habe jetzt Besuch, der für euch zu gut ist!" sei darauf die Einsperrung im Gewächshause anbefohlen und auch sogleich vollzogen worden, denn die jungen Leute täten alles, was sie wolle.

Die Alte verschloss das Gewächshaus, und Hermann ging zwischen ihr und dem Kurator nach der Villa zurück. "Ist es wahr", fragte er den Kurator lateinisch, um von der Alten nicht verstanden zu werden, "dass Sie sich hier als Curator ventris aufhalten?"

"Leider", versetzte der Kurator seufzend in derselben Sprache. "Es ist die Torheit der jetzigen reichen und vornehmen Leute, alles delikat anfassen zu wollen. Die junge Witwe hat sich für schwanger erklärt, oder vielmehr, das alte Weib hat dies ausgesprengt, möglicherweise in betrügerischer Absicht, weil, wenn ein Erbe erscheint, die Mutter desselben noch lange Jahre hindurch den Niessbrauch aller dieser Besitzungen behält. Statt nun schlechtweg eine Hebamme zur Untersuchung abzusenden, bin ich erwählt worden, den Lebenswandel des Flämmchens zu beobachten, weil man durchaus mit Zarteit in der Sache verfahren wollte. Was diese aber bewirken soll, ist mir unbegreiflich. Das Flämmchen lebt, wie es mag, und es fehlt mir an allen gesetzlichen Mitteln, dagegen hindernd einzuschreiten, so dass ungeachtet meiner Anwesenheit dennoch jeder Unterschleif geschehen kann. Aber man ist abhängig und muss sich daher auch den Grillen seiner Klienten fügen. Das Verzweifeltste bei der Sache ist, dass ich selbst von der Unwahrheit jener Angabe überzeugt bin, und nichtsdestoweniger glaube, die Spitzbübin, welche uns da begleitet, wird ihre Künste in das Werk zu richten wissen, wie sie es denn auch wahrscheinlich gewesen ist, welche den seligen Domherrn mit dem Mädchen zusammenkuppelte."

Die Alte, welche bis jetzt still vor sich hin gegangen war, blieb stehen, warf auf beide einen höhnischen blick und murmelte: "Sprecht ihr nur lateinisch; das Kind ist auf der Reise nach Deutschland, und wird zur rechten Zeit ankommen."

Das Landhaus war hell erleuchtet, auf allen Gängen, in jedem Vorsaale und Zimmer brannten Lampen und Lichter. "Diese