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Nur die Höllenstrafen sind ewig, jede Vorlesung aber hört denn doch endlich auf. Der Kunstdichter schloss und trocknete sich den Schweiss ab, wir durften uns von unsern Stühlen erheben und die abwesenden Lebensgeister wieder herbeirufen; die Meier aber, welche vielleicht allein an dieser poetischen Leistung Behagen gefunden hatte, weil dieselbe sie über einen lästigen Abend hinwegbrachte, nötigte mit artiger Verbeugung in ein Nebenzimmer, wo uns eine kalte Kollation erwarten sollte.

Ich hatte die Knaben des fremden Künstlers nach der ersten Lesestunde in das Nebenzimmer schleichen sehen, und die Glücklichen beneidet, welche dort ruhig auf einem Sofa die Vorlesung verschlummern durften. Nicht ahnete ich, dass sie weit verhängnisvollere Absichten im Schilde führten und wirklich durchsetzten.

Als wir nämlich das Nebenzimmer betraten, und die Wirtin uns mit dem verbindlichen: 'Wenn es Ihnen gefällig wäre ...' zu Tische nötigte, sahen wir zwar diesen, weissgedeckt, von Lampen beleuchtet, auch darauf verschiedne Schüsseln, Assietten und Fruchtkörbe, alle diese Essgeschirre aber durchaus leer und ihres Inhalts beraubt. Die Urheber des Raubes konnten nicht lange zweifelhaft bleiben, denn die beiden Knaben standen am Tische, beschäftigt, die letzten Reste der Konfekte und Früchte zu verzehren. Von den Salaten, Fleischschnitten und Cremen war keine Spur mehr zu erblicken. Sie hatten der Tat auch kein Hehl, denn auf die zornige Frage des Vaters, wie sie sich das hätten unterstehn können, versetzten sie unbefangen, dass nach ihrer Meinung diese Sachen zum Essen hingesetzt worden, und dass sie hungrig gewesen wären. Unglaublich würde Ihnen diese Aufzehrung eines Abendessens für zwölf Personen durch zwei Knaben klingen, wenn Ihnen nicht die Frugalität unsrer Genüsse bekannt wäre.

Die arme Meier dauerte mich. Es war viel zu spät, um noch einen Ersatz des verschwundnen Abendessens herbeischaffen zu können. Sie wollte über den Vorfall scherzen, aber es gelang ihr übel. Die Gesellschaft gab ihr die Versichrung, dass niemand Appetit verspüre, aber wer hätte dieser Behauptung nach so langwierigem Vorlesen Glauben geschenkt?

Der Künstler, welcher die nächste Verpflichtung hatte, die Anwesenden für die durch die Gefrässigkeit seiner Knaben erlittne Einbusse zu entschädigen, fand sich am ersten zurecht und sagte: 'Wir haben hier leider erlebt, wie die natur, aller Ästetik spottend, in roher Weise ihren Weg geht. Angenehmer ist es, zu sehen, wie sie sich dem Zwange zum Trotz, den ihr Narren antun wollen, unaufhaltsam die Bahn bricht, und eine solche Erfahrung habe ich heute hier gemacht. Ich fand ein junges Talent, welches man von seinem Ziele abzuleiten gedachte, und welches sich dennoch zu dem machen wird, was es ist.

Als ich in den Morgenstunden aus den Fenstern meines Gastofs sah, hörte ich unten auf der Strasse ein lautes Schluchzen. Ein junger Mensch stand vor der Pforte des Hauses und liess einem Kummer, der auch halb wie Zorn aussah, auf solche ungezähmte Weise freien Lauf, ohne der Umstehenden zu achten. Die prächtige Gesichtsbildung des Jünglings, seine hohe Stirn, gebogne Nase, und das reich wallende Hauptaar zogen mich an, ich ging hinunter, und fragte nach der Ursache seiner Tränen. Anfangs wollte er mir nicht Rede stehen; ich liess jedoch nicht ab, nahm ihn mit auf mein Zimmer und brachte ihn dort zum Geständnis. Er sei ein armer Junge ohne Eltern und Beschützer, erzählte er. Von Kindheit an habe er die grösste Lust zum Zeichnen gehabt, und alles nachgeahmt, was ihm zu Gesicht gekommen, Bäume, Tiere, Soldaten. Niemand aber sei ihm behülflich gewesen, dass er etwas lernen können. Endlich habe sich eine reiche Dame seiner angenommen; nun sei er in ihrem haus untergekommen, wo er aber verborgen habe leben müssen. Die Dame habe ihm gesagt, er werde ein grosser Mann werden, wenn er sich ganz nach gewissen Bildern richte, die sie ihm denn auch gezeigt habe.

Der Jüngling nannte diese Bilder in seiner Natursprache Herrgötter mit Eidechsenleibern, und ich wusste bald, woran ich war. Er beschrieb mir seine Pein, welche er empfunden, da er diese Missgestalten nachbilden müssen, in so rührenden Wendungen, dass mein Anteil immer höher stieg.

Indessen, sagte er, habe er doch gemerkt, dass jene Herrgötter menschliche Körper vorstellen sollten, und da sei das brennendste Verlangen in ihm erregt, einen wirklichen natürlichen Leib in seiner wahren Gestalt zu erblicken. Zufällig habe er gehört, dass es Personen beider Geschlechter gebe, die sich wohl zu solchem Zwecke den Malern darliehen, und nun habe er nicht eher geruht, bis er des ersehnten Anblicks teilhaftig geworden sei. Da habe er denn etwas zu sehen bekommen, worüber nichts in der Welt gehe; jegliches so ebenmässig, fein, rund und doch straff. All sein Taschengeld habe er nun auf Modelle verwendet, deren verschiedne Stellungen er in seinen heimlichsten Stunden, selig vor Vergnügen, abgezeichnet habe. Heute sei er mit einer wahren Wollust bemüht gewesen, die Glieder und Formen eines wunderschönen Mädchens auf das Papier zu übertragen, als er wahrgenommen, dass man ihn belausche. Es sei hierauf ein grosser Lärmen im haus entstanden, und die Dame habe ihm, als einem schlechten liederlichen Menschen die tür weisen lassen. Ausser sich vor Ärger und Beschämung sei er nach dem Gastofe gelaufen, um sein Brot anderweit zu verdienen, sei es auch durch Laufen und Packentragen für die Reisenden.

Ich wollte den Namen jener guten Törin wissen, welcher es unbekannt zu sein scheint, dass man, um Menschen zu malen,