Planen die Rede war, da hörte ich immer nur Ferdinands Namen, und meinen nicht mit. Das hat sich mir tief eingeprägt. Aber man lernt unter solchen Umständen früh, sich selbst helfen, und so jung ich bin, so fühle ich doch, dass ich wohl allein durch die Welt kommen wollte. Das Härteste erfuhr ich in dem Waldhause, wo du uns trafst. Die Mutter begehrte in ihrer Fieberhitze zu trinken, Ferdinand und ich, wir kamen beide mit einem Glase zum Bette, mich wies sie zurück und nahm von Ferdinand das Getränk an. Es war freilich nur Phantasie, aber es kränkte mich doch sehr; ich setzte mich, bitterlich weinend, in eine Ecke. Nicht lange darnach tratest du ein."
Unter solchen Gesprächen waren sie in das Tal hinuntergestiegen. Hermann nahm wahr, dass die Hirten und Melkmädchen, Cornelien, wie sie an ihnen vorüberging, mit einem Ausdrucke grüssten, der an Ehrfurcht grenzte. Ja, eine junge schwarzbraune Dirne, die aus feurigen Augen schaute, sank vor ihr, wie vom Gefühl überwältigt, in die Knie und legte die Hand Corneliens sich auf das Haupt.
Ein Lämmchen kam aus der Herde munter auf Cornelien zugesprungen, und gab durch schmeichelnde Gebärden ein Anliegen zu erkennen. Sie beugte sich zu dem zarten Tiere hinab, nahm ein Milchfläschchen aus dem Busen, und tränkte das geschöpf, welches sich vertraulich an die Knieende anschmiegte, aus der hohlen Hand. Hermann betrachtete mit Vergnügen das reizende Bild. Nachdem sie ihr mildes Geschäft vollbracht, erhob sie sich und sagte: "Das Närrchen hat seine Mutter verloren, und obgleich ein andres mitleidiges Stück der Herde deren Stelle schon oft bei ihm vertreten hat, so sucht es doch immer mich und mein Milchfläschchen, wenn ich mich zeige."
Alles, was Hermann hier sah und hörte, gab ihm das Gefühl eines süssen Friedens, und er malte sich mit Entzücken das Bild der Häuslichkeit aus, welche ihm Cornelie gewähren würde. Denn dass sie nicht länger sich seinem treugemeinten Werben widersetzen werde, war ihm nach dem traulich-liebevollen Empfange, den er hier über alle Erwartung gefunden hatte, gewiss.
Bei der Mahlzeit, die aus den einfachsten Gerichten bestand, war nur noch eine dritte person zugegen, die alte Schaffnerin. Ihre Verneigung, tief und förmlich, verriet die ehemalige Klosterjungfrau, und wirklich war sie es. Sie hatte den Oheim ersucht, ihr dieses Amt zu geben, und er, der jeder Tätigkeit hold war, hatte ihren Wunsch gern gewährt, ihr überdies die Pension gelassen, welche ihre übrigen Schwestern, die hände im Schoss, verzehrten.
Obgleich auch durch den Oheim aus dem gewohnten Lebenskreise vertrieben, gehörte sie wenigstens nicht zu seiner Gegenpartei, und bildete durch ihre Reden einen anmutigen Kontrast mit Teophilien. Sie verhehlte gar nicht, dass sie schon im Kloster sich zu den Freidenkerinnen geschlagen habe, und dass ihr die Erlösung aus der Klausur herzlich willkommen gewesen sei. Sie wusste hundert lächerliche Geschichten von den kleinen Intrigen jenes Zwangszustandes zu erzählen, und wie die Nonnen sich die lange einförmige Zeit durch allerhand seltsame Spielereien verkürzt hätten.
"Einer dieser Zeitvertreibe", sagte sie, "war das Spiel mit dem Jesulein. Jede der Klosterschwestern hatte so ein Püppchen in der Zelle, welches sie auf das köstlichste aufputzte, alle Abende entkleidete, und mit zu Bette nahm. Man nährte es, wartete es ab, behandelte es völlig wie ein lebendes Kindlein. Wenn dann die Nonnen zusammenkamen, so erzählte eine jede, wie klug ihr Jesulein sei, der einen ihres konnte schon lesen, ein andres lernte das Zimmerhandwerk, ein drittes hatte der Mutter die Brust wund gesogen, dass sie Umschläge auflegen müssen, und was der Possen mehr waren. Die Äbtissin sah der Sache lange nach, endlich hielt sie sich doch in ihrem Gewissen verbunden, die fromme Tändelei dem Beichtvater zu entdecken, durch den es vor den Bischof kam. Dieser traf plötzlich eines Tages im Kloster ein, hielt eine strenge Visitation und predigte scharf gegen Profanation der heiligen Dinge, worauf denn die Jesulein abgeschafft werden mussten, und wir nicht mehr die Mütter Gottes spielen durften. Einige Schwestern behaupteten aber nach diesem Verbote ganz treuherzig, das Milchfieber zu haben."
Cornelie hatte bei dieser und andern derartigen Plaudereien still und schweigsam gesessen. Höchst wohltuend war ihm die Sitte und Ordnung, welche, im Gegensatze zu des Oheims Tafel, an diesem kleinen Tische herrschten. Servietten und Tücher waren zierlich gefältelt, Schüsseln und Teller symmetrisch gestellt, die Magd, welche aufwartete, und dies Geschäft flink und geschickt verrichtete, säuberte nach jedem Gerichte Messer und Gabeln.
"Wo hat sie das gelernt?" fragte Hermann die Schaffnerin, als Cornelie sich nach Tische auf einige Augenblicke entfernte.
"Es muss ihr so angeboren sein", versetzte die Alte. "Bei dem Oheim hat sie alles das freilich nicht absehn können, und die selige Tante verstand auch nicht, diese Zierlichkeit in die alltäglichen Dinge des Hauswesens zu bringen. Ich aber hatte hier mehrere Jahre lang einsam gehauset, und wenn man für sich allein ist, hat man auf dergleichen nicht acht. Sobald sie herkam, fing sie an, es so einzurichten, und in kurzer Zeit hatte sie jeden an diese Akkuratesse gewöhnt. Überhaupt ist mir das Kind ein rechter Segen in der Meierei. Vorher ging es zwischen den Hirtenknaben und den Mägden wild und liederlich zu; und seit sie hier ist, hat sich auch das gegeben