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von meinem Ziele fortschleudern lassen muss!" rief er. "Wo ist da noch Zusammenhang in der Welt, wenn Launen und Seltsamkeiten das Gute und Zweckmässige gebären, dem wirklichsten Bedürfnisse aber sich grausam die Erfüllung versagt?"

Er fühlte lauter Widersprüche in seinem Schicksale, und ein unbestimmtes Grauen vor der nächsten Zukunft überschlich ihn. Um Schutz gegen sich und seine Gedanken zu finden, nahm er die Bibel zur Hand, welche aber hier, wie in jedem Falle einer aus dem Stegreife mit ihr gesuchten Bekanntschaft, dieselbe ablehnte und dem heftig Andringenden ein hartes, undeutsames Antlitz zeigte.

Von Johannen und Medon hörte er wenig. Sie hatte sich seit einiger Zeit fast ganz zurückgezogen und selbst den Umgang mit Madame Meier aufgegeben: Er war, wie man sagte, von seinem Plane, zu reisen, abgegangen, und sollte sehr ernstaft an einer staatswirtschaftlichen Schrift arbeiten. Hermann schob seinen Besuch von Tage zu Tage auf, obgleich ihn eine tiefe Sympatie zu dem unglücklichen schönen Wesen hinschmeicheln wollte.

Das Museum war jetzt der Sammelpunkt der feinen Welt geworden. Eines Tages traf Hermann dort den Prinzen, welchem er in Medons haus vorgestellt worden war, den Erzähler des Mondscheinmärchens. Er war so gefällig, sich seiner zu erinnern, und freute sich, ihn wiederzusehn. "Man wollte hier wissen", sagte der Prinz, "Sie würden nicht zurückkehren. Sie wären der Associé Ihres Oheims in seinem Geschäfte geworden." – "Die Welt", versetzte Hermann, "hat einen entschiednen Hang, uns Dinge anzudichten, welche gewöhnlich dem, was wir eigentlich tun und begehren, schnurstracks entgegen sind."

"Das ist wahr", erwiderte der Prinz. "Hierin zeigen sich die Menschen wahrhaft erfindungsreich, und aus den gewöhnlichsten Köpfen entspringen nicht selten die sinnreichsten Myten. So hat man mich zum Beispielund ich wüsste durchaus nicht zu sagen, wodurch ich die Veranlassung gegeben hättezu einem begeisterten Verehrer oder gar Protektor der bildenden Künste gemacht, während ich mir bewusst bin, für sie eigentlich kein Auge zu besitzen. Das Lustigste bei solchen Gesellschaftsfabeln ist, dass man unversehens und unwillkürlich aus einem Objekte derselben, zu ihrem Subjekte und Helden wird. Nach und nach versammelte sich um mich allerhand Gemaltes und Plastisches, ich übernahm das Patronat eines Vereins, und gehöre zu den fleissigsten Besuchern dieser Säle, obgleich ich, die Wahrheit zu gestehn, mehr der Menschen, welche sich hier einfinden, als der Gemälde wegen komme."

"Gnädigster Prinz", sagte Hermann höflich, "Sie werden heute auf Ihre eignen Unkosten zum Märchendichter."

"O nein", erwiderte der Prinz, "und ich schätze mich deshalb nicht geringer, weil ich der Mode meine Neigung versage. Ein lebendiges Interesse kann nur an einer Sache sich entzünden, welche in der Gegenwart kräftig wurzelt. Nun aber sehe ich an den Handlungen der Zeitgenossen durchaus nichts für das Auge, mitin auch nichts für den Pinsel oder Meissel. Wo die Kanonen und die taktischen Bewegungen das Schicksal der Reiche entscheiden, gibt es keine Heldengruppen, wo die Predigt im Gottesdienste das Wort führt, keine Erscheinungen, wo die Leute bis zu den Schustern und Schneidern hinunter den Frack tragen, kein Genre. Was soll also entstehn? Entweder ein geschmackvoller Eklektizismus, welcher niemals eine Epoche macht, oder ein romantisches Unbestimmtes; Versuche, der Poesie nachzutreten, die in wenigen Jahren schon, wenn gewisse momentane Stimmungen vorübergegangen sein werden, unverständlich sein müssen.

Man darf sich ja nicht durch die jetzige allgemeine Neigung zu diesen Dingen täuschen lassen. Ein Unterschied der modernen Zeit von der griechischen besteht darin, dass unter uns Neueren das wahrhaft geniale Schöne fast immer im Gegensatze zu der herrschenden Stimmung erwächst, welche dagegen ihrerseits das als vorhanden zu präkonisieren pflegt, woran es ihr eben ganz gebricht. Dagegen ging in jener glücklichen griechischen Periode das besondre Genie der Künstler aus dem allgemeinen Talente der Nation hervor. Um an einem Beispiele meine Meinung klarzumachen, so glaubten wir an Klopstocks Oden, Bardieten und an den Nachahmungen derselben eine grosse vaterländische Poesie zu besitzen, und doch waren diese frostigen Exerzitien am allerfernsten von einer solchen. Nur eine Entwicklung der Schönheit sehe ich noch vor uns, nämlich die poetische; in der Dichtkunst hat, wie ich glaube, Deutschland den Gipfel noch nicht erreicht."

"Diese Meinung ist für die Poeten der Gegenwart sehr tröstlich", sagte Hermann, "um so tröstlicher, als viele Stimmen das dichterische Element der Zeit ganz leugnen wollen."

"Ich rede nicht von einem einzelnen, nicht von Individuen", erwiderte der Prinz. "Urteile über Personen und Werke, deren Zeitgenosse man ist, sind meistens sehr misslich. Meine Hoffnung bezieht sich auf etwas Allgemeines. Nun ist es wohl klar, dass eine Periode, in welcher alle Schätze des Geistes gewaltsam aufgeregt worden sind, so dass sie gleichsam in das Freie fielen, von selbst einen Fähigen hervorrufen muss, welcher sich dieses Reichtums bemächtigen wird. Diesem wird gerade der Mangel an äusserm plastischen Leben höchst förderlich sein, da unsrer Stimmung die deskriptive Poesie immer langweilig erscheint, und die Dichter dieser Jahrhunderte mit Glück nur das Innerliche, die bewegenden Ursachen der Dinge ergriffen haben."

Hermann hatte nur aus schuldiger Rücksicht dem letzten Teile dieser Auseinandersetzung zugehört, denn eine unerwartete Erscheinung wendete seine Gedanken von den Reden des Prinzen ab. Zu der Flügeltüre des Saals, in welchem sie standen, trat nämlich herein, abenteuerlich aufgeputzt, im bunten Gewande, eine