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ihre Gestalt kennenlernen muss; mein junger Exilierter weigerte sich aber, da er aus meinen Worten abnahm, wie ich über den Vorfall denke, sie zu nennen, die immer, so fügte er hinzu, seine Wohltäterin bleibe. Durch diesen Beweis von Zartsinn wurde er mir noch lieber.

Ich liess ihn seine Zeichnungen bringen, und hatte über ein urkräftiges Talent zu erstaunen, welches in Gefahr gewesen war, durch verrückte Modetorheit, wenn nicht erstickt, doch aufgehalten zu werden. Roh und unfertig waren diese Sachen, das ist richtig, aber aus jedem Punkte, aus jeder Linie leuchtete ein so tiefer Sinn für die natur, ein so reines Schönheitsgefühl hervor, dass ich wahrhaft in Erstaunen gesetzt ward.

Es versteht sich, dass ich ihn nicht hierlasse, sondern mit mir nehme, obgleich ich voraussehe, dass er mich in kurzem überholen wird. – Wissen Sie vielleicht mir die altertümelnde Beschützerin zu nennen? Denn ich muss ihr doch danken, dass ihre Kenntnis von dem Studiengange eines Malers mir zu dieser Bekanntschaft verholfen hat."

Achtes Kapitel

"Die letzte Frage und Aufforderung hörte die Meier nicht mehr. Sie hatte sich schon während der Erzählung, sobald deren traurige Beziehung klar ward, hochrot, eine Unpässlichkeit vorschützend, still entfernt.

Unsre Gesichter können Sie sich denken. Der gute Künstler war ganz verwundert, dass seiner geschichte nichts als ein dumpfes Schweigen folgte. Beim Nachhausegehn fragte er mich, ob er gegen jemand verstossen habe, worauf ich ihm versetzte, der ganze Tag sei nur ein Verstoss gewesen.

Kurz nach diesem unglücklichen Ausgange byzantinischer Bestrebungen schickten die Meier und Wilhelmi Verlobungskarten umher. Wir erfuhren, dass Wilhelmi nach ihrem Rückzuge aus der Gesellschaft ihr gefolgt sei, und sie auf dem Sofa liegend, erschöpft und weinend, gefunden habe. Sein Herz war gegen die Leidende übergegangen, aus sanften Tröstungen hatte sich bald eine zärtliche Erklärung entwickelt. Da sie, zu beständigem Wittum entschlossen, dieser widerstanden hatte, soll er auf eine kluge Weise haben einfliessen lassen, dass ein kunstkundiger Gemahl ihr gesagt haben würde, die Maler ständen nun einmal von nackten Mädchen nicht ab, und wer solches nicht ertragen könne, der müsse sie nicht in das Haus nehmen.

Da hat die Meier auf einmal die ganze Misslichkeit ihrer Stellung erkannt, hat eingesehen, dass eine gelehrte Frau, welche sich behaupten will, durchaus eines Gatten bedarf, der seine schulen durchgemacht hat; und aus diesen Gefühlen und Erwägungen ist das Bündnis erwachsen, worüber die Stadt beinahe eine ganze Woche zu reden hatte, welches aber jetzt über andre Dinge von Belang schon wieder vergessen worden ist."

Nur ungern hörte Hermann diese Erzählung mit an, welche ihm zwei Personen, denen er zugetan war, in einem lächerlichen Lichte zeigte; indessen konnte er der unermüdlichen Zunge des Spötters nicht entrinnen. – "Wie sie bemüht sind, sich alles zu zersprechen, damit nur gar nichts übrigbleibe, woran Liebe und Verehrung haften kann!" rief er, als er allein war, aus. "Dieser Mensch nennt sich einen Freund des Hauses und scheut sich nicht, mit der giftigsten Lästerung über die Herrin des Hauses herzufallen!"

Er hatte vergessen, dass ein geheimer Hohn die Lebensluft der guten Gesellschaft ist, weil nur durch ihn das Gleichgewicht bewahrt wird, dessen sich jedes Mitglied bewusst sein muss, um zur Unterhaltung beizutragen.

Nach manchen vergeblichen Gängen traf er endlich seinen Freund Wilhelmi, und wünschte ihm herzlich Glück. Musste er auch über dessen Emphase lächeln, womit Wilhelmi lauter Eigenschaften an seiner Verlobten hervorhob, welche diese wirklich nicht in ausnehmendem Grade besass, so war in dessen Äusserungen doch so viel Empfundnes, so fühlte der Freund doch so tief das Glück, einem einsamen Leben zu entrinnen, dass er sich wahrhaft über dessen Schicksal freuen konnte. Selbst das Äussere Wilhelmis hatte der Bräutigamsstand verwandelt, seine Wangen waren röter geworden, seine Augen lebhafter, und er sah wieder wie ein stattlicher Mann in den besten Jahren aus.

Auch Madame Meier fand er vorteilhaft verändert. Sie war stiller und sinnender, trug sich nicht mehr so viel vor, redete auch mehr von den gewöhnlichen Dingen des Lebens, als von der Kunst. Die Kapelle und die altertümlichen Sammlungen waren geschlossen. Sie empfing ihre Freunde wirklich in den Zimmern, die der Spötter beschrieben hatte. Der Kreis ihrer Gesellschaft hatte sich verengt, und sie bekannte unsrem Freunde in einer traulichen Stunde, dass sie sich dabei wohler fühle.

Dagegen sagte Wilhelmi, dass er nur die Hochzeit abwarten wolle, um dann die Vereinigung seiner Sammlungen mit denen seiner Frau vorzunehmen, und in das ganze Besitztum eine systematische Ordnung zu bringen. Er fügte triumphierend hinzu, dass diese verbundnen Schätze von der Art sein würden, um auch noch neben den Sammlungen des staates die Aufmerksamkeit der Kenner und Liebhaber zu erregen.

"Dein gutes Geschick hat freundlich für dich gesorgt", versetzte Hermann. "Du wolltest Direktor des Nationalmuseums werden, worin du manchen Verdruss und Zwang würdest zu erdulden gehabt haben. Anstatt dessen macht dich die Liebe zum Kustos eines Privatkabinetts, mit dem du wirst schalten können, wie du magst."

War es ihm von Herzen lieb, das Los seiner Freunde auf so zuverlässige Art gesichert zu sehen, so konnte er sich doch eines stillen Neides nicht erwehren. "Der Misantrop, der Grillenhafte wird ohne sein Zutun, aller Wahrscheinlichkeit zuwider, in den Hafen geführt, während ich, der ich das Glück einfach und gerades Weges suche, plan- und bahnlos mich