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, nur noch so fortbrütet. Die Eltern haben ihn aus dem haus und zu guten Leuten getan, welche ihn verpflegen und am Morgen bei hellem Wetter in die Sonne setzen, wo er dann, ohne sich zu bewegen, oder zu sprechen, den Tag über sitzen bleibt.

Der Gram über dieses Geschick warf die Mutter auf ein Krankenlager, von dem sie nur langsam, schwer, erstanden ist. Der Unglückliche hatte den Stoff so mancher Ansteckung in die Familie gebracht, die wirkung seines Aufentalts ist die übelste auf die jüngeren Knaben gewesen. Zwischen den Konrektor und Wilhelminen trat er wie ein Gespenst; sie gaben einander nach heftigen Zwistigkeiten ihr Wort zurück, und der Verlobtgewesene hat sich einen andern Wohnort gesucht. Kurz, diese Vorfälle bestätigen die Lehre, dass keiner heimkehren muss, wenn er nicht mehr vermisst wird."

"Sie bestätigen noch eine andre Lehre!" rief Hermann sehr traurig aus. "Man soll die hände in den Schoss legen, und nichts für andre sinnen und tun; dann ist man sicher, dass man ihnen nicht schadet. Was in der reinsten Absicht geschieht, bringt Tod und Verderben, und wer seinen Nebenmenschen aus dem wasser zieht, kann ihn dabei erdrücken."

Fünftes Kapitel

Er hatte gehört, dass Cornelie sich auf einer kleinen Meierei, unweit der Fabrikbesitzungen befinde, wo sie die Molkenwirtschaft lerne. Dortin war sie vom Oheim gesendet worden, um die täglichen Berührungen zwischen ihr und Ferdinand zu hindern, welche nach der Rückkehr des Mädchens bei dem Knaben einen immer leidenschaftlicheren Charakter angenommen hatten. Ohne selbst recht zu wissen, was er beginnen wollte, und ungeachtet er dem Oheim das Wort gegeben hatte, nichts in dieser Sache eigenmächtig zu unternehmen, befand er sich eines Tages kurz nach den erzählten Vorfällen auf dem Wege zur Meierei. Dieser führte ihn an schroffen Felsen und bebüschten Hügeln vorbei, bis endlich im anmutig grünsten Wiesentale sich das reinliche, rot und weiss angestrichene Gebäude zeigte. Schönes, saubergehaltenes Vieh graste auf dem samtnen Rasen umher; unter niedrigem Gesträuch, zwischen Gitterwerk eingehägt, scharrte und pickte allerhand Geflügel; hübsche kräftige Mägde gingen mit ihrer Marktladung auf dem haupt durch das Tal den umsäumenden Hügeln zu; der blauste Himmel spannte sich über der friedlichen Szene aus.

Hermann betrat das Haus, in welchem ihm der frische Molkengeruch entgegenduftete, mit einiger Beklemmung, da er von der Zusammenkunft mit Cornelien einen heftigen und ängstlichen Auftritt besorgte. Niemand begegnete ihm, und so ging er auf das Geratewohl nach einem Gemache, in welchem er ein Geräusch vernahm. Die tür öffnend, sah er Cornelien bei der ländlichen Arbeit in Gesellschaft der Schaffnerin und einiger Dienerinnen.

"Ich bin es, Cornelie, erschrecken Sie nicht!" sagte er. "Warum sollte ich erschrecken?" versetzte sie unbefangen. "Ich habe Sie längst erwartet, da ich wusste, dass Sie bei dem Oheim waren."

Sie wies ihn nach ihrem Zimmer und bat ihn, dort allein zu verweilen, bis ihre Arbeit, welche sie nicht aufschieben könne, getan sei. Er ging durch das Haus, welches von holländischer Reinlichkeit glänzte, betrat das Stübchen, und sah sich dort von dem lieblichsten Bilde der Ordnung angelächelt.

Nicht lange, so erschien Cornelie. Sie reichte ihm von freien Stücken die Hand, begrüsste ihn mit dem traulichen Du, und da er, von ihrer Lieblichkeit bezwungen, seine Lippen den ihrigen näherte, duldete sie, ihm zum Erstaunen, seinen Kuss. "Warum bist du so lange ausgeblieben?" fragte sie. "Du warst in meiner Nähe und ich erwartete dich täglich."

Hatte er sich vor Zwang und peinlichem Wesen gefürchtet, so setzte ihn dieser unbefangne Empfang noch mehr ausser Fassung. Um sich zu sammeln, bat er sie, mit ihm einen Spaziergang zu machen, was sie gern gewährte. Sie führte ihn auf einen Hügel, von welchem er den Überblick über das ganze Tal hatte. Man sah nur dieses, und nirgends sonst menschliche Wohnplätze, weil die Turmspitzen der benachbarten Ortschaften sich alle hinter den vorspringenden Hügeln verbargen. Hiedurch erhielt die Gegend etwas unglaublich Stilles und Einsames. Dieser Eindruck wurde noch dadurch vermehrt, dass hier seit Menschengedenken nur das einfachste Geschäft, die Viehzucht betrieben worden war, das Geschäft, welches dem Boden die wenigsten Spuren menschlichen Verkehrs aufprägt. Denn das Tier wandelt da und dort über den Anger, sein Schritt furcht ihm keine Strasse ein, und was sein Zahn abrupfte, ist in wenigen Wochen wieder nachgewachsen.

Hermann, der das heitre, lebenskräftige Mädchen neben sich in dieser Abgeschiedenheit ansah, fragte sie, ob ihr diese, und ihre einförmige Beschäftigung nicht doch bisweilen zuwider werde?

"Niemals", versetzte Cornelie. "Bin ich nicht eine Waise? Ist mein Los ein andres, als dienstbar zu sein? Ich muss dem Vater herzlich danken, dass er mir gelegenheit bietet, die hände zu rühren. Und dann fällt unter den Kühen und Schafen auch so manches vor, was immer Abwechslung gibt. Da entsteht Zank und Eifersucht, Versöhnung nebst allerhand Geschichten, wie unter den Menschen.

Es ist ein trauriges Schicksal, keine Eltern zu haben", setzte sie ernster hinzu. "Dein Oheim und deine Tante wollten mich es nie fühlen lassen, und doch konnte ich es wohl merken. Ich kann nie vergelten, was sie an mir getan haben, und doch bin ich immer dessen mir bewusst gewesen, dass ich niemand angehörte. Wenn von der Zukunft, von ihren