sagt wieder Schmeicheleien eigner Art!" rief der Herzog. "Weil wir zu geistlos sind, miteinander zu reden, müssen wir spielen."
"Ich verwahre mich gegen alle besondren Auslegungen, gnädigster Herr", versetzte Wilhelmi. "Sie wissen, dass es meine Schwachheit ist, gern im allgemeinen zu reden. Und das darf ich denn doch wohl behaupten, dass unsre deutsche Gesellschaft meistenteils ein wunderbares Gesicht macht, welches nicht schöner geworden ist, seitdem man die Tische mit den Markenkästchen entfernt, und an ihre Stelle die Musikpulte und die Lesebrettchen geschoben hat. Sonst kam man zusammen, ganz einfach und aufrichtig, ein Spielchen zu machen, man freute sich auf seine Partie, der Abend wurde dadurch kürzer, späterhin gelang wohl ein heitres Gespräch an runder vertraulicher Tafel. Jetzt strömt das Verschiedenartigste in die erleuchteten Säle, Menschen, die keinen Ton leiden mögen, die man, wollten sie aufrichtig reden, mit Gedrucktem und Geschriebnem, wer weiss wie weit, jagen könnte, Leute, die an nichts Wissenswürdigem einen wahren Anteil nehmen, dieser bunte Jahrmarkt flutet zwischen Musik, Vorlesen und sogenannter geistreicher Unterhaltung hin und her, mit erlognem Interesse, mit scheinbarer Erhebung. Jeder Vernünftige, welchen sein Unstern in dieses Getreibe wirft, seufzt im stillen:
,Ach! ständen doch die Kartentische erst wieder da!' Ich erinnre mich von meiner letzten Geschäftsreise eines solchen Festes. Ein alter General, dem man die Pein ansehen konnte, sass traurig in einer Fenstervertiefung, und klagte, sich unbelauscht glaubend, in seinem eigentümlichen Deutsch über die verwünschte Bücher- und Singemode. Gleich darauf war ein Hauptaktus beendigt; ein geckenhafter Mensch trat an den Gelangweilten hinan, und der alte Degenknopf musste sich nun zwingen, in den Entusiasmus des Windbeutels einzustimmen."
"Welche Predigt!" rief die Herzogin. "Was dergleichen kleine Torheiten nur gross schaden!"
"Was sie schaden?" sagte Wilhelmi. "Ich glaube, dass sie mit dazu beitragen, den Zustand allgemeiner Heuchelei hervorzubringen, der recht eigentlich das Kennzeichen unsrer Zeit ist. Wir Deutschen sind ein häusliches und bürgerliches Volk, ehrwürdig durch einen einfachen Sinn, durch gesunden Menschenverstand. Was man Geist nennt, ist nur das Erbteil einzelner, nicht der Nation. Am allerwenigsten kann man sagen, dass das Gefühl für das Schöne bei uns so häufig verbreitet sei, als man jetzt sich und andern einbilden will. Wir sind und bleiben Barbaren, und wollen die Musen und Grazien, wie jener König in Phokis, immer gleich einsperren, wenn sie ja einmal bei uns einkehrten. Darum wiederhole ich: Ständen doch die Kartentische erst wieder da!"
"Und vergessen, dass Sie an einem sitzen"; sagte der Herzog. "Sie hätten längst mischen sollen. Dieses Schelten auf die Zeit, auf unsre Zeit! Gehören Sie denn nicht auch zu ihr, Sie mit Ihren trüben Ansichten eben recht zu ihr? Es ist charakteristisch, dass wir immer von der Zeit reden, von unsrer Zeit. Wo fängt sie denn an, und was hat sie eigentlich so Besondres, wenn wir einmal ganz auf den Grund gehen wollen?"
"Sie spielt Komödie, wie keine andre", sagte Wilhelmi. "Die alten Jahrhunderte haben uns ihre Röcke hinterlassen, in die steckt sich die jetzige Generation. Abwechselnd kriecht sie in den frommen Rock, in den patriotischen Rock, in den historischen Rock, in den Kunstrock, und in wie viele Röcke noch sonst! Es ist aber immer nur eine Faschingsmummerei, und man muss um des himmels willen hinter jenen würdigen Gewändern ebensowenig den Ernst suchen, als man hinter den Tiroler- und Zigeunermasken wirkliche Tiroler und Zigeuner erwarten soll. Was aus unsrer Jugend, die so recht vom geist der Gegenwart durchsogen ist, werden mag, ist in der Tat schwer abzusehn. So ein junger Mensch von heute steht im vierundzwanzigsten Jahre fertig da, alles ward ihm leicht und mundrecht gemacht, im Fluge hat er den Schaum von der Oberfläche der Dinge abgeschöpft. Dass der Mensch nur durch Erfahrung, unter Arbeit und Not zu irgendeiner Erkenntnis gelangen kann, dass man durch das Kleine sich lange Jahre hindurchwinden muss, bevor man das Grössere zu verstehn imstande ist, dass nur das wahrhaft besessen wird, was errungen, ermüht und erlitten wurde, wer möchte dergleichen Dinge jetzt aussprechen? Die wohlfeilen Kommunikationsmittel fördern den jungen Weisen in reissender Schnelligkeit durch alle land, er ist durch den Vatikan gestrichen, nun ward er ein Kunstkenner, er hat den Tunnel angesehn, seitdem versteht er sich auf Mechanik. Benjamin Constant sprach mit ihm ein paar höfliche Worte – der Politiker war ausgebrütet. Bescheidenheit, Gehorsam, Unterordnung, Zweifel an der eignen Unfehlbarkeit sind ihm Ammenmärchen, Grossmutterschwächen. Überall und nirgends zu haus, kehrt er zurück ins Vaterland, ein Riese an Sicherheit, der aber bei jedem Schritte ausgleitet, kluge Reden hält er über gute Lebensart ..."
Ein herzliches lachen unterbrach den schwarzgalligen Redner. "Daher der Zorn!" rief die Herzogin. "Der arme Hermann! Sie haben doch ein rachsüchtiges nachtragendes Gemüt, Wilhelmi!"
Währenddem der Herzog den Spott seiner Gemahlin fortsetzte, wurde ein Billet an Wilhelmi abgegeben. Dieser wollte es ungelesen einstecken. "Öffnen Sie doch, es könnte etwas Eiliges sein", sagte der Herzog. Wilhelmi brach auf und rief:
"Von unsrem Abenteurer!" Er las folgende Zeilen:
"Es ist mir eine unerträgliche Empfindung, in dem hohen und