er laut vor sich hin, und lachte und schluchzte, dass die Begegnenden ihm scheu auswichen.
Sechstes Kapitel
Zwischen den Felsen, an Steinbrüchen und Abgründen vorbei, irrte sein Fuss, und es war ihm gleichgültig, wohin er gelangen möchte. Da er des Weges nicht achtete, so war er bald von dem gebahnten Pfade abgekommen, und musste sich durch Dornen und Schlinggewächse auf steilen Klippenstegen weiterarbeiten. Die Anstrengung, welche ihm dies verursachte, die Pein, welche seine hände von den scharfen Dornen verspürten, brachte ihn wieder zum Gefühle seiner selbst, die wildflutenden Gedanken fingen an zu ebben, er war fähig, einen reinen Schmerz über Corneliens Verlust zu empfinden.
Auf einer Höhe angelangt, wo niedriges Brombeergebüsch den Überblick über einen beträchtlichen Raum gestattete, hörte er von weitem ein Geräusch, welches wie Pferdegalopp klang. Obgleich es ihm unmöglich schien, dass jemand auf solchen Felsen reiten könne, so musste er sich doch bald davon überzeugen, denn aus dem gegenüberliegenden Dickicht drang der Kopf eines Rosses hervor, welches der Reiter zu gefährlichen Sprüngen durch diese Einöde anspornte. Wie erschrak Hermann, als er in dem tollkühnen Reiter Ferdinand erkannte. Er rief ihm zu, zu halten; der Knabe aber, als er Hermanns stimme hörte und ihn sah, schien nur noch verwegner zu werden, denn er drückte dem Tiere beide Sporen in die Seiten, dass es in gewaltigem Satze vorwärts schoss, nach der Gegend zu, wo Hermann stand. Es war grauenvoll anzusehn, wie die geängstigte Kreatur, schäumend vor Furcht, und doch grausam vorwärts genötigt, über die nach allen Seiten hin tief zerrissne Klippenhöhe setzte, stolperte, stürzte, und halb schon am Boden liegend, sich immer wieder emporraffte. Endlich an einem senkrecht hinuntergehenden Abhange glitt das Pferd aus, und schoss in die Tiefe. Hermann schloss entsetzt die Augen, und meinte, da er sie wieder auftat, Ferdinands Leiche unten zwischen dem spitzigen Gestein erblicken zu müssen; zu seinem Erstaunen aber sah er diesen unversehrt aus der Tiefe heraufklimmen, während das Pferd unten lag und ächzte. Wahrscheinlich hatten ihn, bügellos geworden, die Gesträuche im Falle aufgehalten, während das Ross, in seiner stärkeren Last von nichts gehemmt, unaufhaltsam hinabstürzte.
Ohne seines beschädigten Tiers zu achten, trat der Knabe mit funkelnden Augen auf Hermann zu. "Du bist bei ihr gewesen? Nicht? Warst du nicht bei ihr? Ihr seid einig!" rief er mit von Zorn erstickter stimme.
"Beruhige dich", versetzte Hermann, "keiner von uns wird sie haben, sie entzieht sich uns beiden."
"Du lügst!" rief Ferdinand. "Habe ich je zu ihr gedurft? Schreckte sie mich nicht immer von den Hügeln mit einem Blicke zurück, vor dem keiner standhalten kann? Mit dem Blicke aus den grossen, glänzenden Augen, die ich blindküssen möchte, dass sie sich von mir leiten lassen müsste, wohin ich wollte. Aber du sollst das nicht so ungestraft tun, du sollst sie nicht haben, und müsste ich dir's in deinem Blute verbieten."
"Dazu kann Rat werden", versetzte Hermann mit kaltem Spott. "Ich habe ein Paar gezogner Lütticher Pistolen zu haus. Komm mit, wir wollen laden, das Mass nehmen, und wer den andern totschiesst, der nehme Cornelien hin."
"Sacht!" rief Ferdinand, indem er sich einige Schritte zurückzog. "Mit dir mich zu schiessen, ist mein einziger Wunsch, aber erst will ich es vom alten Kammerjäger lernen, den ich hier im Gebirg ausfindig machte, und wann ich ein Kartenblatt im Fallen treffe, dann sollst du mir schon Rede stehen."
"Recht", sagte Hermann, "du bist ein echter Kaufmannssohn, willst eine sichre Spekulation auch auf deines Gegners Tod machen. Nun so lerne das Schiessen von deinem alten Kammerjäger, und wenn du es kannst, wollen wir uns weitersprechen."
Er ging. Der Knabe blieb auf den Felsen zurück und überliess sich ganz der Raserei wütender Eifersucht. Mehrere Tage lang blieb er unsichtbar.
Hermann kam in später Nacht erst wieder heim. Er warf sich auf sein Lager, drückte das Haupt in die Kissen, und versuchte zu schlafen, jedoch vergebens.
Welche traurige Tage er nach diesem verlebte, wird jeder mitzufühlen wissen, der die Gewalt reiner Empfindung kennt. Kein wildes Verlangen zog ihn nach Cornelien, es war das lauterste Bewusstsein, dass er in ihr einen Halt für sein zerstreutes, zweckloses Leben finden werde, und darin war er nun so schmerzlich, und wie es schien, für immer gestört. Was sie zu ihrem Verhalten bewege, war ihm unerklärlich. Er suchte nach geheimen Gründen, und der offenbare, welcher vielleicht alles aufgehellt hätte, blieb ihm verhüllt.
Den Oheim sprach er nur noch einmal an der Hügelgruft der Tante. Der alte Mann war über den eigenmächtigen Schritt Hermanns sehr verdriesslich, und seine Stimmung mochte durch die Besorgnis über das wilde Herumtreiben Ferdinands nur noch übler geworden sein. Er barg dem Neffen seine Erbittrung nicht, und dieser hatte alle Selbstbeherrschung, welche ihm die Rücksicht auf Alter und Verhältnis zur Pflicht machte, nötig, um nicht einen schlimmen Auftritt herbeizuführen.
"Du hast das gute Kind erschreckt, das war nicht recht, nicht löblich!" rief der Oheim. "Vor meinem unsinnigen Knaben habe ich sie geborgen, nun kommt ein andrer Störenfried, der auf ihre Ruhe einstürmt! Wie kannst du dich rechtfertigen,