Welt der Erscheinungen entspricht. Die Kunst ist geistiger Abkunft, sie erscheint immer im Gefolge irgendeiner grossen religiösen, philosophischen oder poetischen Bewegung, selten mit ihr zugleich, meistenteils etwas nach ihr. So schuf Phidias in seinem erhaben-strengen Stile gewissermassen noch einmal die ernsten Betrachtungen des Tales und der Pytagoräer aus, welche dieser Kunstepoche vorangegangen waren, so waren die späteren schönen und anmutigen Werke Nachklänge der allgemeinen Geistesblüte der Griechen, in welcher die reichste Mannigfaltigkeit nur die einfachste Harmonie umkleidete.
Und um nun auf unsre byzantinischen Bilder zu kommen, so sehe ich in ihren steifen, schmalen, langen Gestalten, in ihrer symmetrischen Anordnung keinesweges eine so unschuldige Kindlichkeit, die nicht weiss, was sie will und erstreben möchte. Vielmehr erscheint mir hier auf der Holztafel und in Farben dieselbe Richtung, welche sich kurz zuvor auf dem reingeistigen feld der Scholastik veroffenbart hatte. Das Christentum hatte die Welt von Grund aus umgekehrt, und der menschlichen Seele ein Gebiet eröffnet, auf welchem sie sich nur tappend bewegte. Durch die Scholastik suchte sie sich zu orientieren, das schwankende Göttliche auf die Festigkeit des Begriffs zu bringen, das unerklärbar-Eine durch die Entgegensetzungen dem Dialektik dem verstand anzunähern. Die erste Kunstform, welche nach der Scholastik, und zum teil noch gleichzeitig mit den späteren Entwicklungen derselben durch Occam, auftrat, zeigt nun alle diese Elemente vereinigt, und zugleich das Ehrwürdige, wie das Subtile und Dürftige jener Richtung. Ganz bewusst, matematisch-streng, nicht etwa schwachgemütlich bildet der Kirchenglaube die Grundlage der Werke, von diesem gehen sie aus; in der Steifheit und Magerkeit der Formen erscheint der Begriff, und in der symmetrischen Anordnung die Dialektik, kurz jene Bilder sind nichts als gemalte Scholastik.
Diese verfiel, der Glaube verlor von seiner Strenge, der Geist suchte in Freiheit sein Ziel, und konnte auf diesem Wege der ganzen Fülle der Realitäten nicht entbehren. Wieder treu diesem Vorgange schreitet die Kunst der Periode nach, von welcher Cimabue und Giotto die Anführer sind. Das Strengkirchliche tritt mehr und mehr zurück, Maria wird ein schönes, wunderbares Weib, Christus ein begeisterter Lehrer, statt der symmetrischen bildet sich die dramatische Gruppe aus, und wenn die Maler nun allerdings Muskeln statt der parallelen und triangulären Linien malen, so sind es doch Muskeln in Handlung, mitin nur Träger einer geistigen Bewegung. Auch hier ist es nicht die sinnliche natur, welche gesucht wird, sondern der Geist spiegelt in ihr, welche alle Bilder wiedergibt, nur seine eigne Emanzipation ab.
Jene Periode erreicht ihren Gipfel und stirbt darauf in kranken Zuckungen nach und nach ab. Die Symptome des Verfalls sind trockne Empirie, wollüstiger Materialismus, kokettierende Selbstsucht. Alle diese Übel hat die Kunst mitgelitten.
Wir sind nun auf dem Punkte angelangt, wo wir uns von geistiger Schwelgerei übersättigt fühlen, das heftigste Bedürfnis nach einem Obersten, Leitenden empfinden, und uns selbst einen gewissen Schematismus gefallen lassen würden, wenn er nur dahin führte, in unsre Unordnung Ordnung zu bringen. Ich frage: Liegen einer solchen Stimmung die freien, sinnlichglänzenden Kunstwerke nahe? Wird uns aus den fliegenden Gewändern, aus dem gefälligen Faltenwurfe, und den runden Gliedern und Formen nicht immer eine gewisse Leere und Kälte entgegenhauchen? Wird unser nach der Einheit der Regel schmachtender Geist nicht eine innigere Wahlverwandtschaft mit den alten strengen, symbolischen Bildern empfinden? – Und in diesem Sinne muss ich unsrer Freundin vollkommen recht geben, und wenigstens meinesteils auch so viel behaupten, dass wenn in unsrer Zeit eine eigentlich grosse Kunst entstände (was ich aber aus vielen Gründen für mehr als zweifelhaft halte) diese mit der sogenannten byzantinischen eine starke Ähnlichkeit haben müsste.'
Diese Rede, welche manchen Widerspruch fand, wurde von Wilhelmi mit so geschickten und glänzenden Wendungen verfochten, dass er endlich alle Opponenten zum Schweigen brachte. Die Meier genoss ihren Triumph, und holte leise ein paar uns noch unbekannte Täflein herbei, von welchen allerhand heilige Gestalten, so schmal, als man sie nur verlangen konnte, auf Goldgründen die Beschauer ansahn. Eine allgemeine Erbauung griff um sich; man fragte die Besitzerin, aus welchem Kloster diese Schätze herrührten, welche jeder anwesende Kenner unbedenklich dem dreizehnten Jahrhundert zuschrieb.
Unsre Wirtin lächelte und sagte: 'Freund Wilhelmi zweifelt an dem Aufblühn einer grossen Kunst unter uns, so viel ist aber gewiss, dass es Gemüter heutzutage gibt, in welchen die ganze Begeisterung jener alten Meister schlummert. Ja, meine Freunde, diese Tafeln, von welchen Sie glauben, sie seien ein halbes Jahrtausend alt, sind vor noch nicht zwei Monaten, und hier in meinem haus gemalt.'
Sie weidete sich an dem Erstaunen der Gesellschaft, und fuhr fort: 'Ich halte einen frommen Jüngling bei mir verborgen, welcher diese Bilder verfertigt hat. Durch Zufall machte ich seine Bekanntschaft, und fühlte mich verpflichtet, ihm fortzuhelfen, da ich sah, dass der Geist der Väter auf ihm ruhe. Noch mehreres als dieses hat er bereits geliefert. Ich sehe Ihr Erstaunen über das wundersame Talent, und da wir so freundlich beisammen sind, so erlauben Sie mir, ihn unter Ihnen einzuführen, Ihrer Huld und Gunst ihn zu vertrauen. Gewiss, Sie werden ihn lieben und fördern, wie ich. Gegenwärtig malt er an einem Heilande, mit mystisch geschlitzten Augen, welcher die Welt segnet, überaus ähnlich einem lieben Bilde, dessen ich mich aus einer böhmischen Kirche erinnre. Wenn es Ihnen ebenso viele Freude macht, wie mir, das stille Weben des Genius zu belauschen, so