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mich durch die Anlagen begleiten?"

Hermann half ihm in den Wagen, und das Gespann setzte sich in Bewegung. Der Oheim liess sich durch seinen Blumengarten fahren, welcher von der geschmackvollsten Auswahl und sorgfältigsten Pflege zeugte. Bei den schönsten Exemplaren musste der Wagen stillhalten, der Oheim hob die Kelche mit leiser Hand auf, und senkte seinen sehnsüchtigen blick in ihre bunte Tiefe, oder sog den Wohlgeruch verlangend ein. Zwischen dieser zarten Beschäftigung fuhr er fort, den Neffen über Handels- und Gewerbsverhältnisse zu unterrichten.

Auf einer Anhöhe, welche die eigentlich botanische Region bildete, stand ein Gartenhaus, worin die Bibliotek befindlich war, die zu solchem platz sich eignete. Der Oheim stieg aus, nahm ein Werk zur Hand und schlug darin etwas nach.

In einiger Entfernung, an der Abdachung des Hügels sah Hermann Leute beschäftigt, und ging, da der Oheim bei seiner Lektüre blieb, zu ihnen. Man hatte eine Wand des Hügels mit künstlichem Fels umsetzt, zwischen dessen Spalten Rhododendren und andre Staudengewächse blühten. In der Mitte öffnete sich dieser Felsen zu einem Gewölbe, dessen Ausmauerung die Arbeiter beschäftigte.

Hermann vernahm auf Befragen, dass das Gewölbe bestimmt sei, die Reste der Tante aufzunehmen, welche der Oheim nur vorläufig im Erbbegräbnisse des Schlosses habe niedersetzen lassen. Dieser Platz aber sei zu ihrer Ruhestätte erwählt worden, weil sie denselben vorzugsweise geliebt habe.

Wirklich hatte man von dort die reizendste Aussicht. Gerade aus der Tiefe, beinahe senkrecht ihr gegenüber, stieg ein mächtiger Fels auf, den eine schöne frische Wiese, von klaren Quellbächen befeuchtet, umgrünte, hinter demselben erhob sich die Waldhöhe, von welcher das Schloss stolz herabblickte. Das Maschinenwesen war nach dieser Seite noch nicht vorgedrungen. Man sah auf Berg und Tal, wie sie Gott geschaffen hatte.

Was Hermann von den Marmoren, die weiter geschafft würden, von den prächtigen Gusseisenarbeiten, die der Oheim bestellt habe, vernahm, überzeugte ihn, dass Gattenliebe hier das kostbarste Mausoleum gründen wolle. Sich selbst hatte der Oheim in dieser Gruft auch die letzte Rast bestimmt, wie die Arbeiter sagten.

Er sass noch bei sinkendem Abend, und lange nachdem die Leute den Platz verlassen hatten, an dieser ernsten Stätte. Dachte er an die Erzählung aus Teophiliens Schlafreden, so musste er wünschen, geträumt zu haben; denn hatte sie wirklich gesprochen und die Wahrheit gesagt, so erschien der ganze Zustand der armen Menschen ihm unselig hohl und lügnerisch.

Drittes Kapitel

In den folgenden Tagen durchstreifte er mit einem erfahrnen Führer, welchen der Oheim ihm beigegeben hatte, die Gegend, und besah die Fabriken. Fast alle Zweige dieser Art menschlicher Tätigkeiten hatten sich hier im Umkreis weniger Stunden abgelagert. Man musste wirklich über den Geist des Mannes erstaunen, der in verhältnismässig kurzer Zeit eine ganze Gegend umzuformen verstanden hatte. Aus einfachen Landbauern waren Garnspinner, Weber, Bleicher, Messer- und Sägenschmiede, Glasbläser, Töpfer, Vergolder, ja sogar Zeichner und Maler gemacht worden.

Als er sich bei einigen Vorstehern nach den Mitteln erkundigte, welche diese Verwandlung bewerkstelligt hatten, sagten sie, dass nichts leichter gewesen sei. Man habe von fernher geschickte Leute des Fachs kommen lassen, welche ihre Kunststücke anfangs wie zum Scherz auf Tanzböden und in Schenkstuben vorgewiesen hätten. Alsobald sei der Nachahmungstrieb, besonders bei den jüngeren Leuten, rege geworden, da man denn hauptsächlich auf die zweiten und dritten Söhne der Hofesbesitzer Augenmerk genommen habe, welche, zum Dienen bestimmt, unzufriednen Geistes, sehr froh gewesen wären, einen lohnenderen und ehrenvolleren Erwerb zu finden.

"Auf diese Weise", sagten die Vorsteher, "hatten wir in wenigen Jahren aus den Bewohnern der Gegend selbst unsre Pflanzschule herangebildet. Nun sind von den damaligen Lehrlingen die Geschicktesten schon wieder als Lehrer in die Fremde gegangen. Es ist zugleich hier ein neues Geschlecht entstanden, ein Mittelstand neben der bäuerlichen Aristokratie, ähnlich den englischen Verhältnissen. Der Erstgeborne erbt den Hof, und wird nach dem hof benannt, setzt also auch eigentlich allein die Familie fort, die andern Söhne und die Töchter gehen in die Fabriken, und legen sich in der Regel von ihrer Beschäftigung neue Namen bei, gegen das Zeugnis des Kirchenbuchs, und ohne dass die Verbote der Obrigkeit, welche daraus allerhand Verwirrungen befürchtet, etwas fruchten wollen."

Musste Hermann diesen Ausweg für eine Menge durch die Geburt hintangesetzter Menschen sehr erspriesslich finden, und sah er auf allen Maschinenstätten, in jedem Lager und Speicher die grösste Ordnung und Nettigkeit, wurde es ihm hier recht klar, welch ein grosses Ding das Geld, und ein diese Weltkraft bewegender verständiger Geist sei, so fehlte auf der andern Seite viel, dass ihn alle die nützlichen und lehrreichen Anschauungen, welche er auf dieser Wanderung einsammelte, erfreut hätten. Vielmehr empfand er einen tiefen Widerwillen gegen die matematische Berechnung menschlicher Kraft und menschlichen Fleisses, gegen die Verdrängung lebendiger Mittel durch tote, und er konnte dieses Gefühls nicht Herr werden, so bedeutende Resultate er auch vor Augen sah, so grosse achtung er vor dem Oheim und seinen Helfern haben musste.

Abschreckend war die kränkliche Gesichtsfarbe der Arbeiter. Jener zweite Stand, von welchem die Vorsteher geredet hatten, unterschied sich auch dadurch von den dem Ackerbau Treugebliebenen, dass seine Genossen bei Feuer und Erz oder hinter dem Webstuhle nicht nur sich selbst bereits den Keim des Todes eingeimpft, sondern denselben auch schon ihren Kindern vermacht hatten, welche, bleich und aufgedunsen, auf Wegen und Stegen umherkrochen. Wie die beiden Beschäftigungen, die natürliche und die künstliche