zwischen ihnen entschieden. Ihm widerstand zu seiner Zeit kein weibliches Herz, er gab ihren Lippen freilich eine andre Speise als der gute Kommerzienrat, und rührend ist mir gewesen, wie sie mir noch auf ihrem Sterbebette, ungeachtet aller Gewissensskrupel, die ich ihr nicht ausreden konnte, klagte, sie werde, wenn sie noch einmal anfinge zu leben, dieser Liebe sich dennoch wieder ergeben müssen.
Mein Bruder widmete ihr die heftigste leidenschaft; es war das letzte Auflodern seiner natur, die sich noch einmal in ihrer ganzen Flammenpracht zeigen wollte, bevor sie erlosch. Er dachte auf Entführung, sie sollte sich scheiden lassen, und als diese Wünsche an den Bedenken der Tante, welche ihren Ruf über alles schätzte, scheiterten, stürmte er seinen Kummer und Verdruss in der unbändigsten Verschwendung aus. Der Oheim mochte mit stiller Schadenfreude zusehn, wie mein Bruder sich ihm rücksichtslos in den gefährlichsten Verschreibungen hingab, er wusste nicht, welch eine Unruhe es war, die seinen Schuldner trieb, die unerschwinglichsten Zinsen zuzusagen, und wie der Graf sich denn doch anderweit im haus des Bürgers entschädigte.
So gewann Ihr Oheim Geld und Land, und verlor die Frau. Mir, die ich ihn seit dem Beginne dieser Dinge herzlich hasste, war es recht erquicklich, zu sehen, wie der Mann, welcher sonst das Gräschen wachsen hörte und die Sonnenstäubchen zählte, in betreff der nächsten Angelegenheiten taub und blind war. Seine Neigung zu der Tante wuchs, je weiter diese in ihrem Herzen von ihm hinwegtrat, wobei er, echt spiessbürgerlich, auf alle die Zeichen der Entfremdung, welche einem kundigen Auge nur zu offenbar waren, durchaus nicht achtete, sondern vermutlich meinte, sie müsse ihn, weil sie sein angetrautes Weib sei, auch lieben. Als nun endlich nach langem Hoffen und Harren ein Söhnlein erschien, da war des Familienglücks kein Mass und Ziel. Es kommt alles zu seinem Gleichgewichte, und zu seiner Vergeltung; diese Erfahrung tröstet einen, wenn man dem Verlaufe der Sachen in der Welt zusehn muss, ohne glücklich geworden zu sein. Meinen Bruder richtete die Torheit für die schöne Kaufmannsfrau vollends zugrunde, und sein Verderber handelte sich von ihm die Schande ein. Denn selbst die Zession, womit Ihr Oheim unsre Verwandten ängstiget, ist doch nur ein Denkmal der Unehre. Julius wollte auf sein Kind, auf das Kind seiner heimlichen Entzückungen, die Ansprüche auf die Standesherrschaft übertragen, und deshalb stellte er jene Akte dem Titularvater aus."
Hermann fuhr heftig auf. "Das ist nicht wahr!" rief er, sich selbst vergessend, aus.
"Ei, ei, mein Herr", versetzte Teophilie, "eine Lügnerin nannte mich bis jetzt noch niemand. Ich versichre Sie, Ihr Oheim hat so wenig Anteil an seinem sogenannten Sohne Ferdinand, als ich an den Bergwerken von Peru. Wollen Sie mir nicht glauben, so lesen Sie die Liebesbriefe meines Bruders und Ihrer Tante, welche sich in meinem Gewahrsam befinden, und alles, was ich Ihnen erzählen musste, mit vielen schwärmerischen Ausrufungen bestätigen. Sind Sie noch so jung, zu glauben, dass ein Paar Verliebter sich auf die Länge damit begnügt, in den Mond zu sehen, oder Vergissmeinnicht am Bache zu
pflücken?"
"Die Briefe!" rief Hermann. "Das also waren die Briefe, wovon die unglückliche Frau im Försterhause auf ihrem Krankenlager so ängstlich phantasierte! Ich bitte Sie um alles in der Welt, vernichten Sie diese Urkunden der sträflichsten Verirrung, lassen Sie sich von Ihrer Leidenschaftlichkeit gegen meinen Oheim nicht hinreissen, und schonen Sie das Andenken Ihres Bruders, einer Frau, welche Sie ja selbst Ihre Freundin nannten!"
Sie wollte sich seinem Andringen entziehn, und meinte, es sei immer gut, die Waffen in der Hand zu behalten. Allein er liess nicht ab, er wusste so gutmütig zu flehen, und ihr Herz, welches im grund nicht schlecht war, so in Bewegung zu setzen, dass sie endlich mit dem Ausrufe: "Sie sind ein Narr!" nachgab. Er durfte sie in ihre wohnung begleiten, wo beide ein Kaminfeuer entzündeten, und mehrere Pakete Briefe und Billette auf buntem oder goldgerändertem Papier, aus welchem Locken, getrocknete Blumen und Bandschleifen in nicht geringer Anzahl herausfielen, den Flammen opferten. Als das erste Paket verbrannt war, hatte zwar Teophilie Reue verspürt, und die übrigen vor der Vernichtung bewahren wollen, allein sein Eifer siegte über sie, und da er von ihr zuletzt nach manchem weigernden Worte das feierliche Versprechen erhielt, nie ihre Kunde von diesen geheimen Sünden gegen den Oheim benutzen zu wollen, so schien dessen Ruhe wenigstens für diese Welt gesichert zu sein.
Siebentes Kapitel
Hermanns erster gang nach der Rückkehr in die Stadt war zu Wilhelmi. In seinem Quartiere hörte er, dass der Freund zur Meier in das Haus gezogen sei. Dort vernahm er von einem Bedienten einen abermals erfolgten Wechsel der wohnung. Bestürzt meinte er schon, dass sich auch hier unangenehme Dinge ereignet haben möchten, als er Madame Meier im Gespräch mit einigen Handelsleuten die Treppe herabkommen sah. Es wurden Bestellungen gegeben, und die Dame schien in diese Geschäfte so vertieft zu sein, dass sie selbst der Anwesenheit Hermanns eben keine Aufmerksamkeit widmete. Sie rief ihm flüchtig die jetzige wohnung Wilhelmis zu, und sagte bescheiden errötend, dass unter den eingetretnen Verhältnissen eine kurze Trennung schicklich gewesen wäre, und dass ihm der Freund viel zu erzählen haben würde.
Im neuen Quartiere fand er Wilhelmi ebenfalls nicht. Um die