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sind deine Begleiter? Wer nimmt sich deiner an?" fragte er.

"Der Domherr bat mich inständig darum, die Alte redete mir so lange zu, dass ich es ihm zu Gefallen tat, und dann tat ich es auch, um dich zu ärgern, weil du mich so ganz vergessen hattest. Denn ich wusste doch, dass es dir leid sein würde, wenn du mich als Frau fändest. Die Jungen mit den hohen Halsbinden und Bakkenbärten machen meinen Viehstall aus, sie haben sich alle in mich verliebt, und müssen sich gefallen lassen, was ich mit ihnen vornehme; den Dicken nennen sie den Kurator. Die Verwandten meines Mannes haben ihn angestellt, mich zu beaufsichtigen; die Alte sagt, ich sei guter Hoffnung, ich wüsste zwar nicht, wie es zugegangen sein sollte, aber die Verwandten sind doch bange, dass ihnen die Erbschaft entgehn möchte, und darum muss er mich bewachen. Nun ist es ein himmlischer Spass, dass der dicke Sünder sich auch in mich vernarrt hat. Er schleicht mir nach, seufzt und stöhnt; ich könnte ihn weit führen, wenn ich nicht auf Tugend hielte. Die Alte nimmt sich meiner in Treuen an, sie spricht oft dummes Zeug, ich glaube, das alte Weib ist zuweilen etwas verrückt, aber ich könnte doch ohne das gute Tier nicht leben. Nun habe ich dir auf alles geantwortet, jetzt tue auch mir so auf meine Frage: Wirst du deine Flamme in ihrem Häuslein besuchen, und bald?"

"liebes Herz", sagte Hermann, "das kann ich dir nicht gewiss versprechen. Ich habe noch manches hier abzutun, auch führst du allem Anscheine nach eine sonderbare Wirtschaft, zu welcher ich eben nicht passen würde."

"Nicht? Nicht?" rief sie mit dem wilden Ausdrukke, welcher ihn erschreckt hatte, als er sie zum ersten Male in der Höhle traf. Blitzschnell hatte sie einen Dolch aus dem Busen gerissen, und die Spitze würde in ihrer Brust gesessen haben, hätte er nicht ihren erhobnen Arm festgehalten.

"Was wolltest du tun, wahnsinniges Kind?" fragte er entsetzt. "Mich erstechen", sagte sie gleichgültig. "Du bist, wie du warst, Holz und Stein, was soll Flämmchen auf der Welt?"

"Ich will ja zu dir kommen!" rief er bestürzt. – "Bald?" – Er bejahte. "So schwöre mir's zu den Füssen dieser Liebesgöttin." Er tat, was sie begehrte, um sie nur zufriedenzustellen.

Ihr Schwarm drang herein, sie suchend. Flämmchen trat ihnen mit komischer Würde entgegen und sagte: "Dieser ist ein alter Bekannter von mir, und wenn der einmal zu mir kommt, habt ihr euch alle zum haus hinauszuscheren, mit Ausnahme des Dicken, der ein vernünftiger Mann ist und eine anständige Gesellschaft für ihn." Sie ging, ohne nach Hermann sich weiter umzublicken, oder ihm Lebewohl zu sagen.

Neuntes Kapitel

Was er in den folgenden Tagen von der Lebensweise Flämmchens hörte, war das Ausschweifendste von der Welt. Sie hatte wirklich in ihrem einsamen Landhause eine Art von Hof oder Menagerie, wie man es nennen will, versammelt, bestehend aus den wildesten jungen Leuten der Residenz, die, durch den Ruf ihrer Schönheit angelockt, dortin geströmt waren. Mit ihnen wurden die tollsten Streiche verübt, zuweilen toste dieses wütende Heer bei Nacht auf schnellen Pferden unter entsetzlichem Geschrei durch die Gegend, so dass die Landleute in ihren stillen Hütten sich vor dem Unwesen segneten, oder man sprengte falsche Nachrichten von Räuberbanden und Unglücksfällen aus, welche Scharwachen und Beamte aufregten, so dass sich auch schon die Polizei hier in das Mittel hatte legen wollen, jedoch höheren Ortes bedeutet worden war, solches zu unterlassen, da sich denn doch alles ausser dem Bereiche eigentlicher Vergehungen hielt.

Am brausendsten aber schäumte Flämmchens üppige Lebenskraft im Tanze aus. Täglich war Ball bei ihr, wozu man freilich die Damen unter den Hausmädchen und den Bauerdirnen der Nachbarschaft suchen musste, denn anständige Familien wollten ihre Töchter zu diesen Vergnügungen nicht abordnen. Wer Flämmchen tanzen gesehen, sprach darüber, wie der Prinz; einstimmig erklärte man, dass keine Beschreibung den Zauber dieser Anschauung wiedergeben könne.

Die Seitenverwandten des Domherrn, lüstern nach dem Besitze der beträchtlichen Erbschaft, und erschreckt durch die Angabe von Flämmchens Zustande, welcher, wenn er gegründet war, ihnen ihre Aussicht entzog, hatten in dieses Gewirre jenen ältlichen Mann als Aufseher gesendet.

War Flämmchens Angabe über ihn richtig, so konnte freilich sein Amt nicht wohl schlechter versehen sein.

Zum teil hörte Hermann diese Dinge aus Flämmchens mund selbst, welcher er eine Zusammenkunft in ihrem Gastofe nicht hatte abschlagen können. Dort, den Kopf an seine Brust gelehnt, ihn mit beiden Armen umklammernd, tat sie ihm Entdeckungen, welche man von einem so leichtfertig erscheinenden Wesen nicht hätte erwarten sollen. Es waren abgebrochne Schmerzenstöne, nur der Ahnung verständlich, in geordneten Worten kaum auszusprechen, am wenigsten auf dem Papiere. Der Naturgeist zuckte hier gleichsam in seiner ganzen neckischen Ungebundenheit unter seiner menschlichen Hülle, All und Individuum lagen miteinander im Streite, und aus ihrem Ringen entsprangen die Zuckungen, welche äusserlich wie Possen aussahn.

Merkwürdig waren ihm besonders ihre Geständnisse, wie sich die unbesiegliche Lust zum Tanze in ihr entwickelt habe.

"Als du mich in die grüne Einöde zu der Alten gebracht hattest, wurde ich von einer unsäglichen Angst befallen", sagte sie. "Die Berge