Zeit hinzubringen, begab er sich nach einem öffentlichen Garten, wo er hoffen durfte, Bekannte zu treffen. Einer derselben, ein Hausfreund der Madame Meier, und einer der Spottvögel, nahm ihn sogleich beiseite, und fragte ihn, ob er die Neuigkeit des Tages schon kenne? Ohne seine Antwort zu erwarten, fuhr er fort: "Saturn und Pallas sind in Konjunktion getreten, Wilhelmi und die Meier haben sich verlobt."
Nichts hätte ihn mehr überraschen können, als diese Nachricht, die bei Wilhelmis krittelndem Sinne und der von Madame Meier oft ausgesprochnen Ehescheue auch wirklich sehr auffallend war. Er fragte den Spötter nach der Zeit und dem Einhergange dieses Vorfalls, worauf er eine Stadt- und Tagesgeschichte zu hören bekam, von welcher wir freilich nicht wissen, wieviel davon der Wahrheit und wieviel der Lästrung angehörte.
"Unsre Freunde", berichtete der Spötter, "sind unter lauter Kunstbestrebungen auf den Weg der natur geraten. Schon lange hatten wir eine Annäherung zwischen beiden bemerkt; die Vereinigung der Hälften des Sankt Stephansbildes mochte die der Herzen gewaltsam nach sich ziehen, aber den eigentlichen Ausschlag gab doch ein verfehltes fest zu Ehren des byzantinischen Stils."
"Wie soll ich das verstehn?" fragte Hermann.
"Sie wissen", versetzte der Spötter, "dass die Meier mit fester Treue an jenen langen spinnenbeinigen Gestalten, an den gebräunten Schwarten und glitzernden Goldgründen hangengeblieben ist, welche die übrige Welt nun auch schon wieder zu ermüden beginnen. Das wissen Sie aber nicht, und wir wussten es auch nicht, dass sie im stillen beschlossen hatte, das Ihrige werktätig zur Auferweckung dieses kindlichen Stils beizutragen.
Eines Tages, kurz nach Ihrer Abreise, erhielten die nächsten Freunde des Hauses Einladungen zu einem Frühstücke. Sie waren nicht förmlich, sondern der eine sollte dem andern wissen lassen, dass, wenn man sich von ungefähr zu der und der Stunde einfände, man willkommen sein würde. Wir schlossen aus diesen Anstalten zu einer Vereinigung durch Zufall, dass etwas Besondres im Werke sein müsse, und verfehlten nicht, uns sämtlich einzustellen.
In einem Vorgemache trafen wir Wilhelmi, der uns unter allerhand Gesprächen dort zurückhielt, dann wie zufällig die Tür öffnete, und uns in die Kapelle führte, wo uns denn durch Zufall der Anblick eines lebenden Bildes ward. Die Meier stand nämlich, durch Diadem, gescheiteltes Haar und altdeutsches Gewand der heiligen Elisabet verähnlicht, in einer Blende, zu welcher Stufen emporführten, und reichte aus einem Korbe, den ein schöner Knabe ihr vorhielt, Semmeln und Wecken an arme Leute, welche von den Stufen oder von dem Fussboden der Kapelle in mannigfaltigen Stellungen zu ihr emporsahn. Einige Dienstmägde in ansprechender Kleidung vollendeten die Gruppe, welche wirklich ein recht artiges Tableau bildete. Die Zofen verrieten durch ihr Blinzeln, dass sie uns wohl bemerkten, während die Meier mit niedergeschlagnen Wimpern tat, als habe sie unser leises Eintreten nicht wahrgenommen, und durch Wählen und Verwerfen der Esswaren im Korbe die armen Leute in ihren Stellungen festzuhalten wusste.
Endlich musste man uns aber doch sehen, und nun löste sich das lebende Bild schnell auf. Die heilige Elisabet kam, anscheinend überrascht, von den Stufen herab, bewillkommte uns höflichst, der Junge mit dem Brotkorbe lief davon, ihm folgten die armen Leute, und auch die Dienstmägde verloren sich still durch Seitentüren.
Man servierte uns hierauf in der Kapelle Schokolade und Likör, doch wusste die Meier das Gespräch durchaus in einer religiös-gemütvollen Schwingung zu erhalten, wobei ihr Wilhelmi trefflich sekundierte. Nur die Vertrautesten des Hauses waren eingeladen worden; die Gesellschaft betrug nicht über zehn Personen.
Wie gewöhnlich, wurde nur von Kunst gesprochen. Die Meier äusserte fromm-seufzend den oft vorgetragnen Wunsch, dass die Maler sich doch nur alle erst zu jener ältesten kindlichsten Auffassung zurückwenden möchten, durch welche allein das Höchste und Tiefste darzustellen sei.
Das letztere wurde ihr zwar in diesem zu gefälliger Nachgiebigkeit eingewöhnten Kreise einstimmig zugestanden, dagegen erhoben sich bescheidne Zweifel, ob jene alte Kunst mit Glück wieder heraufzubeschwören sei. 'Man hat doch nun einmal Jahrhunderte hindurch seinen blick für die menschliche Gestalt, wie sie ist, und für die übrigen Dinge, wie sie wirklich erscheinen, geöffnet', sagten einige. 'Wie sollte man also die Augen wieder verschliessen können, und den Menschen zumuten dürfen, anstatt der Muskel eine Linie, gewissermassen eine Chiffre anstatt des verständlich ausgeschriebnen Worts anzunehmen'.
Da diese Sätze, welche in mannigfachen Nutzanwendungen erläutert wurden, den gesunden Menschenverstand für sich hatten, so trieben sie unsre gute Wirtin etwas in die Enge.
Sie warf einen ängstlichen blick auf Wilhelmi, der denn auch die stimme erhob und sich also vernehmen liess:
'Die Kunst', sagte er, 'sieht wohl nie die Dinge, wie sie sind, hat sie nie so gesehen, und noch weniger in ihrer Reinheit jemals versucht, sie so nachzubilden. Wollte man dies annehmen, so käme man auf jenes System von der Nachahmung der natur zurück, welches denn wieder den Gemälden den höchsten Wert beilegen würde, in welchen sich die getreuste Abschrift der menschlichen Haut mit allen Haaren, Mälern, Warzen und Schrunden zeigt. Diese Wahnmeinungen sind aber abgetan, und man braucht sie kaum noch zu bestreiten.'
'Aber was sieht denn die Kunst, und was versucht sie darzustellen?' fragte jemand.
'Den Geist in der natur', versetzte Wilhelmi, 'oder vielmehr die Form, welche der jedesmaligen Evolution des Geistes draussen in der