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Medon in Haft genommen habe.

ängstlich fragte er nach Johannen. Ihr Kammermädchen entdeckte ihm weinend, dass die gnädige Frau heimlich in grosser Eile abgereist sei, noch ehe die Verhaftung stattgefunden habe. Sie habe an verschiednen Reden, die zwischen dem Herrn und der Frau vorgefallen seien, gemerkt, dass letztre mit dem Herrn verreisen sollen und sich dessen geweigert habe. Mit Tränen in den Augen habe darauf ihre Gebieterin sie bei ihrer Treue beschworen, ihr einen Wagen nach entgegengesetzter Richtung zu verschaffen, was denn auch von ihr geschehen sei. Die gnädige Frau habe den Wagen nach einem abgelegnen Strässchen bestellen lassen, wo sie, kaum mit den nötigsten Sachen versehen, eingestiegen und in schnellster Eile fortgefahren sei. Sie habe die arme gnädige Frau begleiten wollen, sei aber von ihr mit den Worten, dass sie fortan nur Gott zum Begleiter haben wolle, zurückgewiesen worden.

Schmerz und Wehmut zerrissen Hermanns Brust. Aus dem Hin- und Herreden der Leute konnte er abnehmen, dass die leidenschaftlichen Vorfälle zwischen den Gatten die Veranlassung zu Medons Unglück mochten gegeben haben. Das geängstigte Mädchen hatte davon überall geplaudert, um sich Luft zu machen, dadurch hatte aller Wahrscheinlichkeit nach der Beamte Kunde von diesen Dingen erhalten. Denn gleich nach der Flucht Johannas war ein subalterner Agent der öffentlichen Macht unter einem Vorwande im haus erschienen, hatte verschiedne fragen getan, und das aufgeschichtete Reisegepäck achtsam betrachtet. Unmittelbar nach seiner Entfernung aber erfolgte das, was alle in Schreck versetzte.

Der Beamte erschien, und bat Hermann höflich, sich zu entfernen. Dringend verlangte dieser, zu Medon gelassen zu werden. Nach einigem Zaudern wurde ihm eine kurze Unterredung zugestanden. Mit einer furchtbaren Empfindung betrat er das Zimmer. Medon hielt den Kopf in der Hand gestützt, und bemerkte den Eintretenden nicht. Leise sagte Hermann, an der tür stehenbleibend: "Ich bin gekommen, Sie zu fragen, ob ich Ihnen in irgend etwas nützlich sein kann?" Medon sah empor, versetzte kein Wort, sondern winkte ihm schweigend, dass er ihn verlassen möge. Hermann konnte den blick seines Auges nicht ertragen, es lag darin der gläserne Ausdruck der Verzweiflung, einer völlig zerstörten Seele.

Draussen fragte er den Beamten, ob für Johannen etwas zu fürchten sei? was dieser mit Bestimmteit verneinte. Er wollte über Medons Schicksal einiges erfahren; hier versagte jener aber alle Aufklärungen und rief: "Glauben Sie mir, dass die Erfüllung meiner Pflicht mir schwer genug geworden ist, und dass ich viel darum gäbe, einen Irrtum, vielleicht mit strenger Rüge, büssen zu müssen, als leider die von mir nach und nach geahnete schlimme Wahrheit bestätigt zu sehen."

Es war Nacht geworden. Er begab sich zur Meier, wo er Wilhelmi noch vermutete, um mit diesem zu beraten. Eine Menge von Männern und Frauen war dort versammelt, welche die Bestürzung über diese Vorgänge zusammengeführt hatte. Über den eigentlichen Zusammenhang war der Schleier des Rätsels gebreitet, die wildesten Gerüchte kreuzten sich. Wie sollte man es sich auch erklären, dass ein Mann, den Angesehensten des staates nahestehend, ein Mann von den loyalsten Gesinnungen, ein ganz andrer, ein Feind des staates gewesen, oder noch sein sollte? Man hoffte ein Missverständnis, man glaubte, binnen kurzem diese Schatten, welche die geachtetste Persönlichkeit der Stadt jetzt verdunkelten, schwinden zu sehen. Nur Wilhelmi rief: "Ich wünsche es, aber es wird nicht so werden, er ist ein Catilina, und zwar ein gefährlicherer als der römische, weil er keine Laster hat."

Die gute Seite der Menschen zeigte sich bei dieser gelegenheit. Alle sprachen ihr innigstes Bedauern über die unglückliche Johanna aus, welche man sich bei Nacht, umherirrend auf öden, bösen Wegen dachte; die Spötter erklärten sich zu jeder hülfe bereit, Madame Meier war ausser sich. Man besprach, ob man einen Boten mit Briefen schicklichen Inhalts ihr nachsenden solle, oder ob es nicht besser sei, wenn ein Freund selbst dieses Geschäft übernehme.

Hermann erklärte sich zu letzterem bereit. Er gedachte seiner Versprechungen, er fühlte, dass er nicht ohne Schuld der Vernachlässigung gegen die Geflüchtete sei, und gutzumachen habe; stärker aber, als diese Erwägung der Pflicht trieb ihn das heisseste Mitleid der Armen nach.

Man freute sich über seinen Entschluss, die Meier und Wilhelmi packten eilig verschiedne Reisenotwendigkeiten zusammen, und so fuhr unser Freund nach Mitternacht mit raschen Postpferden davon, begleitet von den besten Wünschen der ganzen Gesellschaft, welche bis zu seiner Abreise vereinigt geblieben war.

Eilftes Kapitel

Von dem Kammermädchen war ihm die Richtung angegeben worden, welche Johanna genommen hatte; es war zufälligerweise dieselbe Strasse, an welcher in der Entfernung von zwei Tagereisen Flämmchens Landhaus lag. Nur die Verzweiflung konnte Johannen auf diesen Weg getrieben haben, er führte, fortgesetzt, nach dem schloss des Herzogs, und vor der Rückkehr zu ihrem Bruder und seiner Gemahlin hatte sie stets den grössten Widerwillen gezeigt. Bei der Abreise war ausgemacht worden, dass Hermann ihr zwar in nichts hemmend entgegentreten, jedoch ihr die liebevollste und dringendste Einladung zu der Meier überbringen solle. Man meinte, dass sie in deren haus, wohlberaten von aufrichtigen Freunden, am leichtesten die schwere Zeit überwinden werde, welche ihr bevorstand. Die Meier hatte in ihrem gutmütigen Eifer noch vor der Abreise Hermanns die Auswahl der Zimmer getroffen, welche die Freundin aufnehmen sollten. Es waren die schönsten und stillsten des Hauses. Hermann nahm sich vor, Johannen mit allen Gründen, die ihm zu Gebote standen,