zur Wahl dieses Asyls zu vermögen, da er von einem Zusammentreffen mit der Herzogin bei dem so entgegengesetzten Charakter beider Frauen wenig Gutes hoffen durfte.
Er war mehrere Stationen gefahren, ohne eine Spur von ihr anzutreffen. Schon glaubte er, dass sie ihren Entschluss geändert habe, und von dieser Strasse abgewichen sei, als er in einem Landstädtchen, welches er um die Mitte des folgenden Tages erreichte, plötzlich die verlangten Nachrichten bekam. Der Wirt erzählte ihm, dass die Dame, welche er zu suchen scheine, abends zuvor angekommen sei, sehr unruhig getan, und von ihrem Fuhrmanne verlangt habe, weitergefahren zu werden. Dieser habe die Müdigkeit seiner Pferde als Weigerungsgrund angegeben, und sich, aller Versprechungen ungeachtet, nicht dazu verstehen wollen. Die Dame, welche durchaus fort gewollt, sei in grosser Bekümmernis gewesen, da sich keine Post am Orte befinde. Sie sei schluchzend auf ihrem Zimmer hin und her gegangen, als plötzlich ein Wagen vor dem haus gehalten habe, umgeben von einer Menge junger Herrn zu Pferde, die ein grosses Geschrei vollführt und einem bildschönen Frauenzimmer in bunter Tracht herausgeholfen hätten. Das Frauenzimmer habe durch Zufall von dem Leidwesen der Dame erfahren, sich gleich zu ihr führen lassen, und sie mit der zierlichsten Höflichkeit gebeten, einen Platz in ihrem Wagen anzunehmen, in dem sie, wenn sie befehle, bis an das Ende der Welt fahren könne. Anfangs sei die Dame das nicht willens gewesen, da aber das Frauenzimmer nicht abgelassen habe, endlich ihr zu Füssen gesunken sei, und ihr Knie umfasst habe, so sei die Dame mit den Worten: "Du arges Kind, wohin führtst du mich?" in den Wagen gestiegen, auf dessen Rücksitze das Frauenzimmer Platz genommen habe, ungeachtet der wiederholten Bitten der Dame, sich doch neben sie zu setzen.
Der Wirt erzählte noch, dass beim Abfahren der Zug der jungen Herrn mit lautem Geräusche sich habe anschliessen wollen, auf einen ängstlichen blick der Dame nach diesem Schwarme hin, habe aber das Frauenzimmer sich emporgerichtet und ihren Begleitern in gebieterischer Stellung zugerufen: "Zurück, ihr Tiere!" Hierauf seien die jungen Leute, gehorsam diesem Befehle, geblieben, die Nacht sei von ihnen unter tausend Eulenspiegeleien hingebracht worden, und erst am Morgen habe sich das Rudel in Bewegung gesetzt.
Nicht ohne Unruhe hörte Hermann diese Erzählung. Dass das junge Frauenzimmer Flämmchen gewesen sei, stand ausser Zweifel, und dass Johannen in ihrer Gesellschaft so manches begegnen könne, was diese verletzen musste, hatte er zu besorgen. Alles das spornte ihn zur grössten Eile an; er gab doppelte Trinkgelder, der Wagen flog nur über die tennengrade Chaussee, und so erreichte er noch vor Sonnenuntergang die Gegend, in welcher Flämmchens Haus, eine Viertelstunde von der Heerstrasse hinter Birken- und Tannenwäldchen lag.
Sie kam ihm im Garten entgegen, durch welchen man zu dem haus gelangte. "Habe ich es nun recht gemacht", rief sie, "die Schöne, Prächtige bei mir in Sicherheit zu bringen? Ich bin doch das guterzigste geschöpf von der Welt, euch beide bei mir zu beherbergen, denn dass du nachsetzen würdest, konnte ich mir wohl denken."
"Wo ist Johanna?" fragte er. "Droben auf ihrem Zimmer, das deinige ist daneben", versetzte Flämmchen und sprang fort, um sie von der Ankunft des Freundes zu benachrichtigen. Nach einigen Gängen, die er durch den Garten machte, erschien Johanna, Flämmchen an der Hand, welche neben der vollen, schlanken, hohen Gestalt wie ein Kind aussah. Er nahte sich der verehrten Frau, und beugte sich in tiefer Rührung über ihre Hand. "Können Sie mir vergeben?" fragte er leise.
"Es würde mir unaussprechlich wehe getan haben, wenn ich Sie nicht wiedergesehen hätte", versetzte sie sanft. "Doch nun ist es ja gut, Sie sind wieder da, und nehmen durch Ihre Ankunft einen teil meiner Leiden mir vom Herzen."
Sie standen, gegeneinander geneigt, die hände vereinigt, Auge in Auge, und es würde schwer sein, von dem zug, der ihre Seelen jetzt bewegte, Rechenschaft zu geben. Flämmchen hob sich auf die Füsse, fasste ihr Gewand mit anmutiger Gebärde, und begann in lieblichen Kreisen die Gruppe zu umschweben. Immer weiter wurden diese Kreise; endlich berührten sie ein Gebüsch, hinter dem die Tänzerin verschwand.
Er fragte Johannen, wie es ihr hier gefalle, und wie lange sie an diesem Orte zu weilen gedenke? Sie versetzte, dass er ihren Entschluss am folgenden Tage vernehmen solle, und dass sie dabei auf seine hülfe rechne.
"Das wundersame Kind, bei dem Sie mich finden", sagte sie, "hat mich fast gezwungen, ihren Wagen und ihr Haus anzunehmen. Sie scheint von der Gewalt plötzlicher Eindrücke abhängig zu sein, und der, welchen ich auf sie gemacht, muss mit grosser Stärke gewirkt haben, denn sie klammerte sich so fest an mich, dass ich mich kaum ihr entwinden konnte. Im Wagen setzte sie sich mir gegenüber, um mich immer betrachten zu können, wie sie sagte."
Hermann, der unter diesen und andern Gesprächen mit seiner Freundin durch den Garten ging, musste sich im stillen bekennen, dass Flämmchen so unrecht nicht habe. Wenn Missgeschicke gewöhnlichen Menschen leicht etwas Widerliches geben, so verschönen sie dagegen den Ausdruck höherer Naturen und breiten auch über die Gestalt einen Zauber der Verklärung. Johanna schritt neben ihm wie eine