Besitzungen kaum noch etwas. Die Sache ist mehr für meine Direktoren, welche noch vorwärts wollen. Ich werde nur Last und sorge von diesen Schollen haben.
Zudem", sagte er schwermütig, "für wen sammle ich?"
Diese Worte bezogen sich auf eine Verlegenheit, welche dem Oheim in seinem eignen haus erwachsen war. Sein einziger Sohn Ferdinand, von dem er natürlich nichts heisser wünschen konnte, als dass er der Erbe seines Sinnes werden möchte, zeigte, sobald er sich zu entwickeln begann, auch nicht die mindeste Neigung zu dem, was eine solche Hoffnung rechtfertigen durfte. Alles Stillsitzen war ihm zuwider; es kostete unendliche Mühe, ihm die Elemente der Rechenkunst beizubringen, die Maschinen, zu denen er früh geführt wurde, damit er Geschmack an ihnen bekomme, waren ihm lächerlich und widerwärtig. Er schlich sich heimlich zu den Werken, verdarb manches schadenfroh, und hatte einmal durch ein geschickt eingeworfnes Hemmnis eine Dampfpresse gewaltsam zum stehen gebracht, dadurch aber beinahe den Mechanismus zerstört.
Hingegen war es seine leidenschaft, die gefährlichsten Orte zu erklettern. Seine ersten Spiele waren Soldatenspiele; er hatte bald eine Kompanie Knaben zusammengetrieben, welche er zum Erstaunen eines durchreisenden Offiziers völlig regelrecht einexerzierte, obgleich er die Handgriffe nie gesehen hatte. Als er heranwuchs, war ein Pferd sein dringendstes Verlangen, und der Vater, der für dieses ihm nach langer kinderloser Ehe spätgeborne Kind die weichste Zärtlichkeit hegte, konnte sich nicht entbrechen, ihm eins anzuschaffen. Nun entband sich erst die ganze natur des Knaben. Der Sattel war ihm lästig, er schied ihn von dem Geschöpfe, mit dem er in eins zusammenzuwachsen sich sehnte. Den Bauchgurt zerschneidend, schwang er sich auf den nackten rücken des Tiers, umfasste dessen Hals zärtlich, und liess sich von ihm über Stock und Stein tragen. Das alles hatte er insgeheim vorbereitet, denn es zeigte sich in ihm eine merkwürdige Vermischung von Schlauigkeit und verwegnem Mute. Dem Oheim sträubten sich vor Entsetzen die Haare, als er von dem tollkühnen Ritte hörte. Er wollte dem Knaben das Pferd wieder wegnehmen lassen, aber da erfolgten so heftige Ausbrüche der Wildheit, dass man für seinen Körper besorgt wurde, und ihn lieber dem Geschick überliess, welches dem Unerschrocknen nicht selten günstig ist.
Späterhin verfiel er auf das Schiessen, wogegen aber der Vater sich mit Festigkeit erklärte, so dass Ferdinand von dem ungestümen Verlangen nach Pistolen und Flinten wenigstens scheinbar abstand.
Gleichwohl sah der Oheim die Wiederholung eines alten Unglücks in seiner Familie voraus, sah voraus, dass der Sohn zerstreuen werde, was der Vater gesammelt; und diese trübe Besorgnis wirkte dazu mit, die Fäden seines Daseins abzunutzen.
Um das Seinige zu tun, hatte er die beiden Schulmänner zu einer Beratung über das Erziehungssystem, welches in betreff des Knaben zu verfolgen sein möchte, einladen lassen. Man kann aber denken, dass deren Gutachten ihm wenig genügten, da ihre Meinungen nur beschränkt und einseitig waren, und seinem scharfen verstand einleuchten musste, dass die Mittel, welche sie vorschlugen, und welche einander noch dazu widersprachen, gegen eine entschiedne Richtung der natur nichts verfangen würden.
Hermann hatte von dem Edukationsrate einen teil der obigen Notizen eingezogen.
Sprach er mit Teophilien, die er oft des Abends besuchte, von dieser Angelegenheit, so machte sie ein zweideutiges Gesicht. Sie war recht eigentlich zur Plage des Oheims im schloss zurückgeblieben. Er empfand eine sonderbare Furcht vor ihr, wich ihr aus, wo er nur konnte, und hätte viel darum gegeben, wenn mit ihr die letzte Erinnerung an den ehemaligen Besitzer verschwunden wäre. Zu dem Ende hatte er ihr bedeutende Summen anbieten lassen, wenn sie ihren Wohnsitz verändern wolle; welches aber immer höflich von ihr abgelehnt worden war.
Eines Tages brachte Hermann die Sache gegen sie zur Sprache, und fragte in schonenden Wendungen, warum sie einen Ort nicht verlasse, der ihr unmöglich angenehme Gefühle erwecken könne?
"Lieber", versetzte Teophilie, "Sie kennen das Unglück nicht. Wenn Sie wüssten, was es heisst, vom Erbe verdrängt worden zu sein, nicht mit Gewalt und Übermacht, das wäre leidlicher, nein! auf stillem, rechtlichem Wege, mit erlaubtem Wucher, mit zulässiger Geschäftskunst, Sie würden mich nicht so fragen. Ihr Oheim hat meinen Bruder zerstört, verführt, zerrüttet und ich bin die Schwester des Grafen Julius. Er besitzt unsre Schlösser, gönne man uns nur noch, wie jene Frau sagt, ein Grab bei den Gräbern unsrer Ahnen! Hier sind meine Erinnerungen, dieser Schmerz füllt mein Leben aus, es hätte seinen Inhalt verloren, wiche ich von hinnen. Nein, es bleibe bei der Übereinkunft, die mein Bruder bei dem Verkaufe der Güter machte, dass ich hier zeitlebens wohnung, und nach dem tod auch Unterkommen im Erbbegräbnis finden solle. Ich bin die Hüterin der Rasensitze, der Pavillone, aller der Plätze, die unsre muntren Feste sahn, sie verwildern, verwittern, veralten, wie ich; ein geheimes Band der Sympatie schlingt sich von ihnen zu mir, ich muss es ehren."
Hermann wunderte sich über die Erhebung, womit Teophilie sprach. Dieser Ton war ihr sonst nicht eigen, sie pflegte leicht, ja leichtfertig zu reden, aber sie geriet, wie er nunmehr öfter wahrnehmen konnte, jedesmal in jenen Schwung, wenn sie an das Unglück ihres Hauses dachte. Aus hingeworfenen Reden liess sich schliessen, dass sie ein Geschick ahne, welches den Oheim ganz daniederwerfen werde, und leider schien sie sich