und Felsen wuchsen mir in der Brust, die Zweige der Bäume wanden sich durch meinen Kopf und peitschten, vom Sturme geschüttelt, mir das arme Hirn wund, ich fühlte in mir die Kräuter und Moose stechend spriessen, und mir war, als flösse ich auseinander, dahin nach weiten kahlen Eisfeldern und dortin nach blutroten Granatenbüschen. Ich wollte mir Luft machen in Worten, aber die Zunge versagte mir den Dienst, ich wollte es abzeichnen, mein Elend, an hoher Steinwand, aber die Hand sank lahm herunter, da merkte ich, dass meine Füsse sich zu regen begannen, dass meine arme folgten, der Leib in sanften Drehungen sich schwang, Erlösung zu finden von dem Inneren, Grossen, Entsetzlichen; ach wie süss schlummerte ich nach dieser Anstrengung ein, Fels, Berg, Baum und Kraut standen wieder ausser mir, der Mond wurde mein bester Freund! Das ist nun der Tanz, den ich nicht lassen kann, der mich mir selbst wiedergibt, wenn der Weltgraus mich überwinden und in mir einziehen will. Könntest du mich lieben, und immer bei mir sein, so wäre alles gut, dann hätte ich eine Stütze und würde auch aufhören zu tanzen; leider wird es nicht so gut werden."
Sie nahm ihm noch einmal das Versprechen ab, sie recht bald zu besuchen, was er ihr nun um so lieber gab, als er einsah, dass sie in ihrem wilden Treiben dem Verderben zueile, und hoffen durfte, durch seine Anwesenheit auf der Villa vielleicht manches ordnen und schlichten zu können. Dies sollte den Abschluss der Verwicklungen bilden, welche sein Leben, wie er sich überzeugte, seit einigen Jahren unnütz aufgesponnen hatten. Er hatte die Freiheit von bürgerlichen Verhältnissen gesucht, und nicht bedacht, dass eine solche eigentlich ganz in das Leere führe. Er hatte überall auf die gutmütigste Weise geholfen, und die Welt war indessen unbekümmert um ihn ihren selbstischen gang weitergeschritten. Sein Vermögen erschöpfte der unüberlegte Ankauf im Badischen; er konnte in Not geraten.
Alles drängte ihn zu einer vernünftigen Entsagung, zu einer bescheidnen Rückkehr. Nach mancher Träne bittern Unmuts, die er verweinte, beschloss er, die Verhältnisse wieder aufzunehmen, auf welche er so stolz herabgesehen hatte, und die Vorbereitung zu einem Staatsamte aufs neue zu beginnen, die ihm früher so unleidlich geworden war. Wilhelmi, dem er seinen Vorsatz mitteilte, lobte ihn sehr, und bestärkte ihn darin. Durch dessen eifrige Bemühung wurde er des fernen Grundeigentums entledigt, freilich mit grosser Einbusse, indessen zog er so viel aus diesem Handel noch heraus, dass er sich eine Zeitlang allenfalls damit hinhalten konnte.
Wilhelmi tröstete ihn, wenn er ihn schwermütig sah, und seine Klagen über die verlornen Jahre hörte. "Was ist es weiter?" rief er. "Du hast eine Weile vagabundiert, das wird dir doch zugute kommen. Viel besser ist es so, als wenn du dich, wie ich, zu früh gefesselt hättest. Die Jugend soll verschwärmt werden, manches ist gewiss an dir hangen und kleben geblieben, wovon du jetzt selbst nichts ahnest."
"Ich will es wünschen", versetzte Hermann, "wenn ich es gleich nicht zu hoffen wage. Der Reichtum eines sogenannten bewegten Lebens ist wohl nur täuschend. Von einem Punkte aus soll der Mensch erwerben. Wer, zerstreut, von der Mannigfaltigkeit Resultate begehrt, kommt mir wie einer vor, der mit verdecktem Teller in einer gemischten Gesellschaft sammeln geht; die Summe pflegt nicht gross zu sein, wenn der Teller abgehoben wird."
Er mietete ein stilles Quartier in der entlegensten Gegend der Stadt, schaffte sich juristische Bücher an und tat die nötigen Schritte, seine bürgerliche Laufbahn wieder zu betreten. So gewann es den Anschein, als solle der Strom seines Daseins, wie der so vieler, nach kurzem mutigem Laufe im Sande der Gewöhnlichkeit auslöschen.
Zehntes Kapitel
Die Sozietät pflegt sich für unangreifbar zu halten, schon die leiseste Verletzung des Persönlichen erscheint wie ein Attentat. Dann bricht plötzlich etwas ganz Unerwartetes, Niebefürchtetes in diese Kreise ein, alle Bande sind auf einmal zersprengt, und eine Geisterfurcht ergreift die Menschen.
Von solchen Gefühlen wurde Hermann bestürmt, als Wilhelmi eines Abends atemlos auf seine Klause mit der Nachricht trat, dass Medon verhaftet worden sei. Über den Grund dieses erschreckenden Vorfalls konnte er nichts Näheres angeben, nur so viel wusste er, dass derselbe mit den Untersuchungen gegen die Demagogen zusammenhange.
Hermann eilte in der Hoffnung, dass ein falsches aberwitziges Gerücht den Freund betrogen habe, nach Medons wohnung. Leider fand er hier die Sache nur zu wahr. Er hatte Mühe, in das Haus zu kommen, welches scharf bewacht war. Auf dem Flur standen Koffer und allerhand Reisegepäck; durch eine Glastüre blickte er in das Zimmer, worin er so manche lehrreiche Stunde erlebt hatte; Medon, dem vorderhand nur Hausarrest gegeben worden war, sass darin auf dem Sofa, sah blass und angegriffen aus. Der Gerichtsbeamte stand neben ihm und schien ihn zu verhören. In andern Zimmern wurde versiegelt.
Von den Hausleuten, die sehr verwirrt und bestürzt waren, konnte er nichts Genaues herausbringen. Nur so viel wussten sie, dass man Anstalten zu einer Reise gemacht habe, dass aber mitten in denselben der Gerichtsbeamte plötzlich mit einem jungen Menschen von wildem Ansehen erschienen sei, welcher auf Medon zuschreitend, und ihn scharf ins Auge fassend, gerufen: "Dieser ist es, welcher in Zürich uns vom Männerbunde erzählte!" worauf der Beamte