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Hermann. "Gewiss hast du die Not der Armen benutzt, ihr den letzten Pfennig abgenommen, und dafür ihr Gehirn mit aberwitzigen Dingen erfüllt."

"Nur aus der Hand, auf der etwas Blankes liegt, lässt sich wahrsagen", versetzte die Alte. "Sie hat bezahlen müssen, was recht ist. Wer gibt Euch die Befugnis, mich auszuschelten?"

In diesem Augenblick trat der Mond hinter eine finstre Wolke, und bei der Dunkelheit, die hierdurch entstand, gewahrte Hermann durch die Bäume den Schimmer eines schwachen Lichts. Der Mondschein hatte vorher das spärliche Leuchten überstrahlt. Er schloss aus diesem Umstande auf die Nähe einer menschlichen wohnung, und da er seiner Meinung nach von dem Städtchen weit verschlagen sein musste, die Alte aber fest dabei verblieb, dass sie ihm den Ort, wohin sie Flämmchen geschickt, nicht bezeichnen könne, so entschloss er sich, auf den Schein loszugehn, und den guten Willen der Bewohner um ein Obdach anzusprechen.

Er verliess die Alte ohne Abschied. Diese hob, wir wissen nicht, ob zu ihrer Erbauung, oder zum Zeitvertreibe, ein holprichtes Lied an, und sang mit tiefer und rauher stimme Strophen durch die Nacht, deren Worte Hermann nicht verstehn konnte.

Zehntes Kapitel

Ein Hirschgeweih über der Pforte, und das Anschlagen der Hunde von einem Hinterhofe her, kündigten die wohnung eines Weidmanns an. Hermann schritt durch den mit Bäumen bepflanzten Vorraum, und klopfte an die aus zwei Hälften bestehende Tür. Von innen riefen zarte Stimmen: "Ach, er kommt! Er kommt!" Die Tür ward auf getan, er trat in eine nur vom Kohlenfeuer des Herdes beleuchtete Küche, zwei Kinder drängten sich an ihn, und fragten ängstlich: "Sie sind doch der Herr Doktor?"

"Ich bin kein Arzt, Kinder", versetzte Hermann, "ich bin ein verirrter Reisender, der um ein Nachtlager bitten wollte. Wo sind eure Eltern?"

Statt hierauf zu antworten, warf sich das Mädchen jammernd über einen Stuhl, die hellen Tränen drangen aus dem Gesichtchen, sie rief schluchzend: "Unsre Mutter stirbt, und alles hat uns verlassen!"

Anfangs stand der Knabe, wie verlegen, still und tränenlos neben der Weinenden, dann zuckte es um seine Lippen, er ballte die hände, stampfte mit dem fuss, riss das Haupt der Schwester an seine Brust, drückte es heftig an sich, und sagte mit einer stimme, die halb wie Trotz, halb wie die innigste Liebe klang: "Cornelie, du sollst nicht weinen."

"Muss ich zuletzt noch an ein Krankenlager geraten!" rief Hermann. Er sah sich um, es war das gewöhnliche Innere eines westfälischen ländlichen Hauses. Die Küche mit dem Feuerherde als allgemeiner Versammlungsort in der Mitte, mit Fliesen gepflastert, mit schwarz-beräucherten Bohlen gedeckt. Hinter diesem raum der Viehstall, ohne sonstige Trennung von dem Aufentalt der Menschen, als durch die Krippe. Gegenüber ein paar Türen, die zu den kleinen Zimmern in den vorspringenden Teilen des Gebäudes führten.

Ein Ächzen liess sich nebenan vernehmen. Hermann ging zu dem Bette der Kranken. Sie fieberte und phantasierte, sprach viel von einem fräulein und von Briefen, und wiederholte oft mit Heftigkeit den Ruf: "Die Briefe weg! Verbrennt die Briefe!" Er kehrte zu den Kindern zurück. Sie schienen in dem einsam liegenden Waldhause ganz allein zu sein. Er begriff nicht, wie man die Gewissenlosigkeit so weit hatte treiben können, ihnen die Kranke, und sie sich selber zu überlassen. Aufs neue schien ihm die Schutzrolle zugeteilt zu sein, und der Tag sollte enden, wie er begonnen hatte.

Der Knabe sagte ihm, es sei nach dem arzt in der Stadt geschickt worden, welcher auch versprochen habe, zu kommen. Sie hätten nun von Stunde zu Stunde auf ihn gewartet, und als sie das klopfen gehört, gemeint, er sei endlich da.

Hermann suchte die armen Geschöpfe mit herzlichen Worten zu beruhigen. Er nahm sie bei der Hand, streichelte ihre Wangen, sprach ihnen Mut ein, und versicherte, mit der Mutter habe es keine Gefahr, er sei zwar kein Arzt von Profession, verstehe sich aber doch auf die Krankheiten, es sei nichts als ein Flussfieber. Der getroste Ton, mit dem er sprach, machte einen günstigen Eindruck auf seine Schutzbefohlnen. Cornelie trocknete die Tränen im Schürzchen ab, lehnte sich an ihn, und umfasste, da er nicht aufhörte, zu trösten und zu ermutigen, mit beiden Händen seinen Arm. Ihren Bruder, den sie Ferdinand rief, schien dies zu verdriessen, er lief in eine Ecke der Küche, stampfte wieder mit dem fuss, und sagte derb und trocken: "Cornelie, mich hungert, koch etwas zu essen."

Auch Hermann wären ein paar Bissen angenehm gewesen. Zu seinem Erstaunen wussten die Kinder trefflich Rat zu schaffen. Ferdinand war rasch eine Leiter über dem Kuhstalle hinauf zu einer Art von Verschlage, kroch hinein, Hühner schrieen, gleich darauf kam der Knabe mit einem Tuche voll Eier herab. Cornelie hatte unterdessen den Wasserkessel, der nach Landesbrauch nie den Haken über dem Herdfeuer verliess, in die Siedenähe gerückt, und tat die Eier hinein. Ferdinand spürte das Brot und die Butter auf, das Tischtuch, die Messer und Gabeln fanden sich, in wenigen Minuten war der Tisch gedeckt. Cornelie nahm mit der Kelle die Eier aus dem wasser, setzte sie auf, ging in die