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warf entrüstet die Serviette auf den Teller und rannte hinaus. Der Oheim schickte ihm einen zornigen und kummervollen blick nach.

Nachdem die Verlegenheit, welche durch diesen unzweideutigen Auftritt entstanden war, sich verloren hatte, überblickte Hermann die Tischgesellschaft. Sie war ziemlich zahlreich, und bestand wohl aus dreissig Personen. Die Hausgenossen, die unverheirateten Geschäftsleute und Vorstände, und mehrere junge Engländer und Franzosen, welche, angezogen vom Rufe des Oheims, bei ihm in die Lehre gingen, bildeten sie. Man setzte sich, sobald die Suppe erschien, ohne auf die Ausfüllung einiger leeren Plätze zu warten; das Gespräch war ziemlich laut, und Hermann konnte bemerken, dass der Ton, welcher hier herrschte, sehr ungezwungen, ja derb war. Der Oheim sprach halbleise nur mit seinem nächsten Nachbar, und sah meistenteils niedergeschlagen vor sich hin. Von Frauenzimmern war, ausser einigen Wirtschafterinnen, niemand zu erblicken.

Als man schon ziemlich weit in der Mahlzeit vorgeschritten war, erschienen die verspäteten Tischgenossen; Hermann sah überrascht zwei alte Bekannte wieder, den Rektor und den Edukationsrat. Letztrer begrüsste ihn freundlich, dagegen dankte der Rektor kaum der Bewillkommnung, und schien die ganze Tafel über mit einer heimlichen Entrüstung zu kämpfen.

Nach Tische suchte Hermann mit dem Oheim ins Gespräch zu kommen, und sich über so manches, was hier bereits seine Aufmerksamkeit gereizt hatte, Belehrung zu verschaffen. "Ich bin heute morgen Zeuge einer Verhandlung gewesen", sagte er, "nach der es den Anschein gewann, als hätten Sie sich bereits zur Ruhe gesetzt, und andern Ihr ganzes Geschäft übertragen. Und dennoch widerspricht dem alles, was ich von Ihnen sonst sehe und weiss."

"Wenn ich nicht irre, sagte ich dir schon einmal, dass man nur bis auf einen gewissen Punkt besitze", versetzte der Oheim. "Erreicht das Vermögen eine Grösse, welche das Mass der sogenannten Wohlhabenheit übersteigt, sind die Geschäfte zu einem hohen Grade der Ausdehnung gediehen, so muss man andre schalten und walten lassen. Wer dann noch selbst in alles eingreifen, jedes einzelne in eigner person ordnen zu können wähnt, macht über kurz oder lang die Erfahrung, dass nichts nach seinem Willen geschieht, und wird allerorten getäuscht und betrogen. Ich sah diesen Wendepunkt meines Schicksals, als ich das Kloster und die Besitzungen des Grafen angekauft hatte, und meine Fabrikplane anfingen, in Erfüllung zu gehen. Deshalb entschloss ich mich, aus meinen Dienern und Faktoren, welche zum Glück sich in meiner Schule tüchtig herangebildet hatten, selbständige Herrn zu machen, ihnen als Gesellschaftern die Kapitalien, welche ich für die verschiedenen Geschäftszweige bestimmt hatte, vorzustrecken, und einen jeden übrigens auf eigne Gefahr sein Departement verwalten zu lassen. Bis jetzt habe ich mich bei dieser Einrichtung sehr wohl befunden. Die Direktoren treiben das Geschäft zu eigner Ehre und Vorteil, und bringen deshalb einen weit lebhafteren Schwung hinein, als wenn sie nur meine Handlanger wären, die wöchentlichen Konferenzen erhalten mich mit dem Ganzen im Zusammenhange, und da in den Hauptsachen doch immer auf meinen Rat gehört wird, so lenke ich im grund alles nach wie vor."

"Eins fiel mir auf", sagte Hermann. "Warum lassen Sie von Anleihen, welche ein Institut von dem andern macht, Zinsen geben, da doch das gesamte Betriebskapital Ihnen gehört? Sie scheinen solchergestalt sich selbst die Interessen zu entrichten." "Nicht so ganz", versetzte der Oheim. "Die Direktoren haben nur von den reinen Überschüssen ihren Anteil. Sie müssen sich daher bestreben, die Zinsen durch vorteilhafte Spekulationen einzubringen; und da dies in den meisten Fällen gelingt, so gewinnt die Anleihe ihre Interessen in der Tat und nicht bloss zum Schein."

Jemand, der wie ein Metallarbeiter aussah, kam und brachte ein Päckchen Papiere in einem blauen Umschlage. "Es sind die bestellten Kassenscheine", sagte er, "sehen Sie zu, ob sie Ihnen recht sind."

Der Oheim nahm die Papiere aus dem Umschlage, hielt sie gegen das Licht, prüfte die Stempel, und gab einige Stücke an Hermann. Dieser sah, dass es Banknoten waren, über grössere und kleinere Summen lautend, mit dem Geschäftssiegel und der Namensunterschrift des Oheims versehen.

"Es ist gut so", sagte er zu dem Arbeiter, "die Proben gefallen mir, und ihr könnt nun die euch aufgegebne Anzahl verfertigen.

Ich habe es für vorteilhaft gehalten, dieses Papiergeld zu kreieren, dessen Honorierung mir von allen bedeutenden Handelshäusern in den benachbarten Städten zugesagt worden ist"; mit diesen Worten wandte er sich gegen Hermann. "Es ist ein leichtes Zahlungsmittel für alle meine Angehörigen und Arbeiter, und ich erspare damit ebensoviel bares Geld, welches nun wieder andrerorten tätig sein kann.

Ich sehe", fuhr er fort, "in den so übel berüchtigten Anleihen der Staaten nichts Schlimmes. Nicht in der vorhandnen Masse der edlen Metalle, sondern in den produktiven Kräften beruht der Reichtum einer Nation, und es ist gleichgültig, ob diese Kräfte durch Silber und Gold, oder ob sie durch Papier in Bewegung gesetzt werden, ja, es ist ein gutes Zeichen, wenn man zu letzterem greifen muss, um den Überschuss der Tätigkeit auszugleichen."

Ein kleiner Rollwagen fuhr unter dem Fenster vor, von zwei rüstigen Burschen gezogen. Der Oheim sah mit einem schwermütigen Lächeln seine schwachen und gebrechlichen Füsse an, und sagte: "Dagegen hilft nun freilich weder Spekulation, noch Papiergeld. Willst du, neben diesem kindischen Fuhrwerke hergehend,