"Das Schicksal gibt uns oft sonderbare Zeichen. Es ist eigen, dass ich gerade jetzt, wo so manche Entscheidungen sich an mein Leben herandrängen, mich wider Willen in einem Gehäuse ausstrecken musste, worin, wenigstens auf geraume Zeit, Sinn und Gefühl und Erinnerung erlöschen werden."
Zweites Kapitel
Er stieg den Berg zum Kloster hinunter. Die mannigfaltigen Gewerbevorrichtungen, welche er nun im einzelnen musterte, berührten seine Auge noch unangenehmer, als tages zuvor. Diese anmutige Hügel- und Waldnatur schien ihm durch sie entstellt und zerfetzt zu sein. Das freie Erdreich mit Bäumen und wasser, welches die Seele sonst von jedem Drucke zu erlösen pflegt, lastete auf der seinigen mit stumpfem Gewichte, weil es doch auch nur als Sklav' im Dienste eines künstlich gesuchten Vorteils sich zeigte. Um alle Sinne aus der Fassung zu bringen, lagerte sich über der ganzen Gegend ein mit widerlichen Gerüchen geschwängerter Dunst, welcher von den vielen Färbereien und Bleichen herrührte.
Erst als er sich dem Kloster ganz nahe befand, ward ihm wohler. Rings um die wellenförmige Erhöhung, auf welcher die Gebäude standen, zogen sich die schönsten Blumenpartien. Alle Umgebungen waren in einen wohlausgestatteten Garten verwandelt worden. Orangerien und Gewächshäuser zeigten sich an mehreren Punkten.
Er fand den Oheim, zu dem er ohne weiteres geführt wurde, in seinem Comptoir, umgeben von vielen Geschäftsleuten und Kommis. Sie sassen um einen grossen grünen Tisch nach Art eines Kollegiums, der Oheim nahm in einem Lehnstuhle die Oberstelle ein. Er begrüsste Hermann mit kurzen, freundlichen Worten, und bat ihn, zu verziehen, bis die Konferenz beendigt sei, welche darauf ihren gang ungestört weiter nahm.
Hermann konnte bald an den Verhandlungen sehen, dass hier keine Geschäftsführung im gewöhnlichen Sinne stattfinde. Nicht ein Herr mit verschiednen, nur die Ausführung besorgenden Dienern war vorhanden, sondern ein jeder Geschäftszweig hatte seinen unabhängigen Vorstand, welcher innerhalb desselben frei nach eignem Ermessen verwaltete. So trat in der Versammlung ein Direktor der Glasfabrik, der Bergwerke, der Brau- und Brennerei, der Webstühle, der Porzellanmanufaktur hervor, und noch manche andre Fabrikstätten wären zu nennen. Diese Vorstände berichteten dem Oheim die Resultate ihrer Tätigkeit in der verflossnen Woche. Wo mehrere oder alle Gewerbszweige ineinandergriffen, wie bei dem Verkehr mit Amerika, wurde die Beratung ganz kollegialisch, die Stimmenmehrheit entschied streitige Punkte. Jedes Departement schien auch seine abgesonderte Kasse zu haben, denn die Vorstände rechneten miteinander ab, und es kam vor, dass einer von dem andern sich eine Anleihe erbat, die dann auch, wie die dabei gemachten Bemerkungen erwiesen, ihre kaufmännischen Zinsen tragen musste. Ein Sekretär, welcher am untern Ende der Tafel sass, führte über den Einhergang Protokoll.
Die Autorität des Oheims bestand nur in der Präsidentschaft. Er hörte die Berichte der einzelnen Direktoren an, äusserte darauf seine Meinung, die jedoch niemals wie ein Befehl klang, lächelte beifällig, wenn sie angenommen wurde, und liess es geschehn, wenn der Referent sie verwarf. Trat eine allgemeine Beratung ein, so beschränkte er sich darauf, die Debatte zu leiten, abschliesslich den Inhalt der verschiedenen Meinungen zusammenzufassen, und bei Stimmengleichheit durch sein Votum zu entscheiden.
Hermann wohnte mit Verwunderung dieser Sitzung bei. Die Grösse der zirkulierenden Summen, die Mannigfaltigkeit der Geschäfte, die Unabhängigkeit der Verwaltungen, und dann doch wieder ihre innige Verzweigung, der blick nach Rio und Vera Cruz, der sich von Zeit zu Zeit auftat, alles dieses zusammengenommen gab ihm das Bild des Weltandels und zugleich eines "königlichen Kaufmanns" der Gegenwart. wunderbar stach gegen die kolossale Gestalt dieses Betriebes die körperliche Erscheinung des Herrn und Meisters ab. Hermann fand den Oheim sehr verändert. Er sass gebeugt, und mit dem kopf zitternd in seinem Lehnstuhle, und nur die Augen, sowie seine Reden verrieten noch die ungeschwächte geistige Kraft.
Als die Geschäftsvorstände sich entfernt hatten, bewillkommte ihn der Oheim, sich mühsam im Sessel emporrichtend. Hermann nötigte ihn zum Sitzen zurück, und wollte nach den ersten Reden die Absicht seines Kommens darlegen. "Lass es", sagte der Oheim, "du kennst meine Grundsätze darüber. Oder wenn du dich durchaus getrieben fühlst, die Sache weiter zu verfolgen, so warte damit noch ein acht Tage, sieh dich indessen in der Gegend und in den Fabriken um, vielleicht kommst du dadurch selbst von deinem Vorsatze ab."
"Wenigstens müssen Sie diesen vernehmen", sagte Hermann. "Ich kann die Ungewissheit, worin ich über Cornelien schwebe, nicht länger ertragen. Was Sie mir damals auf dem schloss des Herzogs eröffneten, wurde in Eile und Zerstreuung gesprochen; eine ruhige Überlegung verhinderte das unglückliche Ereignis, welches Sie zu schleuniger Abreise zwang. Cornelie hat mir auf alle meine Briefe nicht geantwortet. Eine Entscheidung will und muss ich haben, und deshalb bin ich hier."
"Diese Entscheidung soll dir werden", versetzte der Oheim, den der bewegte Ton, mit dem Hermann sprach, nicht ungerührt zu lassen schien. "Warte die Zeit ab. Ich will ja dir, ich will keinem mit Absicht Unrecht tun, gönne mir ein paar Tage, die Sache noch einmal für und wider zu überlegen, und unterdessen sei mein Gast."
Mit dieser Erklärung musste Hermann vorderhand zufrieden sein.
Bei Tische erwartete er vergebens Cornelien, nach deren Anblicke er sich sehnte und den er doch fürchtete. Dagegen zeigte sich Ferdinand auf einen Augenblick. Sowie der Knabe aber Hermanns ansichtig wurde, färbten sich seine Wangen hochrot, er