, dem Menschen zuschlagen, sah Hermann in diesem Gebirge oft im härtesten Gegensatze. Während er hinter den Pflügen Gesichter erblickte, die von Wohlsein strotzten, nahm er bei den Maschinen andre mit eingefallenen Wangen und hohlen Augen wahr, deren Ähnlichkeit die Brüder oder Vettern jener Gesunden erkennen liess.
Die Amtleute und Richter klagten sehr über die Vermehrung der Frevel, besonders gegen das Eigentum, seit die Gegend eine so veränderte Gestalt angenommen habe. In den Schleifereien und Erzschmieden griff man jetzt bei der leichtesten Zänkerei gleich zum Messer.
Wenn er mit diesem Zustande das Leben auf dem schloss des Herzogs verglich, so fühlte er sich nur noch unbehaglicher erregt. Es ist wahr, hier gehörte alles tätig der Gegenwart an, und dort zehrte man von Erinnerungen, bestrebte sich umsonst, der Vergangenheit neues Leben einzuhauchen, aber jene Örtlichkeiten und ihre Bewohner erzeugten doch in der Seele eine Stimmung, während er hier vergeblich danach rang, den Knäuel der dumpfen und niederdrückenden Wirklichkeit sich zum Gespinste zu entfalten. Entschieden war es ihm: wenn diese Bestrebungen weiter um sich griffen, so war es in ihrem Umkreise um alles getan, weswegen ein Mensch, der nicht rechnet, leben mag.
Der Sinn für Schönheit fehlte hier ganz. Die Stunde regierte und die Glocke; nach deren Schlage füllten und leerten sich die Arbeitsplätze, traten die Träger ihre täglichen Wege immer in der nämlichen Richtung an, versammelten sich die Hausgenossen zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten. Bei diesen griff ein jeder nach englischer Manier zu, wo es ihm beliebte; der Reihenfolge der speisen achtete man wenig, da sie fast sämtlich zu gleicher Zeit aufgesetzt wurden. Keine aufwartenden Diener; eine Magd, welche ziemlich ungeschickt war, nahm Teller und Schüsseln weg, oder liess sie auch wohl stehen, wie es sich eben traf. Auf niemand wurde gewartet; verspätete Ankömmlinge setzten sich, kaum grüssend und begrüsst, nieder, und holten in Hast das Versäumte nach.
Alle diese Unsitten waren für jemand, der in den letzten zwei Jahren in der besten Gesellschaft gelebt hatte, sehr empfindlich. Lästig fiel Hermann, welcher das wasser nicht vertragen konnte, auch die Entbehrung jedes sonstigen Trinkbaren bei Tische. Der Oheim hatte nämlich die Laune, seine Tafel nur mit eignen Produkten besetzt sehen zu wollen. Hinsichtlich der speisen tat dies der Güte des Mahls keinen Abbruch. Die Meiereien lieferten das saftigste Fleisch, die Gärten das zarteste Gemüse und die schönsten Früchte, die Weiher gaben schwere Karpfen und Hechte her. Allein mit dem Getränke verhielt es sich anders. Man braute hier ein sogenanntes Ale, und presste aus Äpfeln und Birnen Cider. Nur diese Getränke kamen in geräumigen Flaschen auf den Tisch, wurden aber selbst von den daran Gewöhnten nur mit Zurückhaltung genossen. Hermann versuchte von beiden, bekam jedoch von dem Ale Kopfweh mit Schwindel verbunden, und wurde nach dem Genusse des Ciders von einem heftigen Erbrechen befallen, so dass er seitdem lieber Durst litt, als so schlimmen Einwirkungen abermals sich aussetzte.
In den Zimmern sah es verworren aus. Meubles vom teuersten Holze mit schwerer Vergoldung standen neben tannenen Kommoden und Tischen, überall fehlte etwas, oder vielmehr der Widerspruch trat allerorten hervor; ehemalige bürgerliche Einfachheit und neu erstrebte Pracht lagen miteinander in Streit. Wertvolle Gemälde, welche der Oheim in den damals aufgekommenen Kunstverlosungen erworben hatte, hingen in dunkeln Winkeln, meistens uneingerähmt, während geschmacklose kolorierte Kupferstiche in kostbarer Einfassung an den hellsten Stellen der Wände prunkten.
Zwischen diesem Ungeschick und verdriesslichen Wesen blickte nur ein rührender Zug durch, des Oheims Liebe zu den Pflanzen. Für sie hatte er den feinsten Sinn, niemand verstand so, wie er, die Gruppen der Blumen, Stauden und Bäume zu ordnen; die kundigsten Landschaftsgärtner hätten von ihm lernen können. Unter seinen Gewächsen musste man ihn sehen, wenn man sich überzeugen wollte, dass die natur keinem Menschen irgendeine zum Ganzen der Seele notwendige Richtung versagt. Diese Neigung und die Liebe zu seiner Familie waren die schönen menschlichen Eigenschaften des merkwürdigen Mannes. Täglich sah ihn Hermann in seinem Wägelchen durch die Anlagen fahren, und stundenlang oben im Gartenhause, oder bei der Gruft der Tante verweilen, deren Schmückung ihm die liebste Beschäftigung geworden war. Aus manchen Äusserungen ging hervor, dass seine Gedanken ebenso oft bei der schlafengegangenen Gattin, als bei den irdischen Dingen verweilten.
Viertes Kapitel
Von der Vergrösserung dieser gewaltigen Besitzungen durch die Standesherrschaft wurde unter den Geschäftsleuten des Oheims, wie von einer ausgemachten Sache gesprochen, obwohl Hermann nicht begreifen konnte, worauf sich, da der Adelsbrief der Ahnfrau aufgefunden worden war, diese Zuversicht stützte. In den Gesprächen jener Männer, welche, wie wir wissen, bei der Ausdehnung und dem erhöhten Schwunge der Geschäfte selbst beteiligt waren, traten weitgreifende Plane hervor, wie jene Güter zum Fabriknutzen umgewandelt, oder zerstückelt werden sollten, so dass dem gast, dessen Erinnerungen sich noch mit Vorliebe dortin wandten, übel zumute ward. Einmal traf er den verdächtigen Amtmann vom Falkenstein bei dem Oheim, der ihm wieder die höhnisch freundlichen Blicke zuwarf, über welche Hermann schon auf dem schloss des Herzogs verdriesslich geworden war.
Der Oheim liess sich über diese Angelegenheit noch gleichgültiger als früher vernehmen. Seinen Adelshass verriet er zwar auch jetzt wieder, und wiederholte mit Lebhaftigkeit die Meinung, dass es an der Zeit sei, das Eigentum aus den Händen derer, welche es nicht zu benutzen verständen, in fleissigere übergehn zu lassen. "Allein mir für meine person", fügte er hinzu, "liegt an dem Erwerbe der mir zedierten