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ja, wie willst du dich nur entschuldigen?"

"Sie kennen meine Absichten", versetzte Hermann gelassen, "und in ihnen liegt meine Rechtfertigung."

"Und warst du der Mann, sie zu realisieren?" fragte der Oheim. "Weisst du, wer du bist, wem du angehörst? Hast du eine Familie? Es besteht alles in der Welt nur durch Ordnung, Häuslichkeit, Bürgertugend; wer dagegen angeht, ist mir verhasst, er sei, wer er wolle. Mit Ehren habe ich mein Haus auferbaut, zu dem ich Cornelien rechne, unsern Kreis hat nie eine vornehme Sünde, nie die Leichtfertigkeit eines grossen Herrn befleckt; still und fleissig, mässig und nüchtern haben wir unsre Tage hingearbeitet, das Unsrige vermehrt. In diesem Lebensgange will ich, bis ich hier an der Seite meiner guten Frau ruhe, verbleiben, und bin entschlossen, von dem, was mir lieb ist, alle Abenteurer, Müssiggänger und Blendlinge fernzuhalten, deren Nähe uns andern doch nur Schaden, Auflösung und Elend aller Art bringt."

"Ihre Vorwürfe sind zum teil ungerecht, zum teil verstehe ich sie nicht einmal", erwiderte Hermann.

"Wohl dir, wenn du mich nicht verstehst; lies die Brieftasche, da wirst du erfahren, was ich meine!" rief der Oheim, und stieg in sein Wägelchen, welches die Burschen herangefahren hatten. Das Wägelchen setzte sich in Bewegung, ohne dass der Oheim zu Hermann ein Wort des Abschieds gesprochen hätte.

Dieser blieb auf einem Steine sitzen, und sah in dumpfer Betäubung den Arbeitern zu, welche das Grabgewölbe austieften. Sein Herz zerrissen tausend widrige Empfindungen, dass alles, was so freundlich sich anzulassen geschienen hatte, nun so hart sich löste.

Er fühlte seine Schulter angerührt und wendete sich. Teophilie stand hinter ihm. "Es ist sonst meine Art nicht, diese Region zu besuchen", sagte sie, "aber da ich vom Tale aus Sie hier so traurig sitzen sah, und den Wortwechsel mit dem Oheim gehört hatte, so trieb mich die Neugierde her. Was hat es mit ihm gegeben?"

"Er beschalt mich ohne Grund, und hielt eine Lobrede der Bürgertugend, von der ich die Veranlassung bei dieser gelegenheit, und an diesem Orte nicht einzusehen vermag", sagte Hermann.

"Bürgertugend!" rief Teophilie spöttisch. "Und fühlt er sich denn so sicher, der ehrenfeste, tugendbelobte Bürgersmann? Es ist ein eigenes Gefühl, eine frohe Genugtuung, seinen Feind in der Gewalt zu haben. Denn es kostet mich nur ein Wort, so fällt dieser aufgespreizte Bürgerstolz, dieses Prunken mit unbefleckter Häuslichkeit zusammen, wie ein Kartenhaus."

Sie wollte sich rasch entfernen, und schien zu bereun, was sie gesagt hatte. Hermann hielt sie zurück. "Abermals vernehme ich Reden aus Ihrem mund, welche mir in Zusammenhange mit Entdeckungen der Mitternacht zu stehen scheinen", sagte er. "Entweder lehren Sie mich diese vergessen, oder geben Sie mir das volle, wenn auch schreckliche Licht."

Sie stutzte. Er erzählte ihr, was er in tiefer Nacht von ihren unbewusst plaudernden Lippen erhorcht hatte. Ihre leichtfertige natur brach in ein herzliches Gelächter aus. "Nun", rief sie, "da sieht man, dass es sogar gefährlich ist, einen Mann im Sarge neben sich liegen zu haben! Was für schönes Zeug hätten Sie da von mir erfahren können! Also ich spreche im Schlafe, das ist etwas, was ich noch nicht wusste, und was mich bestimmen wird, in Zukunft beim Schlafengehn ein Papagenoschloss auf den Mund zu legen, denn nicht immer möchte man so diskrete Wandnachbarn haben."

Er unterbrach diese Reden mit heftig eindringenden Erkundigungen. "Lassen Sie es doch gut sein", versetzte sie, "begnügen Sie sich mit dem, was Sie hörten."

"Nein!" rief er. "Es ist unsre natur, dass wir alles zu ergründen streben bis auf den letzten Schauer des Abgrunds. Es betrifft meine Familie, Sie sind mir die Aufschlüsse, welche ich begehre, schuldig."

"Ungestümer Mensch! Hätten Sie meinen Schlaf nicht belauscht, so erführen Sie doch nichts. – hören Sie denn; die Arbeiter haben Feierabend gemacht, wir sind allein. Ihr Oheim tut nicht wohl, sich an dieser Stelle mit seiner Familienehre zu brüsten, und lächerlich ist es, dass er hier, hier oben ein Monument ehelicher Liebe und Treue mit so vielem Aufwande in Erz und Marmor prunken lassen will, denn hier, gerade hier war es, wo die zärtliche Gattin in linder lauer Mondnacht mit meinem Bruder die ersten leidenschaftlichen Schwüre wechselte, und deshalb hatte die Frau den Ort so lieb; er erinnerte sie an die glühende Stunde, welche die verbotne Wonne ihres sonst armen und traurigen Lebens schuf."

Hermann lag mit dem gesicht auf der Lehne des Stuhls. Teophilie fuhr fort: "Die Tante hatte in halber Kindheit den Oheim heiraten müssen. Sie war ein lebhaftes Mädchen voll Feuer und Einbildungskraft gewesen. Nun, was einem solchen Geschöpfe dieser Herr Gemahl bieten konnte, vermögen Sie so einzusehn. Sie hat mir nachmals, als ich ihre und ihres Verhältnisses Vertraute geworden war, gestanden, dass sie unter den Comptoirbüchern und Zählbrettern des rechnenden Eheherrn oft dem Selbstmorde nahe gewesen sei. Mein Bruder trat mit Ihrem Oheim in Verbindung, er bemerkte die junge, in ihrem Darben anziehende Frau, und von dem Augenblicke an war die Sache