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folgen Sie mir zu jenem Schiebefensterchen, durch welches ich oft stundenlang, von ihm unbemerkt, in seine stille Werkstatt blicke, und meinem Angelo (denn so nenne ich ihn wegen seines engelreinen Gemüts) zusehe.'

Wir erhoben uns, und zufällig war ich in dem zug nach dem Schiebefenster der vorderste. Ich schob sacht das Vorhängelchen von den Scheiben hinweg, und sah in die Werkstatt des jungen Byzantiners. Hier bekam ich aber etwas zu schauen, worauf ich keinesweges gefasst war, und welches mir zugleich bewies, dass unsre Zeit wenigstens noch zwischen der sehnsucht nach dem Symbolischen und dem Verlangen nach sinnlicher Naturwahrheit sich schwankend mitteninne hält. In der Werkstatt lag nämlich auf einem dunkelroten Teppich, der über ein Ruhebett gebreitet war, ein schönes Mädchen, in dem Zustande, wie sie Gott der Herr erschaffen, und in der Stellung der Danae oder Leda; denn der Einzelheiten erinnre ich mich so genau nicht mehr. Der Byzantiner stand neben ihr, mit Kohle und Malerstock bewaffnet, und rückte an ihren Gliedmassen, um die Stellung noch natürlicher zu machen.

Ich hütete mich wohl, meine Überraschung laut werden zu lassen, sondern trat, nachdem ich einige Sekunden dieser keinesweges unerfreulichen Anschauung genossen, still zurück. Nach mir gelangte ein Pietist zum Schiebefenster, welcher in ein Gebetbuch geschrieben hatte, er bezeuge mit seiner Hand, dass der Herr an ihm ein Zeichen gesetzt habe. Dieser sagte auch kein Wort, sondern seufzte nur nachdrücklich, und zog dann den Kopf, scheinbar nicht ohne Widerstreben, hinweg. Bis dahin war alles leidlich gegangen; nun aber wollte eine alte Dame das Weben des Genius sehen, legte Augen und Nase dicht an das Glas, fuhr aber dann mit einem fürchterlich zu nennenden Geschrei zurück. Dies hörten der Byzantiner und die Nackte; sie sahen die fremden Zuschauer hinter den Glasscheiben. Rot und sprachlos stand der junge Mann da, stampfte mit den Füssen, und hielt den Malerstock gleichsam drohend in die Luft; das arme geschöpf schlüpfte hinter die Staffelei, welche sie nicht ganz verdeckte.

Die wirkung dieses so ganz unerwarteten Ereignisses war ausserordentlich. Wir jüngeren Leute sahen verlegen vor uns hin, und taten, als ob wir uns schämten, der Pietist faltete die hände und blickte gegen Himmel, die alte Dame eiferte gegen die Meier, welche, durch einen flüchtigen blick in die Werkstatt auch von dem Unheil in Kenntnis gesetzt, wie vernichtet dastand, und sich auf Wilhelmi lehnte. Umsonst war dessen Trostspruch, dass es ja nur ein Modell sei, sie flüsterte ihm unter zornigen Tränen zu, er solle den sittenlosen Heuchler auf der Stelle aus dem haus schaffen. Einige junge Mädchen, welche sich im zug verspätet hatten, und nun neugierig herandringen wollten, wurden von der alten Dame mit der Eröffnung, dass eine Fledermaus dort umherschwirre, die sich ihnen leicht in die Haare setzen könne, zurückgehalten.

Nachdem Wilhelmi seinen strengen Auftrag in der Stille ausgeführt hatte, und wir wieder zu unsern Sesseln in der Kunstkapelle gelangt waren, fühlten wir wohl, dass fernere gesellschaftliche Freuden schwerlich geraten möchten, und wollten uns in schicklicher Weise entfernen. Leider aber hatte die Meier einen fremden durchreisenden berühmten Künstler auf ihren Byzantiner bitten lassen, zu dessen Veröffentlichung und Ruhm der Tag ausdrücklich von ihr bestimmt worden war. Dies erfuhren wir durch einige Reden Wilhelmis, als wir der beim Abschiede empfangnen Einladung uns entziehen wollten. Unter solchen Umständen wäre ein Aussenbleiben unhöflich gewesen, und so stellten wir uns denn sämtlich, mit Ausnahme der alten Dame, am Abend wieder ein, obgleich mir von einem Tage, der so quer begonnen hatte, nichts Gutes ahnte, und die verstörten Augen der Wirtin zu erkennen gaben, dass ihr die härteste Strafe lieber gewesen sein würde, als eine zierliche, im heiligen geist der Kunst versammelte Gesellschaft.

Wir kamen in Zimmern zusammen, wo wir früher nie waren empfangen worden, weit von der Kapelle und von den Sammlungen der alten Periode. Papiertapeten bekleideten die Wände, gleichgültige elegante Meubles standen umher. Nur ein Gemälde war vorhanden, das Bildnis des seligen Meier, im braunen Frack, von Weitsch gemalt. Es hing über dem Sofa; wie ich hörte, hatte der verstorbne Eheherr diese Gemächer bewohnt.

Das Gespräch lahmte, und wurde eigentlich nur von dem fremden Künstler im Gange erhalten, den ein Kreis andächtiger Verehrer umgab. Er erzählte viel von seinen Reisen, von seinen Bekanntschaften mit Kaisern und Königen, wobei eine angenehme Selbstgefälligkeit zum Vorschein kam, die unter uns, wie Sie wissen, nie ihre wirkung verfehlt. Seine beiden Knaben, junge mutwillige Eulenspiegel, trieben sich umher und verübten allerhand Possen, welche die Zeit hinbringen halfen. Zuletzt, und ziemlich spät, erschien unser Dichter, welcher sein neuerdings bedeutend angeschwollnes Manuskript mitbrachte und nach kurzer Weigerung sich bereitwillig finden liess, daraus die zuletzt ausgearbeiteten Kapitel vorzutragen.

Nun war er aber leider an die Darstellung des fünfzehnten Jahrhunderts geraten und hatte diesem wegen seiner Wichtigkeit die gründlichste Durchführung gewidmet. Besonders erschöpfend handelte er die Frage ab, ob die Kunst jener zeiten noch eine religiöse zu nennen sei? und hatte das Für und Wider nach allen Richtungen hin in seinen Versen versammelt.

Die Terzinen wälzten sich wie ein endlos flutender Strom daher, eine Stunde nach der andern schlug, und noch war kein Ziel der Sache abzusehn. Ich betrachtete zu meiner Unterhaltung die Gesellschaft ringsumher, und sah die verschiedenartigsten Versuche, sich durch tiefes Atemholen, rücken auf dem stuhl, Spielen mit den Uhrketten usw. munter zu erhalten